Fotos von Deportationen: Wie die Lörracher bei Deportationen gafften
Eine Tagung widmete sich dem Umgang mit Shoah-Überlebenden nach der Befreiuung. Über Traumata, die vererbt werden, und Fotos, die unbequeme Fragen stellen.
In der Fußgängerzone der badischen Kleinstadt Lörrach hängen aktuell bedrückende Fotos. Es sind Bilder von der Deportation der dortigen Juden im Oktober 1940. Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, berichtete von der Erinnerungsaktion – doch für sie ist diese keineswegs vorbildlich. Denn die Fotos seien nicht vollständig abgebildet worden: Es fehlten die gaffenden Lörracher. Da schauten etwa Kinder und Erwachsene aus dem geöffneten Fenster eines Hauses, wie unten die Sicherheitspolizei den Jüdinnen und Juden Anweisungen erteilte. Doch dieser Teil der historischen Wahrheit wurde weggeschnitten.
Alina Bothe leitet das Projekt „Last Seen“, das sich darum bemüht, bisher in Privathand oder in Archiven verborgene Fotos von der Verschleppung der deutschen Jüdinnen und Juden zu finden. Dort sei der „Prozess der Vernichtung von Beginn an zu sehen“, sagte sie auf einer Tagung Ende vergangener Woche in Berlin, und so lasse sich der Massenmord „in die Mitte der Orte zurückführen“, sagte sie. Bothe verlangte eine Auseinandersetzung darüber, wie „der genozidale Prozess in der Mitte der Gesellschaft begann“.
Bothe hat Fotos aus 70 deutschen Orten gesammelt. Viele der darauf zu sehenden jüdischen Opfer konnten in mühsamer Kleinarbeit identifiziert werden. Von den Mittätern und Gaffern dagegen gelang dies in keinem einzigen Fall. Auch mehr als 80 Jahre nach der Shoah bleibt es ein Familiengeheimnis, wer sich schuldig gemacht hat, wer zugeschaut und wer weggesehen hat.
„Nie befreit?“, so lautete die überspitzte Fragestellung der Tagung von Amcha, einer Organisation, die sich um Hilfen für die Überlebenden des Holocaust kümmert. Die Claims Conference schätzt die Zahl der Überlebenden weltweit auf nur noch rund 200.000. Ihr Durchschnittsalter liege bei 87 Jahren. Die Tagung selbst drehte sich jedoch nicht um deren Befreiung aus den Lagern der Nazis, sondern darum, wie die Überlebenden nach ihrer Befreiung behandelt wurden.
Das Bellen von Hunden, der Anblick von Uniformen
Nahezu jeder Überlebende hatte nach 1945 mit Traumata zu kämpfen. In den ersten Jahrzehnten mochte kaum jemand den Opfern zuhören, obwohl viele von ihnen Zeugnis abgaben, was sie erlebt hatten. Der Medizinhistoriker und Psychotherapeut Christian Pross erinnerte an die erniedrigenden Begutachtungen von körperlichen und seelischen Schäden aus der Haft in Rahmen der Entschädigungsverfahren. Oft agierten als Ärzte ehemalige Nazis.
Yuriy Nesterko
Zudem hielt sich in den 1950er Jahren die These, nach der sich Traumata vollständig überwinden ließen. Einfachste Dinge konnten bei den einst gequälten Opfern furchtbare Erinnerungen auslösen, sagte Pross, etwa „das Bellen von Hunden oder der Anblick von Uniformen“. Doch Panikattacken und Schlafstörungen wurden als erblich bedingt abgetan – und Hilfe verweigert.
Auch wenn die Zahl der Überlebenden heute immer kleiner wird, so bedeutet dies nicht, dass sich das von den Nazis verursachte Leiden auflöst. Denn Traumata lassen sich von Generation zu Generation vererben. Davon zeugten Wortbeiträge aus dem Publikum. Die NS-Opfer selbst hätten es häufig vermieden, ihren eigenen Kindern von ihrem Erlebten zu berichten, auch um diese nicht zu belasten. Manche verleugneten gar ihr Judentum.
Doch „Kinder merken, dass Eltern Probleme haben“, so Pross. Als Erwachsene schlügen sie sich mit Geschehnissen herum, die sie selbst nicht erlebt haben, aber trotzdem erleiden müssen. Wenn keine emphatische Resonanz erfolge, werde das Sprechen über die Leiden schwerer und schwerer.
Heute sind es keine Ärzte mehr, die die NS-Opfer und ihre Nachfahren erniedrigen. Es sei vor allem die fehlende Empathie der Mehrheitsgesellschaft, die verstöre, wurde konsterniert festgestellt. Das sei besonders nach dem 7. Oktober deutlich geworden, als die Beteiligung an Protesten gegen das Hamas-Massaker in Israel in der Bundesrepublik gering blieb und nach Kriegsbeginn in Gaza eine antiisraelische Stimmung entstanden sei.
Auf der Suche nach weiteren Fotos
Für viele der Überlebenden habe die Existenz des Staates Israel aber eine enorme Bedeutung, weil sie sich den Nazis weitgehend wehrlos ausgeliefert gefühlt hätten. Jetzt dagegen gebe es zum Schutz „ein eigenes Land und eine eigene Armee“, betonte die Psychotherapeutin Dalia Sivan.
Das Beispiel mit den beschnittenen Fotos von Lörrach macht deutlich, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft eine Auseinandersetzung mit den Tätern in den eigenen Reihen immer noch zu vermeiden versucht. Nun werde die Arbeit zur Erinnerung der NS-Geschichte auch noch „massiv infrage gestellt“, stellte Gryglewski fest, ohne konkret zu benennen, vom wem.
Sie berichtete von Schmähbriefen, die in der Gedenkstätte Bergen-Belsen eingehen: „Das reicht von Gleichgültigkeit bis hin zum Hass.“ Und Alina Bothe merkte an, dass es bei ihrer Suche nach Fotos von Deportationen nicht nur positive Reaktionen gebe. Zuletzt habe ihr die Referentin einer städtischen Kultureinrichtung in Nordbayern mitgeteilt, dass sie sich „keine Hoffnung“ machen solle, Augenzeugen der Geschehnisse identifizieren zu können.
Niemand in Deutschland solle einfach glauben, die eigene Familie werde schon unschuldig sein, sagte der Psychotherapeut Yuriy Nesterko. „Was haben deine Großeltern getan? Als Nachkomme von Überlebenden habe ich ein Recht auf eine Antwort.“
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