piwik no script img

Brandmauer-DebatteLinke weist Vorwurf bewusster Zusammenarbeit mit AfD zurück

Ein Antrag der Linksfraktion im Thüringer Landtag bekam nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit. Die Linke spricht von einer „Zufallsmehrheit“.

„Zufallsmehrheit“ von Linken und AfD, weil die Bürgerlichen Mal wieder untätig sind Foto: Martin Schutt/dpa

dpa | Die Linke weist den Vorwurf zurück, im Thüringer Landtag bewusst eine Mehrheit mit der AfD in Kauf genommen zu haben. Bei der Abstimmung über einen Antrag zur Sportstättenförderung am vergangenen Donnerstag habe es sich um eine „Zufallsmehrheit“ gehandelt, sagte der Vorsitzende der Linksfraktion, Christian Schaft, auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Die Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion, Heidi Reichinnek, betonte, es habe keine vorherige Absprache mit der AfD gegeben.

Der Antrag hatte den Titel „Sportstätten retten – ein neuer Goldener Plan Sport muss her“. Die Linken-Fraktion fordert darin eine Bundesratsinitiative für ein bundesweites Förderprogramm zur Sanierung maroder Sportstätten. Der Antrag wurde am vergangenen Donnerstag mit 32 Ja-Stimmen angenommen – getragen von Abgeordneten der Linken und der AfD. 30 Nein-Stimmen gab es aus den Reihen der Regierungsfraktionen.

Im Thüringer Landtag sind die Mehrheitsverhältnisse schwierig, es gibt ein Patt zwischen Koalition und Opposition. Ministerpräsident Mario Voigt führt die bundesweit einzige sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD. Die Thüringer AfD wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft und beobachtet.

Fehlende Abgeordnete kippen das Gleichgewicht

„Es hätte diese Zufallsmehrheit nicht gegeben, wäre die Koalition mit ihren Abgeordneten anwesend gewesen“, sagte Schaft. Im Landtag gebe es weder für die Opposition noch für die Regierung eine eigene Mehrheit. Sowohl die Oppositionsfraktionen als auch die Regierungskoalition kommen auf je 44 Sitze. Den Angaben zufolge waren zum Zeitpunkt der Abstimmung mehrere Abgeordnete der Koalitionsfraktionen nicht anwesend.

Schaft bestritt, dass seine Fraktion mit der Zustimmung der AfD gerechnet habe. „Von der AfD hatten wir keine Rückmeldung im Vorfeld, wie sie sich zu unseren Anträgen verhalten wird“, sagte der Linke-Fraktionschef. In der Landtagsdebatte zu dem Punkt hatte der AfD-Abgeordnete Uwe Thrum allerdings angekündigt, dass seine Fraktion den Linken-Antrag unterstützen will. Thrum sagte: „Auch wenn wir wissen, wer die 1,3 Milliarden Euro Sanierungsstau im Thüringer Sport mitzuverantworten hat, möchten wir den Antrag der Fraktion die Linken in dieser Angelegenheit eben unterstützen. Denn für die Aufarbeitung dieses gigantischen Berges maroder Infrastruktur brauchen wir die Unterstützung des Bundes – und zwar so schnell wie möglich.“

Auch Reichinnek weist Vorwurf zurück

Reichinnek sagte in der ntv-Talkshow „Pinar Atalay“, die AfD habe bei dem Antrag zunächst Ablehnung signalisiert und sich dann „spontan umentschieden und zugestimmt“. Auch die Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion kritisierte, dass bei der Abstimmung mehrere Abgeordnete der Thüringer Regierungskoalition nicht anwesend gewesen seien.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

24 Kommentare

 / 
  • Die ach so guten Linken. Ernst nehmen kann man sie wirklich nicht mehr. Wenn sie nun noch einmal der Union vorwerfen, die Brandmauer einzureißen, dann wäre das mehr als peinlich, auch wenn man jetzt wieder versucht, das eigene Verhalten schönzureden.



    So wird das nix mit dem Kleinhalten einer rechtsextremen Partei.

  • Wenn man selbst macht, worüber man sich bei anderen empört, ist es natürlich immer etwas anderes.

  • Eine "Zufallsmehrheit". Aha.



