Starmer-Regierung in Großbritannien: Bad Timing
Mitten in der schwersten Krise der Labour-Regierung gerät eine Nachwahl bei Manchester zum Stimmungstest. Die Rechten treten selbstbewusst auf wie nie zuvor.
B ereits am Telefon äußert der Pressesprecher der rechtspopulistischen britischen Partei „Reform UK“ sein Bedauern. „Angesichts der nahen und knappen Wahl“ könne Matt Goodwin keine internationalen Journalist:innen treffen. Der Akademiker soll am 26. Februar den Wahlkreis Gorton & Denton erobern, einen südöstlichen Außenbezirk Manchesters mit rund 75.000 Wähler:innen. Der bisherige Labour-Abgeordnete Andrew Gwynne hat sein Mandat niedergelegt, offiziell „aus Gesundheitsgründen“. Zuvor hatte er allerdings in internen Chats anzügliche und herablassende Bemerkungen über seine Wähler gemacht.
Die Nachwahl für das britische Unterhaus fällt mitten in die schwerste Krise des Labour-Premierministers Keir Starmer. Neben der generellen Unzufriedenheit über seine Politik steht er unter Druck, weil er angeblich von den Verbindungen des langjährigen Labour-Politikers Peter Mandelson zum US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wusste. Gorton & Denton gilt seit fast einem Jahrhundert als sicherer Labour-Sitz. Doch Reform UK oder auch die Grünen könnten den Wahlkreis erobern – ein Szenario, das Starmers Krise verschärfen würde.
Die Enttäuschung über die Labour-Regierung, die 2024 gewählt wurde, ist auf den Straßen vor Ort mit den Händen zu greifen. Zum Beispiel bei der 24-jährigen Hebamme Leonie Shaw und der 27-jährigen Krankenpflegerin in Ausbildung Chloe McGlynn, eigentlich klassische Labour-Zielgruppe. „Wir haben uns mehr Unterstützung für junge Menschen erhofft und finden, Labour hat zu wenig für das Gesundheitssystem getan“, sagt Shaw. McGlynn stimmt ihr zu. Beide wollen nun die Grünen wählen.
Die Wahlkampfzentrale von Reform UK liegt in einer kleinen Fabrikhalle im Industriegebiet von Denton, nahe der Stadtautobahn. Vor der Halle steht ein alter Reisebus, fast alle der etwa 40 Parkplätze sind belegt. Drinnen ist es voll: vor allem ältere, ergraute weiße Männer über 50 sieht man, dazwischen aber auch ein paar auffällig junge Leute.
Selbst der Vorsitzende des Ortsvereins flüchtet
Zia Yusuf, „Policy Head“ der Partei, unterhält sich in der Mitte des Raums mit Unterstützern. Kandidat Matt Goodwin, einst Rechtsextremismusforscher und zuletzt Moderator beim rechten Sender GB News, posiert am Rand mit Parteimitgliedern vor einem türkisfarbenen Plakat mit der Parole „Familie, Gemeinschaft, Land“. Gespräche mit der Presse blockt die Partei ab. Selbst der Vorsitzende des Ortsvereins flüchtet, als er merkt, dass er mit einem deutschen Journalisten spricht. Beim Verlassen der Halle zeigt sich: Viele Anwesende sind mit dem Reisebus angereist.
Vor dem Gebäude steht „Young Bob“, ein bekannter Rechtsextremist, der im vergangenen Sommer bei Protesten im Land gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in Hotels auffiel. Ende Januar erklärte er in einer Videobotschaft auf X, er unterstütze zwar die rechtsextreme Splitterpartei „Advance UK“, wäre aber auch mit einem Sieg Goodwins zufrieden. Der sei ein „wahrer Rechter“, der Themen wie „Umvolkung“ anspreche.
Auch Tommy Robinson, Großbritanniens bekanntester Rechtsextremist, hat sich hinter Goodwin gestellt. Die Parteiführung von Reform UK distanziert sich nicht. Goodwin selbst gibt diesen Kräften Bestätigung: Nach einer Messerattacke in einem Zug, bei der der Täter ein britischer Schwarzer war, stellte er infrage, ob Menschen mit Migrationshintergrund wirklich Briten sein könnten – selbst wenn sie im Land geboren seien und die richtigen Papiere hätten. Der einstige Rechtsextremismusforscher scheint mit seinem Forschungsgebiet verschmolzen.
Im Wahlkampf von Gorton & Denton zeigt Reform UK starke Präsenz. Selbst im strömenden Regen klopfen Wahlhelfende an Türen und verteilen Flugblätter. Die Menge an Wahlwerbung sei enorm, berichten Anwohner. Auf den Flugblättern stehen vier Forderungen: ein Ende der Klimaneutralität, um Energiekosten zu senken; ein Stopp der illegalen Einwanderung; nationale Präferenz für Briten; und ein Ende der Gesetzlosigkeit auf den Straßen.
