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Bonus-Wunder bei Volkswagen?VW-Betriebsratschefin wegen „Bild“-Zeitung unter Druck

Die VW-Vorstände könnten in diesem Jahr einen saftigen Bonus einfahren, die Arbeitnehmervertreterin hat nicht gehandelt. Das sorgt für Unruhe bei den Beschäftigten.

Streit um Vorstands-Boni: In der VW-Belegschaft herrscht Unmut Foto: Florence Lo/reuters

Im Intranet von Volkswagen herrscht Unmut über Betriebsratschefin Daniela Cavallo – und das wenige Wochen vor der Wahl des für den Konzern wichtigen Arbeitnehmergremiums Ende März. IG Metall und Vorstand stecken unter einer Decke, ist der Tenor bei den Malochern.

Die hitzigen Diskussionen drehen sich um einen Artikel der Bild-Zeitung. Titel: „VW-Bosse müssen Betriebsrat ihr Bonus-Wunder erklären“. „Diese Meldung könnte viele Mitarbeiter in ihrer Vermutung bestärken, dass wir bei den letzten Tarifverhandlungen verarscht wurden“, schreibt ein Mitarbeiter im Intranet. Der Gewerkschaftsopposition nützt das: Kleinere Gruppierungen wie „Die andere Liste“, die bei der anstehenden Wahl mit Cavallos IG Metall konkurrieren, machen Stimmung.

Kern des Unmuts der Beschäftigten: Hat die mächtige Arbeitnehmervertreterin Cavallo durchgehen lassen, dass VW-Finanzchef Arno Antlitz 6 Milliarden Dollar in die Kassen zaubert – damit die Chefs Boni bekommen? Zumindest hätte Cavallo, die auch im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, die Belegschaft auf einen unvermuteten Geldsegen und dessen Folgen für die obersten Etagen im Bürogebäude der Wolfsburger Konzernzentrale aufmerksam machen müssen, meinen Insider.

Am 21. Januar hatte der krisengeplagte Konzern bekannt gegeben, dass Antlitz binnen weniger Wochen Milliarden-Barmittel aufgetrieben hat – und damit eine Aussage vom September, als er von komplett leeren Kassen sprach, kassiert. VW habe Lagerbestände abgebaut sowie ausstehende Forderungen aus Autoverkäufen verkauft, hieß es. „Selbst für die übrigen Vorstände und den Aufsichtsrat kam eine entsprechende Pflichtmitteilung von VW völlig unerwartet“, will Bild aus Konzernkreisen erfahren haben.

Der Effekt: Während die Vorstände des Konzerns bei einem „Cash-Flow“ von null Euro auch null Bonus erhalten, können sie laut den erst vor zwei Jahren geänderten Vorschriften ab einer Barmittel-Schwelle von 5,6 Milliarden Euro die vollen Zusatzvergütungen einfahren: 1,75 Millionen Euro extra pro Chef.

Verluste durch Tarifkompromiss bei Mitarbeitenden

Und die Mit­ar­bei­te­r*in­nen des krisengeplagten Autokonzerns? Haben nicht nur Angst, dass der in Wolfsburg seit fünf Jahrzehnten produzierte Golf künftig in Mexiko hergestellt wird. Sie müssen auch mit dem Ende 2024 geschlossenen Tarifkompromiss Verluste hinnehmen. Damals stimmte Cavallo unter dem Druck schlechter VW-Zahlen dem Aussetzen von Gehaltserhöhungen und Maibonus zu, um Werke und Beschäftigungsgarantien zu sichern. Außerdem bringen Veränderungen bei den Tarifgruppen, die gerade verhandelt werden, wahrscheinlich ein Reallohnminus. Und wer hat mitverhandelt und zugestimmt? Die seit Mai 2021 amtierende Gesamtbetriebsratschefin Cavallo.

„Wir teilen die Kritik an der bisherigen Informationspolitik des Konzerns zu den 6 Milliarden Euro Netto-Cashflow“, teilt der Betriebsrat mit. Man könne „das damit verbundene Unverständnis der Beschäftigten nachvollziehen“. Noch in dieser Woche werde es in Wolfsburg ein „Spitzengespräch geben, bei dem die Arbeitnehmerseite ihre Positionen unmissverständlich deutlich machen wird“.

Am Dienstagabend ging Cavallo in die Offensive: Angesichts der überraschend guten Kassenlage bei VW forderte die Betriebsratschefin eine Prämie für die Tarifbeschäftigten. „Wenn jetzt alle gemeinsam in Sachen Kostendisziplin derart gut abgeliefert haben“, so Cavallo in einer Extra-Ausgabe der Betriebsratszeitung „Mitbestimmen“, sei mehr Geld „nur fair“.

Außerdem betonen die Arbeitnehmervertreter, dass es neben dem Cash-Flow weitere wichtige Stellschrauben für Vorstandsboni gibt. Vor allem der Return on Sales (Umsatzmarge) sei entscheidend. Zu Gewinngrößen gibt VW allerdings erst im März bei der Vorstellung der Jahresbilanz Auskunft.

Möglicherweise sind diese Zahlen zu schlecht für Boni: VW rutschte im dritten Quartal 2025 in die roten Zahlen. Wegen der Probleme bei Porsche verzeichnete der Autokonzern in den Monaten Juli bis September einen Verlust von 1,072 Milliarden Euro. Insgesamt lieferte VW 2025 erstmals seit Corona wieder unter 9 Millionen Fahrzeuge aus. Ein Minus von 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Und der Konzern selbst? Schweigt. Bislang gibt es zu den Vorwürfen keine Stellungnahmen von Volkswagen in den Medien. Auch auf Anfragen der taz äußerte sich VW bis zum Redaktionsschluss nicht.

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