Stromausfälle in Odessa: „Jetzt schützt uns nicht einmal mehr das Meer vor der Kälte“
Auch in der südukrainischen Stadt Odessa leiden die Menschen unter russischen Angriffen und eisiger Kälte. Doch im Vergleich zu anderen Städten hat man noch Glück.
„Es gibt eine Stadt am Meer, die sehe ich im Traum. Ach, wenn Sie nur wüssten, wie lieb mir diese Stadt ist …“ Mit der Melodie dieses fast hundert Jahre alten Liedes, das die Schönheit der südukrainischen Stadt Odessa gerade im Frühling besingt, werden alle Reisenden auf dem Hauptbahnhof von Odessa über Lautsprecher empfangen oder verabschiedet.
Vom Frühling kann man aktuell in Odessa nur träumen. Bei Temperaturen von oftmals zehn Grad unter null scheint die Stadt stillzustehen. „Jetzt schützt uns nicht einmal mehr das Meer vor der Kälte,“ klagt eine Verkäuferin.
„Sie wollen also in die Europäische Straße“, vergewissert sich der Taxifahrer. „Wissen Sie, wie diese Straße früher geheißen hat? Sie hieß Katerininskaja. Diese Fanatiker haben nichts Besseres zu tun, als Straßennamen zu ändern.“ Jetzt müsse er noch nach über 40 Jahren Dienst als einheimischer Taxifahrer neue Straßennamen auswendig lernen.
Überhaupt sei dies ein Krieg des Kapitals. „Mit Krieg kann man viel Geld machen“, erklärt er. Und deswegen werde dieser Krieg nicht so schnell aufhören. Doch genau das wolle er: „Dass dieser Krieg so schnell als möglich endet.“
Weitgehend entmachtet
Ein Treffen im Einkaufszentrum „Athen“ im ersten Untergeschoss ist bombensicher. In einem Café nippt Wjatscheslaw Asarow an einem Heißgetränk. Der Blogger, Anarchist und Herausgeber eines demnächst erscheinenden Buches über die Verfolgung von Linken in der Sowjetunion wundert sich nicht über die Äußerungen des Taxifahrers.
Diese seien zwar interessant, würden aber weder zur Meinungsbildung beitragen noch sonst etwas bewegen. „Im Augenblick gibt es nur zwei Akteure, die die Politik in der Ukraine machen: die Präsidialadministration und die Nationalisten.“ Alle anderen Kräfte seien weitgehend entmachtet.
In Räumlichkeiten an der Kanatska-Straße sitzen Journalisten vor ihren Laptops. Auch Alexander Sibircew arbeitet heute hier. Der Journalist des lokalen Nachrichtenportals „Dumskaya“ – in der Stadt bekannt für seine Recherchen zur organisierten Kriminalität – scheint mächtig unter Zeitdruck zu sein. Pausenlos hämmert er auf seine Tastatur ein.
„Einem wahnsinnigen Serienmörder darf man nicht trauen.“ Wen er meint, ist klar: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der Krieg werde erst zu Ende gehen, wenn Putin nicht mehr lebe. „Der Krieg findet auf ukrainischem Territorium statt. Russland ist der Aggressor. Wir verteidigen uns. Angenommen, Sie werden auf der Straße überfallen, dann rufen Sie doch auch nicht nach Verhandlungen“, sagt er.
Wieder sei in dieser Nacht ein Bewohner von Odessa unweit des Bahnhofs durch einen russischen Luftangriff ums Leben gekommen. Er glaubt nicht, dass es Russland irgendwann gelingen werde, Odessa einzunehmen.
Enorme Arbeitslosigkeit
„Obwohl viele Einwohner Odessas Russisch sprechen, gehört Odessa zur Ukraine. Wir wollen kein Teil Russlands sein und werden es auch niemals werden. Die russische Sprache ist kein Monopol Russlands. Wir können und werden viele Sprachen sprechen, denn das ist Odessa, das sind unsere Geschichte und unser Hintergrund“, sagt Sibircew.
Auch Lidia glaubt nicht, dass die Russen Odessa einnehmen werden, wenn auch aus einem anderen Grund. Die Frau, Mitte 50, hat einen kurzen Stopp im „Coffee Ocean“ eingelegt. Sie sei stolz auf ihre Tochter, die trotz enormer Arbeitslosigkeit beruflich Erfolg habe.
Ab dem Abschluss eines Englischstudiums und einer Fachschule für Verwaltung arbeite sie als Maklerin. „Jeden Monat verkauft sie eine Wohnung.“ Bei Preisen zwischen 65- und 100.000 Dollar sicherlich kein schlechter Gewinn für eine Berufsanfängerin. Die meisten verkauften Wohnungen hätten einen Blick aufs Meer, die Käufer seien vor allem UkrainerInnen, die im Ausland lebten. „Das heißt“, schlussfolgert sie, „dass viele UkrainerInnen an ein blühendes ukrainisches Odessa glauben.“
Angst hat sie hingegen um ihren Sohn. Er ist im wehrfähigen Alter und kann jederzeit eingezogen werden. „Einmal hatten sie ihn schon, aber weil er ein widerspenstiger Typ ist, kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Dabei ist es ihm gelungen, den Leuten der Wehrbehörde durch die Lappen zu gehen.“
Ein Lächeln
Im Vergleich zu anderen Städten hat Odessa noch Glück. Während die Menschen in der Hauptstadt Kyjiw durchschnittlich jeden Tag nur vier Stunden Strom haben, ist es in Odessa genau umgekehrt: hier haben sie in der Regel vier Stunden keinen Strom.
Doch das kann auch, je nach Viertel, ganz unterschiedlich sein. Während ein Großteil der Bevölkerung ungefähr zwei Stunden täglich auf Strom verzichten muss, gibt es manche Viertel, in denen er mehr als zwölf Stunden pro Tag ausfällt. Das ist auch an diesem Nachmittag so. Überall ist das Geräusch brummender Generatoren zu hören. Plötzlich huscht ein Lächeln über Lidias Gesicht. Sie hat soeben erfahren, dass sie Großmutter geworden ist.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert