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Briefe aus der Dunkelheit

Bangen, dass der Laptop angeht. Yoga im Schein der Taschenlampe. Mit der Wut des kleinen Bruders klarkommen. Unsere Autorin erzählt aus ihrem Kyjiwer Kriegsalltag im Februar

Unsere Autorin lebt in Kyjiw. Die Blackouts, die die Fotos auf dieser und den folgenden Seiten zeigen, hat sie selbst miterlebt Foto: Jule Wild

Aus Kyjiw Polina Fedorenko

Liebe Anna,

wie geht‘s dir? Wie ist das Wetter in Berlin?

Heute sind es minus 17 Grad in Kyjiw, die Sonne scheint, meine Wangen frieren und ich muss meine Hände in Handschuhen oder Jackentaschen verstecken.

Den ganzen Vormittag über dachte ich, mein Laptop sei kaputt, weil er sich nicht mehr einschalten ließ. In letzter Zeit gehen hier viele elektronische Geräte kaputt, weil es immer wieder Netzschwankungen gibt. Sie funktionieren dann einfach nicht mehr, und man muss Geld sparen, um sich im Fall der Fälle ein neues kaufen zu können. Heute Morgen dachte ich, ich müsste meinen Laptop zur Reparatur bringen, und ich überlegte, wie viel Geld ich auf meinem Konto habe. Immerhin hatten die Netzschwankungen keinen Kurzschluss bei mir verursacht, und der Laptop war nicht in Flammen aufgegangen, wie es einigen Freun­d*in­nen und Kol­le­g*in­nen schon passiert ist.

Ein Glück! Der Laptop funktioniert wieder. Diesmal ist die Krise abgewendet.

Wie sehen deine Tage gerade aus?

Das Leben in Kyjiw ist momentan wie ein Spaziergang auf sehr dünnem Eis, bei dem man nie weiß, ob man einbricht und ertrinkt, oder ob es nicht einfach nur ein schöner sonniger Tag werden wird. Jeden Morgen erwartet mich eine kleine traurige oder schöne Überraschung. Wenn ich um 6 Uhr in der Früh Yoga mache, frage ich mich, ob ich dieses Mal im Schein der Taschenlampe praktizieren muss. Oder wird es Strom geben und ich kann meine Übungen im luxuriösen Licht der Zimmerlampe machen?

Sag mir, lässt du deine Yogastunden gerade ausfallen? Ich habe das Gefühl, dass meine Welt auseinanderbrechen würde, wenn ich damit auf­hören würde.

Der Struggle geht weiter, wenn ich Frühstück mache und nicht weiß, ob ich den Toaster und Sandwichmaker benutzen kann oder alles in der Bratpfanne zubereiten muss. Ich habe das Glück, in einem alten Haus mit Gasherd und Gasheizung zu wohnen, sodass ich auch bei Stromausfall selbst kochen und mich warm halten kann. Ich versuche mir immer bewusst zu machen, dass alles immer noch schlimmer sein könnte, wie bei einem meiner Freunde, bei dem alles nur elektronisch funktioniert.

Wenn ich mich in Zukunft jemals dazu entschließen sollte, eine eigene Wohnung zu kaufen, wäre ein wichtiges Kriterium für mich, dass alle grundlegenden Bedürfnisse auch ohne Strom erfüllt werden können: Essen kochen, heizen, nicht zu hoch wohnen, damit kein Aufzug notwendig ist. Und die Wohnung sollte weit genug entfernt von Industrieanlagen und Kraftwerken liegen, die Russland mit Sicherheit ins Visier nehmen wird.

Es ist schon interessant, wie das Leben im Krieg verändert, was einem wichtig ist. Was wäre dir wichtig, wenn du nach einer neuen Wohnung suchst?

Doch damit ist es noch nicht vorbei, denn als Nächstes muss ich herausfinden, wie ich meinen neunjährigen Bruder zur Schule bringe. Straßenbahnen und Trolleybusse fahren nicht mehr. Der Oberleitungsbus, den wir früher genommen haben, wurde nicht durch einen Ersatzbus ersetzt, und der andere Bus fährt in sehr großen Abständen, sodass wir jetzt mit einem Minibus zur U-Bahn fahren und dann noch für eine Station die U-Bahn nehmen müssen. Das ist teurer und dauert zehn Minuten länger. Ich hoffe, dass es bald wärmer wird und ich meinen Bruder überreden kann, zu Fuß zur Schule zu gehen.