    Die AfD hat vorher sehr wohl durchblicken lassen, dass sie dem Antrag zustimmen will. Und das wusste auch Die Linke.



    Das beweist schon die hinterhergeschobene 'Entschuldigung' von Herr Schaft: "Es hätte diese Zufallsmehrheit nicht gegeben, wäre die Koalition mit ihren Abgeordneten anwesend gewesen“.



    Ich übersetze: CDU, SPD und BSW sind schuld. Wären die vollständig dagewesen, hätte es die 'Zufallsmehrheit' aus AfD und Die Linke nicht gegeben.



    Dumm nur, dass auch dieser verzweifelte Versuch völlig entlarvend ist, denn vor der Abstimmung sah Die Linke ja ganz genau, wer anwesend ist und wer nicht.



    Bei lediglich 62 anwesenden Abgeordneten kann man schon mal vorher durchzählen - und wenn man dann sieht, dass von AfD und eigener Partei mehr anwesend sind als von der Koalition, dann verschiebt man die Abstimmung, WEIL das ist die zentrale Forderung, von eurer Partei, dass man nach demokratischen Mehrheiten suchen müsse, wenn absehbar nur eine Mehrheit mit der AfD zustande kommt.



    Das war der zentrale Vorwurf gegen Merz auf Bundesebene.



    Gestern hat Die Linke bewiesen, dass ihr das komplett egal ist wenns um eigene Interessen geht.



    Hochnotpeinlich.

  • Die Demokratie ist deshalb in Gefahr, weil das Diskurs- und Begriffsniveau so lautstark überzeugt dürftig ist.

    Das prinzipielle Problem ist und bleibt und ist zu aller Erst, dass in den Parlamenten überhaupt ein gewählter, wählbarer parlamentarischer Arm des Rechtsterrors sitzt.



    Ist das akzeptiert, kommt es bei Abstimmungen selbstverständlich zu vordergründig "gemeinsamen Abstimmungen"



    Der Faschist muss halt auch kacken. Weshalb er der Sanierung der Abwässerkanäle im Dorf zustimmt.



    Mal abgesehen von taktischem Abstimmverhalten, was selbstverständlich auch zum Instrumentarium von Faschisten gehört.

    Ich erkenne belastbar keine heimliche, schleichende, irgendwie um die Ecke gemeinsame Agenda der DIE LINKE mit dem parlamentarischen Arm des Rechtsterrors AfD.



    Während rechts von ihr sehr wohl eine Erzählung und Haltung existiert, nach der man letztlich behauptet, der Faschismus würde abgewendet, die völkisch-national-wirtschaftslibertären Antidemokraten entmachtet,



    indem man ihre Forderungen und Agenden unter dem eigenen Parteinamen übernimmt. Was nicht selten sogar als die erfolgreiche politische Bekämpfung, als das inhaltliche Stellen der Faschisten behauptet wird.

  • Ich verstehe das Problem nicht so ganz?! Die Linke will etwas durchbringen, und irgendjemand anderes ist auch der Meinung...ist doch alles gut?! Dann hat die AFD "links gewählt", super ^^

    • @Markus Schenkel:

      Das Problem ist, das die gleichen Abstimmungsverhalten bei anderen Parteien skandalisiert werden und sofort das Ende der Demokratie beschworen wird. Dann muss man jetzt auch einstecken und sich bei künftigen "Zufallsmehrheiten mit der AfD" komplett zurück halten. Um es mit den Worten von Frau Herrmann auszudrücken "Jetzt einfach mal die Klappe halten".

  • Mag ja alles sein und man kann über das Thema strikte Brandmauer bei jeder möglichen Abstimmung auch unterschiedlicher Meinung sein. Ich halte das auch nicht immer für sinnvoll. Aber mir fällts sehr schwer zu glauben, dass man Anträge einbringt, von denen man hofft, dass sie aufgrund fehlender Mehrheiten scheitern. Es ist ebenfalls schwer zu glauben, man nicht hätte nicht wissen können, wie die AfD da abstimmt.



    Und das hier:

    "Es hätte diese Zufallsmehrheit nicht gegeben, wäre die Koalition mit ihren Abgeordneten anwesend gewesen“, sagte Schaft."

