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Umama Fatema, frühere Sprecherin der Protestbewegung von 2024 auf dem Gelände des Revolutionsmuseum Foto: Jaed Malek Anonno

Wahlen in BangladeschAufbruch mit Widersprüchen

Bangladesch wählt ein neues Parlament – doch zwischen Protestbewegung, neuen politischen Bündnissen und alten Machtstrukturen bleibt der Wandel fragil.

Natalie Mayroth

Aus Dhaka

Natalie Mayroth

D ie jüngste Geschichte Bangladeschs ist in der Hauptstadt Dhaka allgegenwärtig: Graffiti und meterlange Wandmalereien erinnern an Aufstand und Repression. Sie rücken Frauen in den Mittelpunkt, die sich Sicherheitskräften entgegenstellten, Parolen riefen und den Widerstand organisierten. Sie prägten den Umbruch, der am 5. August 2024 im Sturz von Sheikh Hasina mündete, die das Land jahrelang autoritär regiert hatte. Seit Kurzem ergänzt ein Revolutionsmuseum diese Erzählung.

Das Museum markiert den politischen Bruch, der die Parlamentswahlen am 12. Februar 2026 möglich machte. Bangladesch kann nun über seine Zukunft entscheiden, doch der Übergang zur Demokratie ist fragil. Parallel zur Wahl findet ein Verfassungsreferendum statt, das eine erneute Machtkonzentration verhindern soll, in dem ein Zweikammerparlament eingeführt und etwa die Amtszeit des Regierenden auf zehn Jahre begrenzt werden soll.

Umama Fatema erinnert sich an das Ende der langen Regierungszeit von Hasina, das mit einer Massenbewegung begann, die von Studierenden ausging. Zunächst an öffentlichen Universitäten, dann an privaten Hochschulen und nach dem 17. Juli 2024 schließlich im ganzen Land und über weite Bevölkerungsschichten hinaus. „Es war extrem chaotisch, aber in diesem Moment fühlte es sich schön an.“ Ihre Stimme klingt aufgeregt und nachdenklich zugleich.

Die Biochemiestudentin wurde zu einem Gesicht der Proteste. Als Sprecherin von Students Against Discrimination verteidigte sie die Idee des Aufstands: eine breite Mobilisierung von unten. Hasinas Tage als Premierministerin waren gezählt, nachdem Sicherheitskräfte brutal gegen Demonstrierende vorgegangen waren und sie den Rückhalt des Militärs verloren hatte. Sie floh nach Indien, wo sie bis heute ist. Während der Proteste starben Schätzungen zufolge rund 1.400 Menschen.

Unter der fast 16-jährigen Regierungszeit ihres Regimes, so dokumentiert es das Museum, kamen insgesamt mehr als 4.200 Menschen ums Leben: bei außergerichtlichen Tötungen, Verschleppung und Todesfällen in Haft nach Folter. In diesem Zeitraum ereigneten sich auch schwerwiegende Vorfälle wie das Massaker der Bangladesh Rifles 2009 und die Ereignisse vom 5. Mai 2013 in Shapla Chattar.

Bangladesch wählt

Wahl und Kandidierende

Zu den 13. Parlamentswahlen sind knapp 60 Parteien zugelassen, nicht jedoch die Awami Liga von Sheikh Hasina. Rund 127 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, 44 Prozent von ihnen jünger als 38 Jahre. Gewählt werden 300 Abgeordnete direkt, hinzu kommen 50 für Frauen reservierte Sitze. Von etwa 2.000 Kandidierenden sind rund 80 Frauen sowie eine Person des dritten Geschlechts. Erstmals können auch im Ausland lebende Bangladescher per Briefwahl abstimmen.

Politischer Kontext

Als Favoriten gelten Tarique Rahman (BNP) und Shafiqur Rahman (Jamaat-e-Islami). Lokale Prognosen sehen die BNP bei 44 bis 60 Prozent, Jamaat bei 11 bis 44 Prozent. Die letzten weithin als frei geltenden Wahlen fanden 2008 statt.

Referendum

Parallel zur Wahl wird über die „July Charta“ abgestimmt. Bei Annahme soll das Parlament binnen 180 Tagen als verfassungsgebende Versammlung Reformen beschließen. Übergangspremier Muhammad Yunus wirbt für das Vorhaben und verspricht eine friedliche Machtübergabe.