In einer gepflegten Straße in Denton, gesäumt von Einfamilienhäusern mit gelegentlich wehenden britischen Flaggen, begründet die 57-jährige Großmutter Paula Wolstenholme an ihrer Türschwelle der taz ihre Absicht, für „Reform“ zu stimmen. „Alle Parteien sind bei mir vorbeigekommen, aber Reform UK haben am besten zugehört“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die Partei die öffentlichen Dienstleistungen verbessern wird. Auch andere in der Gegend tendieren zu Reform UK. Nicky Hardy, 25 und arbeitslos, will die Rechtspopulisten wählen, damit das Land wieder werde wie früher – mit niedrigeren Preisen und mehr Polizeipräsenz.
Die Labour-Wahlkampfzentrale liegt im Stadtteil Gorton, wo anders als in Denton mehr Menschen dicht an dicht in mehrstöckigen Wohnblöcken leben. Viele stammen aus dem indischen Subkontinent oder Westafrika. Hier trifft die taz Labour-Kandidatin Angeliki Stogia in einer umfunktionierten Industriehalle. Ringsherum liegt eine riesige Menge an Wahlkampfmaterial, gebündelt und mit QR-Codes versehen.
Stogia, Jahrgang 1978, trägt schulterlanges, welliges Haar und eine schwarze Glitzerjacke, als sei sie schon jetzt der Star der Wahl. Geboren in Griechenland, betont sie stolz: „Sollte ich Abgeordnete werden, wäre ich die erste mit griechischen Wurzeln.“ Das sei ein Kern ihrer politischen Perspektive. „Ich wollte, dass die Vielfalt dieser multikulturellen Stadt sich auch in der Stadtvertretung widerspiegelt. 2012, als ich erstmals kandidierte, war das nicht der Fall: wenige Frauen, kaum Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten waren ältere Männer“, erinnert sie sich.
An diesem Wochenende erhält Stogia prominente Unterstützung: Andy Burnham, Labour-Bürgermeister von Manchester, und Angela Rayner, die frühere Vize-Parteichefin, die Keir Starmer 2025 aus dem Amt drängte, sind bei ihrer Wahlkampfveranstaltung dabei. Beide gelten als Rivalen Starmers. Burnham wollte eigentlich selbst für diese Nachwahl antreten, aber die Labour-Führung ließ ihn nicht zu, weil er als Parlamentsabgeordneter Starmer gefährlich werden könnte.
Ausbau der Straßenbahn
Würde Stogia es auch begrüßen, wenn Keir Starmer käme, um sie zu unterstützen? „Selbstverständlich“, antwortet sie sofort. „Er ist der Führer unserer Bewegung!“ Und der Mandelson-Skandal? „Der hat sich selbst in Ungnade gebracht und Land und Premierminister hängen gelassen. Ich verstehe den Ernst der Lage und denke an die Opfer“, sagt sie. Ihr Ziel sei es, den Menschen zu zeigen, wie Labour Probleme wie illegale Müllentsorgung, unsoziales Verhalten und unsaubere Straßen lösen will.
Gemeinsam mit Burnham wolle sie dafür sorgen, dass Züge in Denton öfter als zweimal wöchentlich halten und die Straßenbahn dorthin ausgebaut wird. Das ist ihre größte Trumpfkarte: Als Abgeordnete hätte sie Zugang zu den Mächtigen – der Labour-Regierung in London, dem Labour-Bürgermeister von Manchester und dem Labour-Gemeinderat. Von den Grünen hält sie wenig: „Letzten Mittwoch stimmten sie im Stadtrat von Manchester gegen einen Plan für bezahlbare Wohnungen. Sie reden viel über Werte und soziale Gerechtigkeit, liefern aber wenig.“
Das stimmt nicht ganz. Die Grünen argumentieren, sie stimmten gegen den Labour-Plan, weil ihnen die Wohnungen nicht erschwinglich genug schienen. Sie präsentieren sich als die wahre linke Alternative zu Reform UK und behaupten, dass Labour diese Nachwahl nicht gewinnen könne.
Zum Treffen mit der grünen Kandidatin Hannah Spencer wird man in einen Park in Denton gebeten. Rund 40 meist junge Menschen stehen um ein Partyzelt mit Wahlkampfmaterial. Eine Frau bietet vegane Suppe und Brot an. Spencer kommt fast eine Stunde zu spät, begleitet von Sicherheitsleuten.
Die ausgebildete Klempnerin ist seit knapp drei Jahren Stadträtin der Grünen in Trafford. Sie hat lange nach hinten gebundene blonde Haare, trägt Sweatshirt und Jeans, eine Wachsjacke mit Löchern und weiße Sportschuhe. Warum will sie ins Parlament? „Weil die Politik so aussichtslos wirkt. Ich will eine hoffnungsvolle Alternative bieten. Ich habe hier gelebt, arbeite noch immer hier und sehe, wie Menschen unter Herausforderungen leiden, die Politiker lange ignoriert haben“, sagt die 34-Jährige.
