Eindrücke aus Odessa: Wo es noch Strom gibt, muss man suchen
Gemütlichkeit sieht anders aus, aber Geld hilft: Leben in einer ukrainischen Stadt, wo Russlands Angriffe Strom und Wasser zu Luxusgütern machen.
„Ich muss Ihnen den Kaffee leider im Einwegbecher geben“, sagt die nette Dame an der Theke im Café. „Wir haben heute kein Wasser.“ Kein Problem – wenn man nicht gerade auf die Toilette will, die „vorübergehend nicht funktionsfähig“ ist, wie ein eilig gemalter Zettel an der Tür mitteilt. Aber Strom haben sie auch nicht, sonst wäre nicht der laut ratternde Generator vor der Türe.
„Sie haben bestimmt deswegen kein Wasser und keinen Strom, weil Sie ihre Rechnungen nicht bezahlt haben“, scherzt ein Mann zur Verkäuferin rüber. Die tut so, als habe sie das nicht gehört, ihr ist nicht nach Scherzen zumute.
In solchen Situationen ist in Odessa ein Café einer der wenigen Orte, wo es sich aushalten lässt. Hier hat man dank Generator vor der Tür Licht, Heizung, Strom, Mobilfunkverbindung und Internet. Trotzdem ist das Café leer. 1,50 Euro für einen Cappuccino ist nicht jedermanns Sache bei der riesigen Arbeitslosigkeit in der Stadt. Schon gar nicht jeden Tag. Und gemütlich ist das Kaffeetrinken auch nicht, wenn nur paar Meter weiter ein Generator rattert.
Diese Probleme kennt man im Restaurant Kumanez in der Havannastraße 7 nicht. Da steht der Generator nicht direkt am Eingang. An mehreren Abenden pro Woche treten KünstlerInnen in ukrainischer Nationaltracht auf. Und wer meint, er könne im Kumanez einfach zu Abend speisen, ohne sich angemeldet zu haben, hat Pech gehabt. Mit einem „Auch bei bestem Willen können wir Ihnen ohne Vorbestellung keinen Platz anbieten“ wird der Möchtegernbesucher hinauskomplimentiert. Bei aller Arbeitslosigkeit: In Odessa gibt es viele Menschen, die ohne Probleme 20 Euro für ein Abendessen ausgeben können.
Drohnenangriffe auf die zivile Infrastruktur
Wieder griff Russland Odessa und andere ukrainische Städte in der Nacht zum Sonntag mit Drohnen an. Bisher gibt es keine Angaben zu Opfern. In der Nacht zu Samstag starb nach Angaben von Regionalgouverneur Oleh Kiper eine Frau, nachdem ihr Wohngebäude durch eine russische Drohne in Brand gesetzt worden war. In der Nacht zum Freitag verursachte ein russischer Angriff „extrem starke“ Schäden an den Energieanlagen im Hafen. „Es wird lange dauern, die Anlage zu reparieren und sie wieder in Gang zu bringen“, teilte das private Energieunternehmen DTEK mit. In der Nacht zu Donnerstag wurde ein Markt zerstört.
Der Leiter der Militärverwaltung der Stadt, Serhij Lyssak, teilte mit, dass die Angriffe gezielt auf die zivile Infrastruktur abzielten. Nach Angaben des Leiters der Militärverwaltung des Gebietes Odessa, Oleh Kiper, kam es zu Schäden an ziviler und Verkehrsinfrastruktur. Am Bahnhof wurde ein Verwaltungsgebäude beschädigt. Nach einem Einschlag auf einen Eisenbahnkesselwagen kam es durch austretenden Treibstoff zu einem Brand.
Insgesamt beschoss Russland die Ukraine in der vergangenen Woche laut Präsident Wolodymyr Selenskyj mit 1.300 Drohnen, über 1.200 Gleitbomben und 50 ballistischen Raketen. Aus dem russischen Gebiet Belgorod wird derweil erneut ukrainischer Beschuss vermeldet, ein Heizkraftwerk wurde getroffen. Nach Angaben des Gouverneurs Gladkow fallen Heizung und warmes Wasser voraussichtlich bis Ende April aus.
Ljudmilla (Name geändert) in Odessa hat noch ein anderes Problem. Ein Nachbar ist von der Front zurückgekehrt. Wegen einer leichten Verletzung hat er zwei Wochen Urlaub. „Die ganze Nacht war er betrunken und hat randaliert. Eigentlich hätte ich die Polizei rufen müssen.“
Das machte sie dann aber doch nicht. „Wenn ich die Polizei angerufen hätte, hätten die meinen Pass sehen wollen, und dann wäre herausgekommen, dass ich russische Staatsbürgerin bin.“ Auch ihr Nachbar rief nicht die Polizei. Er versteckt sich vor der Wehrbehörde, weil er nicht an die Front will.
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