An Hasinas früherer Residenz, dem Gana Bhaban (Haus des Volkes), erinnert heute das July Revolution Memorial Museum an all das und grüne Hügel vor dem Bau an die Toten. Das Gebäude nördlich des Parlaments wurde umgewandelt. Noch ist es nicht vollständig geöffnet, doch es markiert bereits einen Neuanfang. „Es ist überwältigend zu sehen, wie die Geschichte hier bewahrt wird“, sagt Umama bei ihrem ersten Besuch der taz. Slogans sind an den Wänden erhalten geblieben, Frauen als Statuen und auf Fotografien verewigt. Auf einem Bild ist auch sie zu sehen, mitten im Gedränge. Der Ort sei vor allem für kommende Generationen wichtig.

Dass Bangladesch nun wählt, bedeutet nicht, dass der Umbruch abgeschlossen ist. Der schwierigste Teil steht noch bevor: die Bildung einer stabilen Regierung. Rund 127 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, davon 44 Prozent jünger als 38 Jahre.

Viele hoffen auf eine stabile fünfjährige Regierungszeit

Tawfique Haque, Politikwissenschaftler

300 Abgeordnete werden direkt gewählt, 50 weitere Sitze sind Frauen vorbehalten. Internationale Wahl­be­ob­ach­te­r:in­nen begleiten den Urnengang, der zu den ersten weitgehend fairen Wahlen seit 2008 zählen könnte – sofern der Ausschluss der Awami Liga außer Acht bleibt und es nicht zu Manipulationen in den Wahllokalen kommt. Unterdessen bleibt die Sicherheitslage angespannt. Die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group sieht eine Gefahr von Angriffen auf Kandidaten sowie Vergeltungsmaßnahmen gegen Anhänger von Sheikh Hasinas Awami Liga und Personen aus der hinduistischen Minderheit. Zuletzt wurden zwei Hindus in Bangladesch getötet.

Reisähre gegen Waage

Sheikh Hasinas Partei Awami Liga wurde von den Wahlen ausgeschlossen. Der politische Rahmen bleibt eng. Der BNP-Vorsitzende Tarique Rahman gilt als Spitzenanwärter für das Amt des Premierministers. Den Wahlkampf dominieren zwei Lager: die Allianz um die etablierte Bangladesh Nationalist Party (BNP) mit dem Symbol der Reisähre und das Bündnis der islamistischen Jamaat-e-Islami mit einer Waage. Letztere tritt gemeinsam mit der aus der Studierendenbewegung hervorgegangenen National Citizen Party (NCP) an.

Der Zusammenschluss sei eine strategische, keine ideologische Entscheidung, heißt es vonseiten der noch jungen Partei. Zwar haben sich die politischen Freiräume erweitert, doch konservative Positionen gewinnen zunehmend an Einfluss. Das könnte die freie Meinungsäußerung zu sensiblen Themen wie Religion einschränken – nicht zuletzt aus Angst vor Mobgewalt. Auch unter Medienschaffenden hat die Selbstzensur spürbar zugenommen

Tawfique Haque, Professor an der North South University in Dhaka beschreibt den Wahlausgang nach Jahren ohne glaubwürdige Urnengänge „als unvorhersehbar“. „Viele hoffen auf eine stabile fünfjährige Regierungszeit.“ Bei einem knappen Ergebnis oder umstrittenen Auszählungen schließt er erneute Unruhen nicht aus. Was jedoch feststeht: In der Politik werde der Islam künftig eine größere Rolle spielen als unter der Awami Liga. Haque geht davon aus, dass die Jamaat-e-Islami die AKP von Recep Tayyip Erdoğan als Vorbild für eine konservative, islamisch orientierte Partei nimmt, die jedoch nach Inklusivität und guten Beziehungen zu den westlichen Mächten strebe.

NCP-Kandidatin Dilshana Parul im Wahlkampf Foto: Jaed Malek Anonno

Die Wahl ist in diesem Jahr noch männlicher geprägt. Von rund 2.000 Kandidierenden ist eine Person des dritten Geschlechts und etwa 80 sind Frauen. Damit ist der Anteil von 2024, als 101 Frauen kandidierten, von fünf auf vier Prozent gefallen. Eine der Kandidatinnen ist Dilshana Parul. Bis zur Kampagnensperre, zwei Tage vor der Wahl, zieht sie durch die staubigen Straßen von Savar-Ashulia, einem industriellen Wahlkreis nordwestlich von Dhaka. Vor Ort entscheidet sich, ob der Umbruch auch an der Wahlurne ankommt. Parul kandidiert für die NCP, die für diese Wahl eine Allianz mit der islamistischen Jamaat-e-Islami eingegangen ist. Die Verbindung ist sichtbar: Sie trägt einen Sari und eine schwarz-weiße Kufija, auch bekannt als „Palästinensertuch“, als Kopftuch; früher trat sie ohne Kopfbedeckung auf.