    ...ist in dem Zusammenhang schlicht eine Frechheit. Da würd ich mich als Wähler maximal verschaukelt fühlen. Verabschiedet euch von der Idee, Politik immer von der AfD abhängig machen zu müssen, dann müsst ihr auch nicht so unwürdig rumeiern.

  • Da scheint jede Partei einmal hineinnzugeraten. Mit Tricksereien der AfD muss man rechnen und die einkalkulieren. Die Brandmauer ist schwer zu halten, seien wir froh, dass sie so oft hält. Es finden andauernd Abstimmungen unter diesen Bedingungen statt und es gibt so viele aufrechte DemokratInnen, die sich in den Stadtratssitzungen und Landesparlamenten mit diesen Menschen rumschlagen müssen. Schlecht wenn es mal nicht funktioniert und vor allem, wenn man nicht zu dem Fehler steht. Aber auch kein Weltuntergang imo und auch nicht das gleiche wie ausländerfeindliche AfD-Politik zusammen mit der AfD zu machen, auch wenn auffallend viele KommentatorInnen da keinen Unterschied erkennen (wollen).

  • Und selbstverständlich ist die CDU* nach Ansicht der Linken schuld. Hätten die doch den Antrag verhindert und wären alle erschienen. Merken die nicht selbst, wie lächerlich das wirkt?

    *es muss die CDU sein, SPD und BSW sind unverdächtig mit der AfD zu arbeiten und die Linke ja sowieso.

  • Das mit der Brandmauer ist mittlerweile einfach nur lächerlich.



    Alle Parteien stimmen mit, bzw. akzeptieren Ergebnisse mit den Rechten. CDU im Bundestag, EVP im EU Parlament, Grüne ebenfalls im EU Parlament (Mersocur).

    Die Brandmauer exestiert nicht mehr.

  • Sportstättensanierung ist besser als immer neue Fussballplätze, vor allem, wenn dem Schutzgebiete zum Opfer fallen. Solche Fälle müssen die Ausnahme bleiben, es darf von den politischen Verantwortlichen dann dem Verein für lange Zeit IMHO höchstens ein einziger neuer Platz zugestanden werden. Ein neuer Platz, und dann die Sanierung der alten. Das kann sehr viel Arbeit sein. Und Unterstützung benötigen. Der Bund hat ja ein Infrastruktur-Sondervermögen. Das könnte evtl. nötige finanzielle Hilfe liefern.

  • "Linke weist Vorwurf bewusster Zusammenarbeit mit AfD zurück"

    Meiner Meinung nach ist es nicht so sehr wichtig, ob die Zusammenarbeit bewusst oder unbewusst erfolgt, sofern für die Bürger:innen gute Lösungen herauskommen. Wenn Linke und Rechte punktuell "die gleichen Ziele" verfolgen, müsste das Ergebnis doch ziemlich "mittig" sein. Mir gefällt das.

    • @*Sabine*:

      Die Weimarer Republik ist auch zwischen rechts und links aufgerieben worden.



      War nicht so gut.

    • @*Sabine*:

      "Wenn Linke und Rechte punktuell "die gleichen Ziele" verfolgen, müsste das Ergebnis doch ziemlich "mittig" sein."



      Grundsätzlich bin ich ja durchaus bei Ihnen, aber so einfach ist die Welt eben nicht. Sowohl ganz rechts als auch ganz links wollen die liberale Demokratie durch etwas anderes ersetzen. Da ist der Schnittpunkt beileibe nicht "irgendwo mittig".



      War in der Weimarer Republik schon so. Sowohl Kommunisten als auch Nationalsozialisten waren gegen Sozialdemokraten.



      Wenn Links und Mitte-links mehr gemeinsam gegen Rechts angegangen wären... aber wer weiß.

      Und damit habe ich noch nicht mal die legendäre Hufeisen-Theorie bemüht.

    • @*Sabine*:

      Meine volle Zustimmung.



      Was soll die Alternative sein?



      Keine sinnvollen Anträge zum Wohl der Bevölkerung mehr einbringen weil die AFD dem zustimmen könnte?

  • In Kürzester Zeit ist die Brandmauer durch Grüne und Linkspartei nun endgültig gefallen.

