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Landtagswahl in Baden-WürttembergLangt das?

Cem Özdemir zielt im Wahlkampf auf die Mitte, Konkurrenz bekommt er erstmals von links. Gegen sie setzt der Spitzenkandidat eine Geheimwaffe ein.

Links, aber Özdemir-­kompatibel: Ricarda Lang darf auftreten im Wahlkampf Foto: Dimitri Drofitsch/Eibner-Pressefoto/imago
Tobias Schulze

Aus Stuttgart

Tobias Schulze

Eine Plattitüde und drei Forderungen sind an diesem Februarsonntag im Angebot. „Machen, was zu tun ist“, steht auf einem Wahlplakat, von dem Cem Özdemir auf den Stuttgarter Marienplatz blickt. Über ihm hat an der gleichen Laterne die Linkspartei plakatiert (Mieten runter!), unter Özdemir hängen die Freien Wähler (Renten hoch!). Ein paar Meter weiter steht Ricarda Lang, leibhaftig, und spricht in eine Handykamera der Grünen Jugend. Die Parteijugend hat sie um einen Hot Take gebeten. Eine steile Aussage also, Thema egal, Hauptsache kurz genug für Social Media.

Lang macht es in drei Worten: „Elon Musk enteignen!“

So sieht sie aus, die Antwort der baden-württembergischen Grünen auf Heidi Reichinnek. Bei der Landtagswahl am 8. März wollen die Grünen die Staatskanzlei verteidigen. Es läuft gut, laut der letzten Umfrage haben sie die CDU fast eingeholt, und eigentlich haben sie ihren Wahlkampf auch auf Unions-Wähler*innen ausgerichtet. Spitzenkandidat Özdemir zielt auf die Mitte und will dort nicht anecken. Er verfolgt den konservativen Kurs, mit dem Winfried Kretschmann drei Wahlen gewonnen hat.

Eines ist dieses Jahr aber anders: Erstmals haben die Grünen auch auf der anderen Seite eine ernsthafte Konkurrenz. Die Linke, in Baden-Württemberg noch nie im Parlament, steht in Umfragen über 5 Prozent. Schon ihr überraschendes Comeback bei der Bundestagswahl 2025 schlug sich im Südwesten nieder, in großen Städten verdoppelte die Partei ihre Stimmanteile. Jetzt will sie wieder Wäh­le­r*in­nen abgreifen, denen der Kurs der Grünen über die Jahre zu mittig geworden ist. Auf Veranstaltungen der Linkspartei ist der Applaus am größten, wenn Aussagen von Özdemir vorgelesen werden – zum Beispiel, dass sein Landesverband so etwas wie „die CSU der Grünen“ sei.

wochentaz

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Die Öko-Partei trifft das immerhin nicht mehr unerwartet. 2025 nahmen Robert Habeck und sein Team die Stimmen ihrer Stammklientel für selbstverständlich. Der Auferstehung der Linkspartei wussten sie nichts entgegenzusetzen. Cem Özdemir und seine Leute haben dagegen bedacht, dass Gefahr von links droht. Sie sind schlicht zu dem Schluss gekommen, dass die Grünen im Zweifel bei anderen Wählergruppen mehr rausholen können.

Inhaltlich lässt sich das an der Frage des Wohnraums festmachen: Mieten und Kaufpreise sind auch im Südwesten enorm gestiegen, in Heidelberg zum Beispiel. Özdemir überlässt das Thema nicht den Linken, er spielt es in seinem Wahlkampf prominent. Seine Forderungen bleiben aber moderat. Er will die Mietpreisbremse in mehr Städten gelten lassen als die Union. Insgesamt sei sein Konzept aber „nicht grundlegend anders“ als das der CDU, sagte er im TV-Triell des SWR.

Ricarda Lang mit 20 Terminen in 6 Tagen

Doch Inhalte sind ja nicht alles. Auf Instagram und Tiktok hat Özdemir eine Ansprache gewählt, die an die erfolgreichen Auftritte der Linken heranreicht. Selbstironisch gibt er dort den Brezel-Influencer, unterlegt mit Bad Bunny und anderer Junge-Leute-Musik. Und dann hat der Oberrealo eben noch personell eine Geheimwaffe gezogen: Die Parteilinke Ricarda Lang, Bundestagswahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd, ist in seinem Auftrag als Wahlhelferin unterwegs.