Ein kleiner Tross aus Autos und Rikschas begleitet sie mit Hupen. Textilfabriken prägen die Gegend, der beißende Geruch der nahen gelegenen Mülldeponie liegt in der Luft. Parul wuchs in Savar auf. Sie studierte Statistik an der Jahangirnagar University und arbeitete später in Nichtregierungsorganisationen. 2017 zog sie nach Australien, gründete ein Unternehmen. Nach der Juli-Revolution kehrte sie zurück, erzählt sie, während kleine Kinder aufgeregt hinter ihr und Männern, die Pamphlete verteilen, hinterherlaufen.

„Ich will für die hart arbeitenden Menschen eintreten“, lautet ihr Motto. Ihre Stimme ist heiser vom Wahlkampf. Ihre politische Prägung stammt aus der linken Studentenpolitik, daher irritiert die Allianz mit Jamaat manche. Ende Januar überreichte Jamaat-Chef Shafiqur Rahman Parul das Wahlsymbol der NCP: die Seerosenknospe auf Bangla „Shapla Koli“, ein Begriff, der auf der Rally immer wieder laut gerufen wird.

Was das Land jetzt brauche, sei mehr als eine neue Regierung: eine starke Opposition, freie Medien und eine unabhängige Justiz

Mahmuda Habiba, BNP-Politikerin

Doch das Machtgefälle ist gesetzt: Jamaat zielt landesweit auf 179 Sitze, die NCP auf 30 – in diesen sollen keine Jamaat-Kandidaten antreten, was der NCP einen Vorteil verschafft. Parul versucht, sich als eigenständige Kandidatin zu behaupten. In der NCP hat sie landesweit nur eine weitere weibliche Mitkandidatin, Nabila Tasnid im Wahlkreis Dhaka-20.

Parul wirbt mit Nähe. „Ich bin von hier“, sagt sie. Politik sei Verantwortung. Ein Ladenbesitzer nickt. „Sie ist eine ehrliche Frau. Wir wollen keine korrupten Eliten mehr“, sagt Tufan. „Alle wollen Veränderung. Sie gehört zu diesem neuen Team Bangladeschs.“ Die Menschen, auf die sie zugeht, hören ihr zu. Mit einer Gruppe älterer Männer zieht sie sich zu einem privaten Gespräch auf ein Glas Schwarztee zurück und hofft, Zweifeln zuvorzukommen.

Inhaltlich setzt sie auf lokale Themen: Erpressung und Drogenmissbrauch, die Regulierung der Mülldeponie, sauberere Flüsse. Für Frauen fordert sie staatlich finanzierte Mutterschaftsleistungen und ein Krankenhaus für Arbeiterinnen. Doch der Wahlkampf zehrt. „Ich war nicht auf den Umfang vorbereitet“, sagt Parul. Auch finanziell sei es schwierig in einem Wahlkreis mit fast 800.000 Wahlberechtigten.

Die Erschöpfung der letzten Tage sieht man ihr an. „Männer wissen besser, wie man dieses System navigiert“, sagt Parul. Netzwerke, Geld, Zugang – all das fehle Frauen oft. Ohne Reformen der Wahlfinanzierung bleibe Politik für die Mittelschicht schwer zugänglich. „Kandidieren ist möglich. Gewinnen ist eine andere Frage.“ Für ihre Kampagne ist sie auf Spenden und Freiwillige angewiesen, darunter auch Männer in traditionell muslimischer Kleidung, die sie begleiten. Antifeministische Anfeindungen habe sie im direkten Kontakt kaum erlebt, sagt Parul. In Savar treffe sie auf Menschen, die neuen Gesichtern eine Chance geben, solange diese Verbindlichkeit zeigen.

Ihre Familie lebt weiterhin in Australien. Parul plant zu pendeln. „Am Ende wird meine politische Laufbahn entscheiden, wo ich bleibe“, sagt sie. Während sie von Haus zu Haus, von Laden zu Laden läuft, wechseln sich Musik und Lautsprecheransagen ab. Der Lärm der Hauptstraße ist hier weit weg, ihre Botschaft nahbar. Veränderung beginne, sagt Parul, wenn jemand bleibt und sich dem System stellt. Das verspricht sie ihren Wähler:innen.