Eines Tages wurde die U-Bahn in Kyjiw für mehrere Stunden stillgelegt. Es war wie eine apokalyptische Alarmglocke, die ich zuletzt zu Beginn der Covid-Pandemie vernommen hatte. Aber diesmal handelte es sich um eine ungeplante Entscheidung, da es sich um einen technischen Defekt an zwei Stromleitungen handelte – eine zwischen Rumänien und Moldawien und eine zwischen dem westlichen und dem zentralen Teil der Ukraine.

Die Menschen saßen also in den Zügen im Tunnel fest und wurden über die Gleise zur nächsten Stationen geleitet. Ich hoffe, dass zu diesem Zeitpunkt keine Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, in den Waggons saßen, denn dann wären sie zuerst im Waggon gefangen gewesen und hätten dann die Station nicht verlassen können, da auch die Aufzüge und Rolltreppen außer Betrieb waren. Mit einer Behinderung in Kyjiw zu leben, muss derzeit eine höllische Erfahrung sein.

Leider muss ich los. Ich muss meinen Laptop aufladen, solange noch Strom da ist, damit er drei Stunden durchhält.

Ich wünsche dir einen schönen sonnigen Tag!

❊❊❊

Ich fühle mich wie eine Katastrophe.

Eher wie ein schwarzes Loch,

Nicht wie Hurrikan Katrina.

Ich sauge alles auf und

Am Ende, schrumpfe ich und werde zu einem Stern.

Ich werde nicht alles zerstören,

Flächen hinter mir zurücklassen

Aus zerbrochenem Glas.

Ich bin die Art von Katastrophe

Die alles zerstört, aber

Dann einen Besen nimmt

Und die Teile zusammenkehrt,

Damit niemand außer mir

Verletzt wird.

Eine vorsichtige Katastrophe.

❊❊❊

Guten Morgen!

Heute sind mir die Antidepressiva ausgegangen, und ich werde mir nachher neue besorgen.

Ich denke gerade viel darüber nach, was mich am Leben hält

Ich weiß nicht, ob du jemals mit Depressionen zu tun hattest. Ich hoffe nicht.

Ich habe depressive Episoden, was bedeutet, dass ich mich jedes Jahr im Herbst – manchmal schon vor September, manchmal erst danach – beginne, schlechter zu fühlen.

Dieses Jahr begann es im August. Die Mutter meiner Freundin starb an Krebs, und ich war schon lange zuvor ihre Vertrauensperson gewesen, weil ich ungefähr wusste, was sie durchmachte, und ihr zuhörte, wenn sie mir von ihren Erfahrungen erzählte. Der Tod durch Krebs, der Verlust und die Trauer um jemanden, der an Krebs stirbt, sind eine ganz andere Erfahrung als der Verlust und die Trauer um jemanden, der unerwartet stirbt. Leider habe ich beides erlebt.

Im August sind zwei Erkenntnisse endgültig zu mir durchgedrungen. Als Erstes, dass meine Eltern tot sind. Meine Mutter ist vor zweieinhalb Jahren gestorben, mein Vater vor sechs Monaten. Die zweite Erkenntnis, die sich aus der ersten ergab, war, dass ich die Vormundschaft für meinen jüngeren Bruder übernommen hatte. Die dritte, die sich aus den ersten beiden ergab, dass ich nun die Älteste in der Familie war und deshalb teilweise auch für die Betreuung meiner Großmütter verantwortlich, auch wenn diese Aufgabe noch nicht so schwer wog.

Das war zu viel für mich. Gleichzeitig begann sich der emotionale Zustand meines Bruders zu verschlechtern, er bekam heftige Wutanfälle, und ich dachte, ich würde verrückt werden.

Ich hatte keine Kraft mehr. Ich lief nur noch herum und weinte, versuchte, lange Spaziergänge zu machen, zu zeichnen und mit meinen Freun­d*in­nen zu reden, aber es reichte nicht aus.

Meine Depression machte alles noch schlimmer.

Ich vermisste nicht nur meine Eltern, sondern begann auch, mir Vorwürfe zu machen, für all die Male, in denen ich nicht genug mit meinem Vater gesprochen hatte, für all die Male, in denen ich nicht in derselben Stadt wie meine Mutter geblieben war. All das wurde in meiner Vorstellung plötzlich zur Ursache für ihren Tod.

