Gesundheitswesen in den USA: „Wir wollen keine symbolische Alibi-Repräsentanz“
Am Telefon versteht Roopa Dhatt sofort, was mit Netzwerk gemeint ist. Sie kämpft als Ärztin für Geschlechtergerechtigkeit.
taz: Frau Dhatt, mit Ihrer Organisation Women in Global Health und darüber hinaus haben Sie ein riesiges Netzwerk aufgebaut. Wie sind Sie dazu gekommen?
Roopa Dhatt: Ich denke, das geht auf meine Überzeugung zurück, dass wir kollektiven Wandel oder sozialen Wandel in der Gesellschaft nur gemeinsam vorantreiben können. Deshalb habe ich mich schon früh in Netzwerken engagiert. Als Präsidentin der International Federation of Medical Student Associations hatte ich Kontakt zu Medizinstudierenden aus über 130 Ländern weltweit. Dann stieß ich auf das Thema, für das ich mich seit fast 15 Jahren einsetze: Überall um mich herum gab es so viele talentierte Frauen – Krankenschwestern, Ärztinnen oder andere Auszubildende. Aber in den Führungspositionen waren Frauen kaum vertreten. Also kehrte ich zu diesem Studierendennetzwerk zurück, um mich für Geschlechtergerechtigkeit in Gesundheitssystemen weltweit einzusetzen.
taz: Die Covid-19-Pandemie war ein sehr entscheidender Moment. Inwiefern haben sich da die Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems offenbart?
Dhatt: Ich habe während der Pandemie als Ärztin gearbeitet und konnte beobachten, wie sich die Situation auf meine Kolleg:innen in den USA, aber auch weltweit auswirkte. Die Institutionen im Gesundheitssektor existieren seit Hunderten von Jahren und waren nicht darauf ausgelegt, die Sorgearbeit von Frauen anzuerkennen – sei es in den Kliniken, aber auch darüber hinaus in den Communitys, Gemeinden und Familien.
Jahrgang ist Assistenzprofessorin und Internistin am Georgetown University Medical Center sowie an einem kommunalen Krankenhaus in Washington, D.C. 2015 hat sie Women in Global Health mitbegründet, eine Organisation, die Geschlechterungleichheit unter Führungskräften im globalen Gesundheitswesen verringern will.
taz: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Dhatt: Hier in Nordamerika wurde zum Beispiel alle persönliche Schutzausrüstung nach dem Prototyp des männlichen Körpers entworfen. Daher verwendeten viele Krankenhäuser Schutzausrüstung, die für Frauen schlecht geeignet war, zum Beispiel übergroße Masken oder Kittel.
taz: Hat die Pandemie etwas verändert oder ist das System einfach zum Status quo ante zurückgekehrt?
Dhatt: Bei Women in Global Health hatten wir die Kampagne „Covid 50/50“, mit der wir uns für geschlechtergerechte Gesundheitssysteme eingesetzt haben. Das ging über in eine globale Initiative namens Gender Equal Healthcare Workforce Initiative, die wir zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation und der französischen Regierung ins Leben gerufen haben.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
taz: Was ist daraus geworden?
Dhatt: Wir konnten fast 20 verschiedene Länder und weitere 20 internationale Organisationen dazu bewegen, sich zur Unterstützung weiblicher Gesundheitsfachkräfte zu verpflichten – durch Führungsmöglichkeiten, gleiche Repräsentanz und faire Bezahlung. Frauen sollen angemessene Löhne für ihre Arbeit bekommen, denn wir wissen, dass es im Gesundheitssystem ein massives Lohngefälle gibt. Es liegt im Durchschnitt bei etwa 23 Prozent. Wir arbeiten weiter daran, dass unsere politischen Entscheidungsträger die Versprechen einzuhalten, die sie während Covid gegeben haben.
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
taz: Apropos Löhne – linke Kritiker:innen sagen, dass ein zu starker Fokus auf die Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen von den eigentlichen Problemen ablenkt. Sollte es nicht eigentlich um die gewerkschaftliche Organisierung oder um den Wandel des kapitalistischen Systems gehen?
Dhatt: Da besteht definitiv eine Spannung. Und ich glaube, dass diese Spannung zugenommen hat, seit es einen autoritären Backlash gegen Frauenrechte gibt. Ursprünglich konzentrierte sich dieser Angriff auf die körperliche Selbstbestimmung und den Zugang zu reproduktiver Gesundheit, wie beispielsweise Abtreibungen. Aber eigentlich zielt er auf die Menschenrechte als solche ab. Diese Agenda wächst, sie ist sehr gut finanziert, und das Geld fließt transatlantisch und über viele Grenzen hinweg.
taz: Wäre das nicht ein Argument für grundlegende Veränderung?
Dhatt: Ja, die Geschichte der Frauenrechte war schon immer eine Geschichte der Gerechtigkeit. Wenn wir egalitäre Systeme haben und Arbeit gleich entlohnen, ist das Gerechtigkeit für alle. Aber die Frage ist: Wie kann man ein System niederreißen, ohne damit destabilisierende Kräfte zu entfesseln? Die Abschaffung der US-amerikanischen Auslandshilfen durch USAID führte dazu, dass Millionen von Kindern und Frauen ihr Leben verlieren, weil sie keinen Zugang mehr zu lebensrettenden HIV-Behandlungen haben und die Müttersterblichkeit steigt. Aber in unserer Kampagne geht es definitiv um viel mehr als nur Führungspositionen. Wir wollen keine symbolische Alibi-Repräsentanz.
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taz: Wie meinen Sie das?
Dhatt: Sie wissen schon: Die eine Frau, die eine Behörde leiten darf, und dann die Last jeder Ungerechtigkeit trägt, die Frauen in diesem Bereich erleiden müssen. Es geht wirklich um die gesamte Pipeline, um den Wandel des gesamten Systems. Wir können einen anderen Weg für die Menschheit finden.
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