Konservatives Erstarken

Der Aufstieg religiös-konservativer Kräfte prägt auch die Wahlen. Die islamistische Partei Jamaat-e-Islami nahm zuletzt 2008 an Wahlen teil. Sie wurde unter Hasina stark unterdrückt. „Die Partei kann sich heute als Opfer der Diktatur inszenieren, obwohl sie historisch selbst Teil autoritärer Gewalt war“, sagt Politikwissenschaftlerin Jasmin Lorch am Institute of Development and Sustainability (Idos).

Islamistische Strömungen gefährdeten den Demokratisierungsprozess, sagt sie der taz. Ältere Wähler erinnern sich daran, dass Jamaat Pakistan während des Unabhängigkeitskrieges unterstützte. Zugleich zeigt sich Jamaat reformiert und verspricht, Frauen einzubinden – trotz früherer frauenfeindlicher Aussagen, wonach Frauen für Führungspositionen nicht geeignet seien. Im Parlament hatte die Partei bislang nie eine starke Präsenz. Das soll sich ändern.

Ihr von männlichen Studierenden geprägter Flügel Islami Chhatra Shibir zeigt den Aufschwung, den die Partei gerade erlebt: Bei Studierendenwahlen an öffentlichen Universitäten wie der Dhaka University war er erfolgreich. „Was die Menschen im Moment am meisten wollen, ist Sicherheit“, sagt die 18-jährige Schülerin Sumaya Sabrin – unabhängig davon, welche Partei sie garantiere.

Ihr Verhältnis zur Jamaat-e-Islami bleibt ambivalent, wie bei vielen jungen Menschen: Als nationale politische Kraft ist Jamaat für sie keine erste Wahl, Religion sei Privatsache. Der Jamaat-nahen Studierendengruppe steht sie dennoch offen gegenüber, seit es dort aus ihrer Sicht sicherer geworden ist.

Eingeschränkte politische Räume für Frauen

An Privatuniversitäten wie der North South University in Dhaka gibt es keine Studierendenwahlen. Doch auch hier zeigt sich, wie tief die Proteste ins Land hineinwirken und wo ihre Grenzen liegen. Die 21-jährige Nafsin Mehanaz Azireen studiert an der privaten North South University und ist seit der Proteste 2024 politisch aktiv. Auslöser war eine Mischung aus Solidarität und Frustration. „Unter Sheikh Hasina konnten wir uns nicht frei äußern“, sagt sie. Der Juli-Aufstand sei für viele ein moralisches Erwachen gewesen, der Moment, in dem es darum ging, demokratische Rechte zu verteidigen, zu viel hatten sie über die Jahre zurückgesteckt.

Nafsin Mehanaz Azireen, Studentin und Aktivistin der Protestgeneration Foto: Jaed Malek Anonno

Dass Frauen politisch dennoch kaum sichtbar sind, führt Azireen nicht auf fehlende Möglichkeiten zurück. Es gebe eine Frauenquote, sagt sie. Doch das ändere wenig an den realen Hürden. Frauen stünden unter massivem Druck, besonders im Internet. „Ich bekomme Vergewaltigungs- und Morddrohungen“, sagt sie, da sie öffentlich politisch Stellung bezieht.

Die Anfeindungen treffen sie vor allem in den sozialen Medien, etwa in den Kommentarspalten unter ihren Facebook-Posts, wenn sie über Politik, Proteste oder Frauenrechte schreibt. Azireen sagt, sie habe gelernt, damit umzugehen. Für viele andere Frauen sei das jedoch ein Grund, sich zurückzuziehen. Der soziale Druck sei enorm, auch aus den eigenen Familien heraus. „Viele wollen etwas verändern, aber sie sehen diese Schwierigkeiten und verlieren den Mut“, sagt sie.

Auch Frauen mit langer politischer Erfahrung stoßen an Grenzen. Mahmuda Habiba wollte für das Parlament kandidieren, erhielt aber keine Nominierung. Unter den zahlreichen Direktkandidaten ihrer Partei BNP sind lediglich zehn Frauen. „Das ist ein strukturelles Problem“, sagt sie. Nicht nur Parteien, auch die Übergangsregierung habe Chancen verpasst, Frauen besser einzubinden.