Die Grünen stünden für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und gegen Rassismus. Besonders wichtig sei es, die Kluft zwischen Superreichen und dem Rest zu überwinden. „2026 darf niemand mehr frieren, während Energiekonzerne Millionenprofite machen.“ Politik und Feminismus seien für sie untrennbar, etwa weil sie selbst zeige, dass Frauen Klempnerinnen sein können, oder wenn sie an Frauen in Palästina denke. Beschäftigen sie die Frauen im Iran auch? Ja, sagt sie sofort und verweist auf Freund:innen.
Ist es ein Hindernis, dass ihre Kontrahentin bei Labour ebenfalls eine junge Frau ist? Nein, sagt Spencer. „Alle, die sich hinter Labour stellen, haben Fragen zu beantworten“, findet sie. „Wissen Sie, dass Labour die Kindergeldbegrenzung auf nur zwei Kinder nur deswegen wieder ausgeweitet hat, weil wir Grünen Druck machten?“ Auch das stimmt nicht ganz, der Druck kam ebenfalls aus der Labour-Partei selbst und von Familienorganisationen. Doch die Aussage zeigt das neue Selbstbewusstsein der Grünen.
Spencer nimmt die taz gleich für eine Stunde mit zum Haustürwahlkampf. Nicht alle Türen öffnen sich. Die erste Tür, die aufgeht, ist die von Becky Adams, 51, Direktorin einer Anwaltskanzlei. Sie braucht keine grüne Überzeugungsarbeit. Adams erzählt, erst kürzlich von Labour zu den Grünen übergetreten zu sein, wegen des Skandals um den zurückgetretenen Abgeordneten Andrew Gwynne, der rassistische Nachrichten in einer Chatgruppe teilte.
„Ihr Parteichef ist ein Idiot“
Schwerer hat die Grünen-Kandidatin es ein paar Hausnummern weiter. Der 62-jährige Barry Hazeldine ist nicht überzeugt. „Sie sind nett“, sagt er, „aber ich glaube, Sie machen das nur für einen besseren Job. Und Ihr Parteichef ist ein Idiot!“ Er meint Zack Polanski. „Wer in Zeiten von Putin auf Atomwaffen verzichten will, ist blauäugig“, fügt er hinzu, nennt aber auch Nigel Farage einen Idioten.
Sowohl Grüne als auch Labour müssen sich ständig überlegen, wie sie sich die Konkurrenz von Reform UK vom Hals halten. Spencer wirft „Reform“ vor, die Arbeiterklasse gegeneinander auszuspielen. „Ich bin stolz, dass die Gemeinschaften hier robust sind und wir uns nicht von Menschen spalten lassen, die aus Hertfordshire hierhergebracht wurden.“ Damit spielt sie auf „Reform“-Kandidat Matt Goodwin an, der aus dem Süden Englands kommt.
Labour-Kandidatin Stogia wirft Reform UK Großmaulpolitik vor. „Als Nigel Farage mit seiner Vorgängerpartei Ukip im Europäischen Parlament saß, kam er oft nicht zu den Plenarsitzungen, bot keine Lösungen an und schrie nur herum“, sagt sie. Sie ärgert sich, dass die Grünen behaupten, nur sie könnten „Reform“ schlagen, und dabei mit falschen Grafiken arbeiten. Das hat die Factchecking-Organisation „Fullfact“ bestätigt.
Labour findet vor allem bei der pakistanischstämmigen Bevölkerung Unterstützung. Auf der Straße verweisen die Leute dabei aber oft gar nicht auf die Labour-Kandidatin, sondern auf den ebenfalls pakistanischstämmigen Abgeordneten Afzal Khan aus dem benachbarten Wahlkreis Rusholme. Der setze sich für sie ein, sagen die Leute.
In einem Restaurant erklärt Ahmed Ijat Bhatta, ein 63-jähriger pensionierter Pilot: „Ich wähle Labour, wie immer. Sie stehen für das Gesundheitssystem, Wohnungen, Hilfe für Arbeitslose und mehr Polizei.“ Doch sein Lieblingspolitiker ist George Galloway, ein linker Labour-Abweichler, der Gaza zu seinem Hauptthema gemacht hat und 2024 einige Monate lang für seine eigene „Workers Party“ im Parlament saß. Die Labour-Sympathien gehen offensichtlich nicht sehr tief.
Wie die Wahl ausgeht, bleibt unklar. Denton scheint teils an Reform UK gefallen zu sein, doch dort leben weniger Menschen. In Gorton könnten Studierende Grün wählen, während die pakistanischstämmige Bevölkerung bei Labour bleibt – sofern sie überhaupt wählen geht. Im Crowcroft Park kündigt der 52-jährige Verkaufsmanager Phil an, sich an den Wahlprognosen zu orientieren: „Ich werde die Partei wählen, die Reform UK am ehesten schlagen kann.“
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