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Anwältin über die Dunkelfeldstudie„Das Ausmaß der Gewalt ist erschütternd“

Frauen und Männer erfahren laut einer Studie etwa gleich viel Gewalt in Beziehungen. Stimmt das? Die Anwältin Christina Clemm ist skeptisch.

Die Gewalt, die Frauen widerfährt, ist deutlich schwerwiegender als die bei Männern Foto: Arman Zhenikeyev/imago

Interview von

Jonas Bernauer

taz: Frau Clemm, die jüngst veröffentlichte Dunkelfeldstudie verblüfft mit einem Ergebnis: Frauen und Männer sollen innerhalb von Partnerschaften nahezu gleich viel Gewalt erfahren. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen als Fachanwältin für Familienrecht?

Christina Clemm: Ich finde die Studie in diesem Punkt schwach. Denn neben dieser Erkenntnis spricht sie gleichzeitig von erheblichen Unterschieden in der Intensität der Gewalt: Die Schwere der Gewalt, die Frauen widerfährt, ist deutlich höher als bei Männern. Liest man die Studie also genauer, kann man die Aussage, dass Männer und Frauen nahezu gleichermaßen betroffen sind, nicht treffen. Der Vergleich der absoluten Zahlen gibt wenig Aufschluss. Ich wüsste gern, wie es bei versuchten Tötungsdelikten aussieht, ob und wann sich die Taten steigern, wie gefährlich sie waren.

taz: Ist die Studie an dieser Stelle also ungenau?

Clemm: Ja, und wenn ich ehrlich bin, lässt sie mich mit einigen offenen Fragen zurück: Wie konnte beispielsweise die Sicherheit der Frauen gewährleistet werden, die an den Befragungen teilnahmen und noch in ihren Partnerschaften leben? Wenn ich zu Hause einen prügelnden Ehemann hätte, würde ich den Teufel tun und Auskunft darüber geben. Auch bei einem digitalen Fragebogen müsste ich immer Angst haben, dass mein Mann davon erfährt. Auch die Frage, wer wie heftige Gewalt an Männern ausübt, bleibt unbeantwortet.

Bild: Imago
Im Interview: 

ist eine deutsche Rechtsanwältin für Familienrecht und Strafrecht. Von 2015 bis 2017 war sie Teil der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts.

taz: Sie denken dabei an homosexuelle Paare?

Clemm: Genau. Aus der Erhebung geht hervor, dass queere Menschen deutlich häufiger von jeglichen Gewaltformen betroffen sind als der Rest der Bevölkerung. Warum an dieser Stelle nicht auch zwischen den Geschlechtern unterschieden wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich durch eine gesonderte Betrachtung von schwulen und lesbischen Paaren keine unterschiedlichen Ergebnisse ergeben würden. Darf ich Ihnen aber sagen, was ich an der Studie wirklich interessant finde?

taz: Bitte!

Clemm: Das Ausmaß der Gewalt. Es ist erschütternd und es sollte endlich oberste Priorität sein, sie zu bekämpfen. Interessant ist aber auch, dass wir immer davon ausgegangen sind, es sei ein größeres Tabu für Männer, von Gewalterfahrung zu sprechen, als es bei Frauen der Fall ist. Die Studie zeigt nun allerdings das Gegenteil: Männer sind eher dazu bereit, beispielsweise sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen. Das hat mich wirklich verwundert.

Männer können staatlichen Institutionen offenbar mehr Vertrauen entgegenbringen als Frauen. Das sollte der Politik wirklich zu denken geben.

Christina Clemm, Anwältin

taz: Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Erkenntnis?

Clemm: Männer können staatlichen Institutionen offenbar mehr Vertrauen entgegenbringen als Frauen. Das sollte der Politik wirklich zu denken geben: Was hindert Frauen daran, sich an Ermittlungsbehörden zu wenden?

taz: Besser wäre natürlich, wenn es gar keine Fälle gäbe, die zur Anzeige gebracht werden müssten …

Clemm: Natürlich, im Endeffekt müssen wir Straftaten nicht besser verurteilen, wir müssen sie verhindern. Wenn man dieses Anliegen ernst nimmt, müsste eigentlich massiv in Präventionsmaßnahmen investiert werden. Die Antwort des Staates ist hier aber oft gleich null: Wie kann es sein, dass es das Thema häusliche Gewalt noch immer nicht in die Lehrpläne geschafft hat? Es gibt viel, worüber man nach dieser Studie nachdenken muss.

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