Zwar haben mit Sheikh Hasina und ihrer BNP-Rivalin Khaleda Zia zwei Frauen über Jahrzehnte hinweg die Politik des Landes geprägt – Hasina im politischen Erbe ihres Vaters, Staatsgründer Sheikh Mujibur Rahman, Zia im Vermächtnis ihres Mannes, Präsident und BNP-Gründer Ziaur Rahman. Doch Macht allein habe Frauen nicht automatisch gestärkt, betont Habiba. Hasina sei zuletzt nicht als Frau, sondern als autoritäre Machthaberin wahrgenommen worden. Entscheidend sei, ob Frauen an der Spitze ihre Position für strukturelle Förderung nutzten, was Hasina versäumt habe.

Nachdem Habiba keinen direkten Listenplatz erhalten hatte, sei sie auf die Frauenquote verwiesen worden. „Wir brauchen Frauen, die gewählt werden – nicht per Quote ausgewählt werden“, sagt sie. Reservierte Sitze im Parlament seien kein Ersatz für politische Teilhabe. Das zeige sich auch in der Kandidatenstruktur: Viele BNP-Kandidaten sind Geschäftsmänner, oft über 60 Jahre alt und akademisch ausgebildet.

Ihre Partei beschreibt Habiba im Gegensatz zur neuen Konkurrentin Jamaat als moderat. Persönliche Lebensentscheidungen seien Privatsache. Zugleich räumt sie ein, dass die BNP unter urbanen Studierenden und jungen Wäh­le­r:in­nen noch mehr Rückhalt haben könnte. Man habe aber „landesweit eine starke Jugend- und Studierendenorganisation“. Die BNP setzt in ihrem Wahlmanifest auch auf eine starke Klima- und Umweltagenda.

Habiba unterstützt ihre Parteigenossin Sanjida Islam Tuli. Sie ist Koordinatorin einer Gruppe, die von Angehörigen gewaltsam Verschwundener unter der Hasina-Regierung. Besonders betroffen davon sind Angehörige und Mitglieder von BNP und Jamaat-e-Islami. Auch sie und ihr Mann wurden einmal entführt, sagt Habiba. „Dieses Gefühl lässt einen nie wieder los.“ Erst nach dem politischen Umbruch habe sich das geändert. Was das Land jetzt brauche, sei mehr als eine neue Regierung: eine starke Opposition, eine aktive Zivilgesellschaft, freie Medien und eine unabhängige Justiz.

Vor allem Stabilität tut Not: Hohe Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Investitionen im Textilsektor und wirtschaftliche Unsicherheit setzen Bangladesch unter Druck. Umama Fatema blickt deshalb besorgt auf die Wahlen. „Ich bin nicht wirklich glücklich“, sagt sie und fürchtet, dass sich alte Machtmuster wiederholen könnten – diesmal mit der BNP an der Macht. Während Übergangspremier Yunus die Abstimmung als „Geburtstag eines neuen Bangladeschs“ bezeichnet, bleibt Umama skeptisch: „Ich versuche, positiv zu sein.“

Die Erwartungen an tiefgreifende Veränderungen wurden bislang kaum erfüllt. Die Übergangsregierung blieb bei zentralen Reformen hinter den Erwartungen zurück. Doch nach langen Jahren autoritärer Herrschaft sind staatliche Institutionen von Loyalitäten, Angst und Korruption durchzogen. „Am Ende müssen wir durch diesen institutionellen Prozess gehen“, sagt sie.

Auf dem Museumsgelände bleibt Umama in ihrem Salwar Kameez vor einem Bau mit rekonstruierten Gefängniszellen stehen. Der Ort soll Gewalt gegen politische Ak­ti­vis­t:in­nen aufarbeiten – Erinnerung sei Voraussetzung für die politische Zukunft. Sie engagiert sich weiter, gehört jedoch keiner Partei an, unterstützt einzelne Kan­di­da­t:in­nen wie die Fotografin Taslima Akhter, hält aber Abstand zu Parteistrukturen. Stattdessen konzentriert sie sich auf den Abschluss ihres Studiums, um später ihr Land voranzubringen.

Das Museum, die Wandmalereien, die Wahlen – all das ist ein Anfang. Ob Bangladesch den Bruch mit der Vergangenheit wirklich schafft, wird sich nicht allein am Wahltag entscheiden. Sondern daran, ob jene sichtbar bleiben, die den Umbruch getragen haben – auch dann, wenn sie nicht auf den Wahllisten stehen. Unterdessen wird der Kampf an der Wahlurne um das höchste Amt von zwei Männern ausgetragen: dem 60-jährigen Tarique Rahman, dem Sohn der ehemaligen BNP-Premierministerin und dem 67-jährigen Jamaat-Parteichef Shafiqur Rahman.

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