Alle meine Strategien, wie ich mich gut um meinen jüngeren Bruder kümmern konnte, brachen in sich zusammen. Die Dinge, die meine Eltern für meine Schwester und mich getan hatten, funktionierten bei ihm nicht, und die neuen wurden mit Vorwürfen quittiert, ich sei eine schreckliche Schwester.

Mein rationaler Verstand wusste, dass ich alles richtig machte, meine Freun­d*in­nen wurden nicht müde zu wiederholen, dass ich sehr stark war und mich gut schlug, und dass sie da waren, um mir zu helfen, aber manchmal hasste ich mich dafür, nicht gut genug zu sein. Rückblickend bin ich meinem Umfeld unendlich dankbar, dass es mich die ganze Zeit über so sehr unterstützt hat.

Ich weiß nicht, ob das für dich überhaupt Sinn ergibt. Jetzt, wo es mir viel besser geht, verstehe ich nicht, wie der Weg von einem Urteil zum nächsten so kurz sein konnte, und wo meine eigentlich recht positive innere Stimme geblieben war, die mich sonst vor meinen inneren Dämonen schützt. Aber damals schlief sie, und die Dämonen triumphierten.

Die Dinge begannen sich zu verbessern, als ich anfing, jede Woche eine Psy­cho­the­ra­peu­t*in aufzusuchen, Antidepressiva zu nehmen und Elternkurse des Sozialdienstes zu besuchen. Nichts hilft mir emotional so sehr mit meinem Bruder, wie zu wissen, dass auch viele ältere Menschen, die schon mehr als ein Kind großgezogen haben, nicht wissen, wie sie mit ihren jungen Kindern umgehen sollen. Außerdem begann ich mich bei der Betreuung mehr auf andere zu verlassen: auf Freun­d*in­nen der Familie etwa oder meine Großmutter. Und dann half mir noch etwas anderes: Ich weinte viel, und mit den Tränen löste sich auch ein Teil der Schwere in mir auf.

Jetzt ist alles besser. In Kyjiw ist es zwar derzeit dunkel, aber ich halte mich nicht mehr für einen schrecklichen Menschen, und das macht vieles einfacher.

❊❊❊

Kaum Licht, kein Aufzug, keine Möglichkeit zu kochen. Wie lässt sich das aushalten? Foto: Jule Wild

Hallo Anna!

Draußen ist es wärmer geworden, und der schreckliche Eisregen ist zurückgekehrt. Ukrainische Threads sind gerade voll von Memes darüber, wie die Ein­woh­ne­r*in­nen Kyjiws jetzt nicht nur versuchen, nicht durch die russischen Bombardements und den Mangel an Strom und Heizung zu sterben, sondern auch nicht durch das Ausrutschen auf vereisten Gehwegen, wenn sie nach draußen gehen. Zwar tun die Versorgungsunternehmen ihr Bestes, indem sie Streusalz verteilen, doch bei dieser Niederschlagsmenge reicht es nicht aus.

Gestern hat mir mei­n*e nichtbinäre Freund*in, dey beim Militär dient, geschrieben. Mehrere Tage hintereinander habe ich mich mitten am Tag dabei ertappt, wie ich dachte, dass ich es nicht überleben würde, wenn demm etwas zustößt. Ich saß da und überlegte, welche der möglichen Optionen die beste wäre. Ich denke, wenn ich beim Militär dienen würde, wäre eine Verletzung besser als der Tod oder die Gefangenschaft. Kriegsgefangenschaft wäre die schlimmste Option, die es gibt. Ich muss mei­n*e Freun­d*in fragen, was dey darüber denkt. Ich bin sehr froh, dass die Freun­d*in lebt und demm nichts dergleichen passiert ist. Allerdings vermute ich, dass dey jetzt ähnlich schreckliche Dinge erlebt, nämlich den Tod, die Verwundung und die Gefangenschaft von Kamerad*innen. Und das ist furchtbar!

Ich möchte ihnen all ihre Schmerzen, Erinnerungen und Flashbacks nehmen. Ich glaube aber, dass sie sie niemals aufgeben würden, weil sie es als Verrat an ihren im Einsatz getöteten Mit­strei­te­r*in­nen betrachten würden. Ich versuche gerade herauszufinden, wie ich für sie da sein kann, ohne die Hölle, die sie durchmachen, zu leugnen. Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl bekommen, meine Versuche sie abzulenken, seien respektlos ihren Erfahrungen gegenüber.