    Bei aller Liebe, jetzt wirds wirklich kritisch, wenn man an der Union Kritik übt, wenn Sie einen eigenen Antrag mit AfD Stimmen durch bringen.

    Wie dämlich können Grüne und Linke bitte sein?

    • @Walterismus:

      Sehr dämlich. Definitiv nicht weniger dämlich als alle anderen.

  • Also die Linken bringen einen Antrag ein den sie sinnvoll finden. Dann bekommen sie die notwendigen Stimmen.

    Der Vorstand der Linken im Bund beschwert sich dann das der Antrag durchging.

    Irgendetwie ist das eine Mischung aus realsatire und Kindergarten.

    • @Hitchhiker:

      Die Union/SPD fanden es im Bundestag auch "sinnvoll" mit der AfD abzustimmen. Nur haben da Linke und Grüne behauptet die Union/SPD hätten die Brandmauer eingerissen.

      Und die deutschen Grünen fanden es sinnvoll im EU Parlament mit der AfD abzustimmen.

      Also Linke und Grüne stimmen sinnvol ab, und die Union reist Brandmauern ab. Zwei gleiche Sachverhalte die unterschiedlich bewertet werden. jeder nach seinem Geschmack.

    • @Hitchhiker:

      Alle haben auf die CDU mit dem Finger gedeutet, die linke hat gewettert bis zum Anschlag. Und nun? ...Zufallsmehrheit.... einfach lächerlich, Wasser predigen aber Wein trinken.

      • @Krumbeere:

        Stimmt genau. Ich kann mich nur zu gut an die Empörung von Franz Müntefering „das Tor zur Hölle wurde geöffnet“ erinnern.

  • Halten wir also endlich fest:



    Die sogenannte "Brandmauer" ist nicht praktikabel.



    Sprechen wir lieber kontrovers über Inhalte, über Sportstätten, Migration, Freihandelsabkommen und Digital-Regulierung.



    Das bringt immer deutlich mehr als Parteipolitik. Und ganz nebenbei trennt sich die Spreu vom Weizen.

    • @Frauke Z:

      Zustimmung. - Der formalistische Brandmauerkult führt dazu, dass Inhalte plötzlich beliebig scheinen und Politik auf allen Ebenen als reine Machtspielerei oder Hinterzimmerabsprache wahrgenommen wird. Bessere Vorlagen kann man der AfD gar nicht liefern, zumal diese ja immer wieder Situationen mit unklaren Mehrheiten finden wird, wo sie durch situatives Abstimmungsverhalten die anderen gezielt gegen die Mauer rennen lassen kann. -- Nur ist das mit der Brandmauer wohl so wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Nachdem man sie lange lauthals gepriesen hat, fällt es schwer zuzugestehen, dass der Kaiser nackt ist.

    • @Frauke Z:

      Das Problem besteht schon im Verständnis des Wortes BRANDMAUER.



      Grüne und Linke behandelten das wie eine Ewigkeitsgarantie.



      Tatsächlich ist eine Brandmauer nichts anderes als eine Fristverlängerung, denn eine Brandmauer muss im Ernstfall 90 Minuten halten, damit man Menschen oder Güter dahinter retten kann und die Feuerwehr eine Möglichkeit hat, die Brandbekämpfung aufzunehmen und bestenfalls das Feuer vor dem Übergriff unter Kontrolle zu bringen.



      90 Minuten. Nicht unendlich.



      Die Brandmauer wäre also ein Konstrukt gewesen, die flankierend zu einem Verbotsantrag die AfD von der politischen Partizipation ausschließt, bis Karlsruhe ein Urteil gefällt hat.



      Stattdessen hat man sich 10 Jahre hinter der Brandmauer versteckt und dahinter alles abbrennen lassen.



      Dadurch wurde das Feuer immer mächtiger, mittlerweile bei 25%, und jetzt greift das Feuer halt über🤷



      Das Verständnis des Wortes BRANDMAUER war grundfalsch. Das wurde als ENDLAGER missverstanden.



      Die AfD und ihre Wähler dahinter verbannen und wir machen auf der anderen Seite unser demokratisches Ding weiter.



      So läufts halt nicht, nun steht die Bude im Vollbrand.