Die 32-Jährige ackert. Allein in der Woche um Aschermittwoch absolviert sie übers Land verteilt 20 Termine in 6 Tagen. Sie ist nicht mehr im Elektro-Van mit Entourage unterwegs, wie früher als Parteichefin, sondern reist alleine im Regionalexpress. Bevor sie am Montag wieder im Bundestag sitzen muss, verteilt sie hier in Stuttgart noch für eine Stunde Flyer mit der Grünen Jugend.

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„Ich glaube, du machst gerade mehr Termine als Cem“, sagt Jaron Immer, der Landessprecher der Parteijugend, zur Begrüßung auf dem Marienplatz.

„Ich glaube, Cem ist der Einzige, bei dem das nicht stimmt“, antwortet Lang.

Knapp 20 Jung-Grüne stehen auf dem Platz herum. Fragt man sie, was bei der Wahl für ihre Partei spricht, schwärmen sie nicht vom Spitzenkandidaten. Einer guckt erst betreten und erklärt dann, dass Cem Özdemir als Ministerpräsident immer noch besser wäre als sein Konkurrent Manuel Hagel. Die Grüne Jugend fährt eine eigene Wahlkampagne, auf ihren Flyern fordert sie den Mietendeckel. „Wir wollen unsere eigenen grün-linken Themen pushen und zeigen, dass es im Wahlkampf nicht nur um Einzelpersonen geht“, sagt Jaron Immer. Dann kommt die Social-Media-Beauftragte und bittet auch den Landessprecher noch um einen Hot Take. Ob er vielleicht sagen könnte: „Milliardäre verbieten“?

Was Lang mit ihrer Wahlkampfreise zumindest schafft: den linken Teil der Basis bei Laune zu halten, den es auch in Baden-Württemberg gibt und der in Özdemir nur das kleinere Übel sieht. Es ist eine einsame Aufgabe. Den Großteil der Bundesprominenz, speziell aus dem linken Parteiflügel, hat Özdemir gebeten, seinem Wahlkampf fernzubleiben. Auch aus der Ferne sollen sie ihm bitte nicht dazwischenfunken.

Daran halten sie sich. Grüne im Bund lassen linke Initiativen im Moment in den Schubladen. Widerworte gegen Özdemir schlucken sie herunter. Der Kandidat darf sich dafür aussprechen, Asylverfahren in Drittstaaten auszulagern und das Verbrenner-Aus herauszuzögern. Aus Berlin wird noch nicht mal Kritik daran öffentlich, dass Özdemir mit einem Kabinettsplatz für Boris Palmer kokettiert – dem Tübinger Oberbürgermeister, der nach rassistischen Ausfällen nur deshalb nicht aus der Partei geschmissen wurde, weil er selber austrat.

Die Beinfreiheit hat mit der Bedeutung der Wahl für die Zukunft der Grünen zu tun. Wohlwollend interpretiert: Weil mit dem Verlust der Staatskanzlei der Traum von der grünen Volkspartei am Ende wäre, will niemand Özdemirs Siegeschancen zerstören. Weniger wohlwollend: Der Ausgang der Wahl kann die Strategiedebatte der Grünen im Bund entscheiden. Verliert Özdemir, soll die Niederlage mit ihm und seinem Kurs nach Hause gehen. Den linkeren Grünen im Bund soll er die Schuld nicht zuschieben können.

Ricarda Lang hat in der Strategiefrage eigentlich einen festen Standpunkt. Der Kurs, den die Grünen auch im Bund unter Robert Habeck fuhren, erklärte sie nach der Bundestagswahl für überholt. Der Gedanke, alle Parteien müssten in der Mitte zusammenkommen, habe tatsächlich nur dazu geführt, dass alle miteinander nach rechts gerückt sind. Die Grünen müssten „viel konfliktfähiger“ werden, sagte sie vor einem Jahr im taz-Interview.