Gleichzeitig ist der Tod viel näher gekommen. Eines Tages flog eine Drohne in ein Haus neben dem meiner Freundin, nur wenige Meter entfernt. Es hätte auch ihr Haus sein können, und es ist unklar, ob sie das überlebt hätte. Und jetzt mache ich mir Sorgen um je­de*n einzelne*n, um meine Freun­d*in an der Front und um meine Freun­d*in­nen in Charkiw, Kyjiw, Odessa und Lwiw, denn jeden Tag könnten mich ihre Angehörigen anrufen und mir mitteilen, dass sie tot sind, und allein der Gedanke, dass ei­ne*m von ihnen etwas zustoßen könnte, zerreißt mich.

Ich weiß nicht, wie oft ich meine Augen geschlossen und mir vorgestellt habe, wie die Explosion das Fensterglas auf meine Decke schmettern, sie zerreißen und meinen Körper verletzen würde. Ich stellte mir vor, wie eine Rakete meinen Balkon und mein Zimmer zerstören – und ein Loch hinterlassen würde.

Ich stellte mir vor, wie Menschen nach meiner Leiche suchen würden oder wie ich noch am Leben wäre und sie mich suchen würden. Ich stellte mir meine Beerdigung vor und wer kommen würde.

Der Krieg bringt den Tod näher und zwingt einen, sich die Hände zu reichen. Jetzt seid ihr Freund*innen, sagt er zu uns. Das stimmt.

Ich denke gerade viel darüber nach, was mich am Leben hält. Endlose Verhandlungsrunden halten mich nicht am Leben. Ich mache mir nicht einmal mehr die Mühe, zu überprüfen, worauf sie sich einigen, denn das ist alles nur ein Zirkus. Die Russen wollen den Krieg nicht beenden, und sie haben auch keinen Grund dazu. Solange es für sie mehr Vorteile gibt, den Krieg fortzusetzen, als ihn zu beenden, werden sie nicht aufhören, aber so tun, als seien ihnen die Verhandlungen wichtig.

Die Beerdigungen, die ich fast jedes Mal sehe, wenn ich zum Büro in der Nähe der St.-Michaels-Kathedrale gehe, halten mich nicht am Leben. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, dass ich nicht weiß, wie viele Soldat*innen auf unserer Seite tatsächlich getötet worden sind. Selen­skyj sagte kürzlich, es seien mehr als 55.000, aber ich glaube, die Zahl ist etwa fünfmal höher, wenn nicht sogar zehnmal. Ich gehe nicht auf Instagram, weil ich Angst habe, auf Beerdigungen von Freun­d*in­nen und Bekannten zu stoßen – immer, und immer wieder. Ich weiß, dass Vermeidung keine gute Strategie ist, aber… Ich möchte verstehen, wie man die Erinnerung an die Getöteten und Verstorbenen auf bedeutungsvolle Weise ehren kann. Hinter jedem Namen der Getöteten und Verstorbenen standen Leben, Hobbys, Interessen, Familie und Freund*innen.

Die Frage, über die ich viel nachdenke, ist, wie man sie im Alltag weiterhin in Erinnerung behalten kann. An der Mohyla-Akademie arbeiten meine Freun­d*in­nen an einem Projekt zum Gedenken an die verstorbenen Mohyla-Studierenden und Dozierenden – und organisieren Themenabende. Wir haben das Brettspiel Go gespielt, weil einer der verstorbenen Professoren es liebte, und wir haben über Mariam Naiems Buch über Dekolonisierung diskutiert, weil einer der verstorbenen Studenten es liebte, komplexe und relevante Themen zu diskutieren. Ich empfehle meinen Freund*innen, die Bücher zu lesen, die meine Eltern liebten. Und ich höre mir im Auto zusammen mit meiner Schwester die Musik an, die sie liebten, und singe mit. Ich spreche mit meinem Bruder über sie und seine Erinnerungen, die er noch nicht vergessen hat.

