Zwischen dem Oman und der Welt: Mit Mammas Flügeln
Oman ist nur eine von vielen Stationen im Leben der Italienerin Maria Caterina Marra. Das verdankt sie auch ihrer Mutter, die sich zu wehren wusste.
Zehn Jahre ist es her, seit Maria Caterina Marra in Oman landete. Eigentlich wollte sie nur für einen kurzen Urlaub bleiben, sagt sie und lacht. Doch wenige Wochen später bekam sie einen Job als Englischlehrerin. Noch heute lebt sie dort.
Marra kommt eigentlich aus Süditalien. Nach ihrem Studium zog sie nach Padua, weiter nach Kanada, machte dann einen Abstecher nach Kenia. Jetzt also Maskat, die Hauptstadt Omans. Wie lebt es sich als Westeuropäerin in einem Sultanat, einer absoluten Monarchie? „Es ist sehr sicher für mich hier“, sagt sie. „Ich kam ganz allein, ohne Mann, ohne einen Partner und bin geblieben.“ In einem Land rund 5.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Marra sagt, ihre Mutter Teresa habe ihr die Flügel gegeben, um zu fliegen. Und sie hat die Flügel benutzt und ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgeflogen. So etwas war in der Welt, in der Marra aufgewachsen ist, nicht vorgesehen. Sie kommt aus dem kleinen Städtchen Cardinale, in Kalabrien. Es gibt nicht viel dort.
Eine Bar, zwei Kirchen und Supermärkte. Dazu atemberaubende Natur: Drumherum wachsen Berge in den Himmel, und ein Fluss bahnte sich seinen Weg durch die Felsen. Marra hatte eine schöne Kindheit, sagt sie heute. Im Winter saß sie mit den anderen Kindern aus Cardinale vor dem Fernseher und sah Filme, im Sommer spielte sie mit ihren Freund*innen am Fluss, bis die Sonne unterging. Aber so ganz passte sie nicht rein, erzählt sie. Sie hatte das Bedürfnis, etwas zu erleben und zwischen Kirche und Bar schien ihr das nicht möglich, trotz der idyllischen Natur.
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Flügge werden
Als sie vier Jahre alt war, flog sie mit ihrer Familie zum ersten Mal nach Kanada, um ihren Onkel zu besuchen. Sie war verzaubert. Sie besuchte Kinos, in denen „Der König der Löwen“ gezeigt wurde, fuhr durch Autowaschanlagen, die Seifenblasen auf die Autoscheiben zauberten, hüpfte auf Trampolinen in den Gärten und ließ sich im Zoo mit einer Giraffe fotografieren. „Warum hast du uns nicht in Kanada großgezogen?“, fragte sie ihre Mutter immer wieder, als sie zurück in Kalabrien waren.
Je älter sie wurde, desto klarer wurde ihr, dass sie raus musste. Es waren die scheinbar kleinen Gesten ihrer Mutter, die sie dazu ermutigten. Zum Beispiel machte ihre Mutter keinen Unterschied zwischen ihr und ihren beiden Brüdern. Wenn ihr Großvater zu ihrer Mutter sagte: „Ruf Caterina, um den Tisch zu decken“, dann rief ihre Mutter stattdessen ihren Bruder. Die Hausarbeit wurde gerecht unter den Geschwistern verteilt.
Als ihr Vater den beiden Brüdern an einem Samstagabend zurief: „Was macht ihr zu Hause? Ihr seid jung, geht aus!“, beschwerte sich Marra: „Wieso sagst du das nicht zu mir?“ „Du bist ein Mädchen, du kannst zu Hause bleiben“, sagte er. Ihre Mutter wurde wütend: „Wie kannst du so etwas sagen? Sie sind alle drei jung und können ausgehen, wenn sie wollen.“ Als ihr Vater ihr untersagte, mit zum Schulausflug zu fahren, weil das nichts für Mädchen sei, drückte ihre Mutter ihr das Geld dafür in die Hand.
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Ihre Mutter eckte an in dem Dorf, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie handelte, imponiert Marra bis heute. Und so machte sie es ihr nach, schwang ihre Flügel und tat, was sie wollte.
Das Band zu ihrer Mutter bleibt trotz der großen Entfernung bestehen. Sie telefoniert jeden Tag mit ihr, manchmal zweimal. Und auch, wenn die beiden sich unendlich vermissen, sagt ihre Mutter niemals: „Komm zurück!“, und Marra weiß, wie wertvoll das ist. Sie hat ihr die Flügel ja gegeben, damit sie fliegen kann.
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