Gewinnt Özdemir seine Wahl noch, würde er dadurch den Gegenbeweis liefern. Er spart sich Attacken auf die CDU. Selbst am Politischen Aschermittwoch mahnte er, man müsse auch nach der Wahl „dem politischen Mitbewerber in die Augen schauen“ können. Habeck reloaded also – mit dem Unterschied, dass der damalige Vizekanzler in den Ampeljahren seine Popularität verloren hatte, während Özdemir laut Umfragen beliebt ist. Mit Abstrichen sogar unter An­hän­ge­r*in­nen der Linken, trotz allem.

Zwei von ihnen sind am Vormittag zum „Brunch mit Ricarda“ gekommen, einer Wahlveranstaltung der Stuttgarter Grünen in einem veganen Café in der Innenstadt. Seit einem Jahr sind die beiden ein Paar, er ist 40, sie 35. Sie würden gerne zusammenziehen, aber die Wohnungssuche läuft schlecht, trotz sicherer Jobs im öffentlichen Dienst.

Sie wählen oft die Linke, erzählen die beiden. Aber wenn man den Umfragen glaube, komme die Linke eh in den Landtag. Und auch sie mögen Özdemir: Der könne gut reden und habe Charme. Das Paar schwankt und ist gekommen, um sich von Lang überzeugen zu lassen.

Kritik an „ultrareichen Männern“ kommt an

Es ist kein Zufall, dass Özdemir ausgerechnet Ricarda Lang für seinen Wahlkampf eingespannt hat. Sie ist eine der wenigen Parteilinken, die von den Hardcore-Realos ihres Landesverbands geschätzt wird. Das hat mit dem öffentlichen Zuspruch zu tun, den sie bekommt, seitdem sie die Last des Parteivorsitzes los ist: Erfolg gibt recht. Es gibt aber auch eine strategische Gemeinsamkeit. Trotz linker Positionen zielt Lang nicht nur auf Stamm­wäh­le­r*in­nen ab. Auch sie will weitere Milieus erreichen. Im Habitus zeigt sie das mit Interviews, die sie der Bunten über ihren Kinderwunsch gibt. Inhaltlich dadurch, dass sie genau abwägt, in welche Konflikte sie zieht.

Ihre Rede im Stuttgarter Café beginnt wie ihr Hot Take auf dem Marienplatz. „Ultrareiche Männer“ in den USA strebten zusammen mit Donald Trump ein System an, in dem man „als Milliardär ganz gut leben kann“. Im Penthouse werde die Klimakrise nicht Musk, Zuckerberg und Bezos als Erste treffen. „Aber was heißt das für normale Menschen, wie Sie heute morgen hier sitzen?“ Eine Dosis Linkspopulismus, aber Özdemir-kompatibel: Die Tech-Bros aus den USA sind in Baden-Württemberg nicht wahlberechtigt.

Weniger klar formuliert Lang, als es um die Krise der Autoindustrie geht. Es werde nicht alles gut, wenn „wir uns einfach an die alten Technologien ketten“. Es mache sie wütend, wenn sie so etwas von Leuten höre, „die es besser wissen müssten“. Sie sagt aber nicht, wer in Baden-Württemberg alles gegen das Verbrenner-Aus kämpft. Der CEO von Bosch zum Beispiel, dem größten Arbeitgeber in ihrem Wahlkreis.

Worüber Lang gar nicht redet: die Beschlüsse, die die CDU tags zuvor auf ihrem Parteitag gefasst hat. Dabei sind die eigentlich eine Steilvorlage für Linke. Die Union will weniger Steuern für Gut­ver­die­ne­r*in­nen (von denen es in Baden-Württemberg viele gibt) und weniger Mindestlohn für Ern­te­hel­fe­r*in­nen (die in der Regel nicht hier wählen, sondern in Rumänien). Langs Rede dauert aber auch nur zehn Minuten. Danach geht sie durch den Raum, setzt sich an diesen und jenen Tisch, um ins Gespräch zu kommen.

Das Paar auf Wohnungssuche wartet eine halbe Stunde, steht dann aber auf. Die beiden wollen noch spazieren gehen. Wie sie den Auftritt fanden? „Das mit den Milliardären war gut“, sagt der Mann. Wen sie nun wählen werden? „Mal schauen. Am Ende ist es das Bauchgefühl.“

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