Wir werden weiterhin Widerstand leisten, egal was passiert

Meine Freund*innen, Kolleg*innen, Familie, Katzen und die Malerei halten mich am Leben. Und, um ganz ehrlich zu sein, ich liebe kalte, verschneite Winter. Dieser Winter ist genau so, und mein Bruder und ich gehen oft Schlitten fahren und Snow­tubing, und ich setze mein Gesicht oft der Wintersonne aus, die mich zwar nicht wärmt, aber ungemein tröstet. Ich gehe gerne in mein Büro im Zentrum von Kyjiw. Ich arbeite derzeit als internationale Analystin und auch als Soziologin – und verbringe dann den ganzen Tag mit meinen Kolleg*innen, um über unsere Forschungsarbeiten zu diskutieren. Dabei lerne ich so viele neue und interessante Dinge über die Welt. Und obwohl ich manchmal sehr traurig bin über das, was ich lese und hinterher realisiere, würde ich meine analytische Arbeit gegen nichts anderes eintauschen wollen.

Meine schwarze Katze Kora und meine schwarz-weiße Katze Sam sind ebenfalls eine große Inspirationsquelle. Kora kommt zu allen meinen Arbeits- und Studiencalls dazu. Sie klettert in die Kamera, wenn ich in meinem Spanischkurs neue Grammatik übe, und kommt, um mich zu küssen, wenn ich ein Zoommeeting zu einem Arbeitsprojekt habe. Und Sam kann sehr schön Liegen. Hahaha, es klingt seltsam, aber er sieht aus wie eine Traumkatze, wenn er mit seinem Kopf unter den Pfoten versteckt auf meinem Bett ruht. Ich zeichne ihn und Kora oft.

Mein orangefarbener Mantel und meine orangefarbene Wintermütze trösten mich auch. Wenn ich von schwarzen Mänteln und Jacken umgeben bin und die meisten um mich herum düster die Tage bis zum Ende des Winters zählen, erlaube ich mir, den Schnee zu genießen, die Hände meiner Freun­d*in­nen zu halten, damit ich nicht ausrutsche, Random-Bücher zu lesen, lustige Bilder zu zeichnen und Serien zu schauen, damit ich mitten in der Nacht mit einer Freundin darüber diskutieren kann.

Das Leben ist kompliziert, aber es ist nicht unerträglich. Oft macht es Spaß, wenn man sich erlaubt, all das wahrzunehmen, was einem noch Freude bereitet. Manchmal ist es schrecklich, und man möchte sich im Schnee vergraben und erfrieren. Aber meistens möchte man das nicht.

Wir werden weiterhin Widerstand leisten, egal was passiert.

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Hey du,

wie geht es dir? Schneit es bei dir genauso viel wie hier in Kyjiw? Seit einigen Tagen gibt es bei mir zu Hause mehr als acht Stunden Strom pro Tag, und ich finde erstens, dass das zu viel Strom ist. Denn auf einmal habe ich Zeit, alles zu erledigen, was ich erledigen muss, und alle meine Geräte aufzuladen. Was für eine surreale Erfahrung, dass weniger als acht Stunden Strom pro Tag für mich mittlerweile normal sind. Alles, was darüber hinausgeht, fühlt sich nicht richtig und fair an. Zweitens spüre ich, dass ein neuer massiver Angriff auf die Infrastruktur bevorsteht. In ein paar Tagen sollen die Temperaturen wieder unter minus 15 Grad Celsius fallen, sodass dies wahrscheinlich der Zeitpunkt für den russischen Angriff sein wird. Ich hoffe, wir haben genug Luftabwehrraketen und Abfangdrohnen, um uns zu schützen.

Seit mehreren Tagen versuche ich, mich an meinen Schreibtisch zu setzen, um dir über den Entwurf zum neuen Zivilgesetzbuch zu schreiben, aber es ärgert mich so sehr, dass ich es bis zum letzten Moment aufgeschoben habe.

Es ist gut, dass es sich derzeit nur um einen Gesetzentwurf handelt, der noch nicht in der Werchowna Rada verabschiedet und vom Präsidenten unterzeichnet wurde, aber die Tatsache, dass dieser Gesetzentwurf vom Sprecher der Rada ausgearbeitet wurde, macht diese Situation traurig und bedrohlich. In dem neuen, seit Ende Januar vorliegenden Entwurf sollen gleichgeschlechtliche Beziehungen von „faktische Familiengemeinschaften“ ausgeschlossen werden. Das wäre ein klares Nein zum Fortschritt.

