Norwegische Epstein-Affäre: Hausbesuch beim ehemaligen Regierungschef
Die Polizei hat die Wohnung von Thorbjørn Jagland durchsucht, gegen ihn wird wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt. Zuvor hatte der Europarat dem Politiker die Immunität entzogen.
So schnell kann es gehen: Plötzlich hatte Thorbjørn Jagland die Polizei im Haus, und zwar im großen Stil. Seine Wohnung in Oslo verließ der ehemalige norwegische Ministerpräsident wortkarg an der Seite seines Anwalts und beobachtet von norwegischen Fernsehkameras. Auch für zwei weitere Immobilien des 75-Jährigen galt am Donnerstag: Hausdurchsuchung.
Erst am Mittwoch hatte der Europarat die diplomatische Immunität seines ehemaligen Generalsekretärs aufgehoben, auf Bitten aus Norwegen hin. Dort wird gegen ihn wegen des Verdachts auf schwere Korruption ermittelt.
Gründe dafür hatte die zuständige norwegische Strafverfolgungsbehörde Økokrim in den neuen Epstein-Files gefunden. Demnach nutzten Jagland und seine Familie zwischen 2011 und 2018 mehrfach Epsteins Wohnungen in Paris und New York. Zudem hätten sie sein Anwesen in Palm Beach besucht.
Mindestens in einem Fall scheinen die Reisekosten für sechs Erwachsene übernommen worden zu sein. Jagland akzeptierte den Ermittlungen zufolge auch Epsteins Angebot, die Reise- und Hotelkosten für sechs Erwachsene bei einem Karibik-Urlaub zu übernehmen. Aus dieser Reise sei aber nichts geworden.
Hemdsärmelige Einsatzkräfte
Was aus der Hilfe für einen Hauskredit wurde, um die Jagland Epstein gebeten hatte, ist noch nicht klar. Aus den nun veröffentlichten Akten soll hervorgehen, dass Epstein von Jagland die Vermittlung eines Treffens mit Russlands Präsident Wladimir Putin verlangt habe. Das berichtet die Zeitung Verdens Gang.
Die Fernsehbilder von hemdsärmeligen Einsatzkräften, die Kisten aus Jaglands Wohnung tragen, verstärkten den Eindruck, dass in Norwegen gerade Ungewöhnliches passiert. Seit Ende Januar, als Unmengen weiterer Ermittlungsakten im Fall des US-amerikanischen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein veröffentlicht wurden, müssen die Menschen mit immer neuen Enthüllungen umgehen.
Nachdem zuerst Kronprinzessin Mette-Marit mit befremdlich vertraut wirkendem Epstein-Kontakt für Furore gesorgt hatte, richtete sich der Blick immer mehr auf eine Gruppe ehemaliger Top-Politiker und Diplomaten des Landes.
Jagland – er war von 2009 bis 2015 auch noch Vorsitzender des Nobel-Komitees – hielt sich am Tag der Razzien öffentlich bedeckt. „Ich habe nur eins zu sagen, dass ich sehr froh bin darüber, dass die Sache aufgeklärt wird“, zitierte ihn der norwegische Sender NRK.
Immunität aufgehoben
Der Mann, der einst zehn Jahre Parteichef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens war, hat immer abgestritten, etwas Strafbares getan zu haben. Er hatte den Umfang seiner Kontakte zu dem 2019 in Haft zu Tode gekommenen Epstein jedoch offiziell lange heruntergespielt.
Die Aufhebung von Jaglands Immunität durch den Europarat nannte dessen Anwalt Anders Brosveet am Mittwoch „insofern positiv“, als die norwegischen Ermittler nun ihre Arbeit machen und klären könnten, was passiert sei. Brosveet betonte, man werde kooperieren.
Neben dem Ex-Regierungschef gehörten weitere Norweger mit internationalen Top-Jobs und Verbindungen zum Auswärtigen Amt des Landes zu Epsteins näheren Kontakten. Die Empörung ist groß. Und die Sorge, Anhänger von Eliten-Verschwörungsmythen könnten sich bestätigt fühlen. Eine unabhängige Ermittlungskommission soll bald für Transparenz und Aufklärung sorgen.
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