In Kyjiw war es zuletzt klirrend kalt und brutal. Trotzdem gab es auch für unsere Autorin kleine, unbeschwerte Momente Foto: Julia Kochetov

Nur dank vieler Proteste wurde im vergangenen Jahr das Gesetz, das die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden einschränken sollte, zurückgenommen. Seither denke ich, es kann alles sehr schnell gehen. Ich fürchte mich davor, eines Tages in einem Land aufzuwachen, in dem es nicht möglich ist, sich während der Schwangerschaft und ein Jahr danach scheiden zu lassen, in dem inakzeptable Verjährungsfristen für häusliche Gewalt gelten, in dem Frauen eine moralische Hölle durchmachen müssen, wenn sie eine Abtreibung vornehmen lassen wollen und in dem die Rechte von LGBTQ+-Paaren nicht geschützt werden. Und in dem ich weiterhin nicht das Recht haben werde, eine Person meines eigenen Geschlechts zu heiraten.

Ich weiß nicht… Ich bin verärgert über diesen Gesetzentwurf. Ich halte ihn für einen großen Rückschritt. Ganz zu schweigen davon, dass er die Umsetzung der Istanbul-Konvention und unsere Verpflichtungen im Rahmen der europäischen Integration untergräbt. Seit mehreren Jahren in Folge nehmen wir an der Pride-Parade im Juni teil, um gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu legalisieren, insbesondere damit LGBTQ+-Militärangehörige und ihre Part­ne­r*in­nen sich um ihre Angehörigen im Krankenhaus kümmern, Entscheidungen für sie treffen und gemeinsam eine Zukunft aufbauen können, ohne befürchten zu müssen, dass ihr ganzes Leben wie ein Kartenhaus zusammenbricht, sobald ei­ne*r von ihnen in Gefahr gerät.

Ich bin sehr wütend. Jetzt habe ich mich selbst aus der Fassung gebracht. Aber ich folge allen LGBTQ+-Organisationen und feministischen Organisationen, die derzeit in der Ukraine am aktivsten sind. Sie schreiben Artikel und Posts und bitten die Menschen, Briefe an Abgeordnete zu schreiben. Auch ich habe ihnen geschrieben. Ich hoffe, dass wir alle gemeinsam Druck auf die Abgeordneten ausüben können, damit sie den Gesetzentwurf zurückziehen. Und dass es gar nicht erst wieder zu neuen Protesten am Iwan-Franko-Schauspielhaus kommen muss, wo die Massenproteste gegen die Entmachtung der Antikorrup­tions­behörden stattfanden.

Einen schönen Tag aus der noch demokratischen Ukraine!

P.S. Weißt du, ich möchte einfach morgens aufwachen und feststellen, dass wir als Land Tag für Tag ein Stückchen näher daran kommen, das Leben, das ich und viele meiner Freun­d*in­nen aus der LGBTQ+-Community führen, als Norm zu akzeptieren. Ich möchte nicht nur Einladungen zu den Hochzeiten meiner heterosexuellen Freun­d*in­nen erhalten, sondern auch zu den staatlich anerkannten Hochzeiten meiner queeren Freund*innen, und ich möchte keine Angst haben, über meine eigene Hochzeit nachzudenken, die hoffentlich eines Tages stattfinden wird.

In den letzten Jahren hatte ich mehr Freun­d*in­nen aus der LGBTQ+-Community als heterosexuelle Freund*innen, und es ist für uns alle schmerzhaft und belastend, rechtlich unsichtbar zu sein. Daher hoffe ich, dass dieser schlechte Entwurf des neuen Zivilgesetzbuchs ein Anstoß sein wird, ihn noch mal zu überarbeiten, und dabei die neuen Anforderungen der Gesellschaft berücksichtigt werden, anstatt zum vergangenen Jahrhundert zurückzukehren.

Polina Fedorenko, 25, und taz-Redakteurin Anna Fastabend haben sich über das wochentaz-Format „Notizen aus dem Krieg“ kennengelernt, das zu Beginn des russischen Angriffskrieges eine Zeit lang existierte. Seitdem sind sie in Kontakt geblieben. Die „Briefe aus der Dunkelheit“ hat Fedorenko unserer Kollegin in den vergangenen Wochen geschrieben.

Übersetzung aus dem Englischen:

Anna Fastabend

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