piwik no script img

Experiment, um Fehltage zu senkenJede Krankmeldung ist gut!

Eva Fischer

Kommentar von

Eva Fischer

Eine Studie liefert eine Idee, wie man Ar­beit­neh­me­r:in­nen besser daran hindern kann, sich krankzumelden. Der Ansatz ist kontraproduktiv.

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Laut Umfragen schleppt sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten krank zur Arbeit Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

D er Wissenschaftler Timo Vogelsang hat etwas herausgefunden, was viele Ar­beit­ge­be­r:in­nen interessant finden. In Zusammenarbeit mit einer nicht genannten deutschen Supermarktkette, die über einen hohen Krankenstand klagte (5.919 Fehltage bei 817 Angestellten im Jahr 2024), führte er ein Experiment durch. Mitarbeiter:innen, die überdurchschnittlich häufig krankheitsbedingt fehlten, bekamen einen Brief zugeschickt. In diesem wurden ihre Krankmeldungen aufgelistet und in Vergleich gesetzt zu den durchschnittlichen Fehlzeiten der Kolleg:innen.

Der promovierte Personalökonom bezeichnete dies im Interview mit dem Spiegel als „reinen Infobrief“, „ganz ohne erhobenen Zeigefinger“. Daraufhin, oh Wunder, ging die Zahl der Krankmeldungen zurück. Der Forscher begründet dies mit der menschlichen intrinsischen Motivation, sich gerne so wie die soziale Norm zu verhalten. Die „Infobriefe“ würden diese unbewusste Verhaltensweise hervorrufen.

Diese Studie wird aktuell gern medial aufgegriffen, passt sie doch gut zu der Debatte, die Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Aussage zu Krankmeldungen und der Frage „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ immens befeuert hat. Doch damit hat er nach der Corona-Pandemie einen gesellschaftlichen Rückschritt bei der Akzeptanz von Krankmeldungen eingeleitet, die auch der Wirtschaft langfristig keinen finanziellen Vorteil verschafft. Im Gegenteil.

Präsentismus ist wesentlich teurer als Krankmeldungen

Wenn sich Menschen krank zur Arbeit schleppen, bezeichnen Ar­beits­wis­sen­schaft­le­r:in­nen dies als Präsentismus. Laut Umfragen tut dies mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Angst, den Job zu verlieren, Leistungsdruck und Personalknappheit bringt sie dazu. Doch Präsentismus ist teuer: Ein:e Ar­beit­neh­me­r:in im Büro kann ein Unternehmen doppelt so viel kosten wie ein:e Kolleg:in, der:­die mit Wärmflasche und Tee im Bett liegt. Denn kranke Mit­ar­bei­te­r:in­nen arbeiten langsamer und machen mehr Fehler, die Krankheit dauert länger, Kol­le­g:in­nen werden angesteckt; Mitpassagiere im ÖPNV natürlich auch, aber das ist dem internen Controlling erst mal egal.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten von Präsentismus übersteigen die durch Fehlzeiten entstehenden Kosten der Arbeitgeber um ein Vielfaches. Laut dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) kosteten Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall Unternehmen im Jahr 2024 82 Milliarden Euro. Die Gesamtkosten von Präsentismus lagen in dem Jahr dagegen bei 227 Milliarden Euro, wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schätzt.

Es gibt zudem keinen stichhaltigen Hinweis darauf, dass sich viele Ar­beit­neh­me­r:in­nen „nur zum Spaß“ krankmelden. Wer nicht körperlich krank ist, sich aber dennoch krankmeldet, tut dies meist aufgrund psychischer Probleme oder Erschöpfung. Aber: Psychische Gesundheit ist, wie der Name schon sagt, Gesundheit, und ist die angeschlagen, ist man krank. Ganz einfach.

Erschöpfung ist ein Warnsignal des Körpers, dass ernstere körperliche und psychische Erkrankungen drohen. Dass betroffene Menschen der Arbeit fernbleiben und sich auskurieren, um nicht langfristig auszufallen, ist also auch aus wirtschaftlicher Sicht richtig. Statt Ar­beit­neh­me­r:in­nen einen subtilen Warnbrief nach Hause zu schicken, sollte man lieber einsehen, dass jede Krankmeldung richtig und notwendig ist. Wer das anders sieht, betreibt das, was im Sprachgebrauch mit einem sexistischen Begriff bezeichnet wird, der mit M beginnt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Eva Fischer
Chefin vom Dienst
Jahrgang 1989; seit Anfang 2025 bei der taz, derzeit als Nachrichtenchefin und Chefin vom Dienst bei taz.de. Vorherige Stationen: u.a. EU-Korrespondentin in Brüssel beim Handelsblatt, Redakteurin für Internationale Politik beim Tagesspiegel, Redakteurin bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Wirtschaftspsychologie-Studium mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie und dem Nebenfach Politikwissenschaft, Besuch der Holtzbrinck-Journalistenschule, gelernte Medienkauffrau Digital und Print beim Spiegel-Verlag.
Mehr zum Thema

9 Kommentare

 / 
  • Die segensreiche sozialpsychologische Forschung hat mal wieder was rausgefunden („sozialer Vergleich“). Haben die Versuchspersonen eigentlich eingewilligt, am Experiment teilzunehmen, oder wurden die Daten einfach so abgegriffen? Für letzteres kann es durchaus Strafen geben.

    Dank auf jeden Fall an die Autorin für die hilfreiche Einordnung bzgl. der betrieblichen und gesamtwirtschaftlichen Schäden durch Präsentismus, auch der nette Seitenhieb gegens Controlling (check your performance indicators).

    Da waren wir schon weiter, z.B. während Corona. Aber seit Rechtsruck geht es intellektuell und moralisch und wirtschaftlich halt bergab.

  • "Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten von Präsentismus übersteigen die durch Fehlzeiten entstehenden Kosten der Arbeitgeber um ein Vielfaches."

    Das ist richtig. Nur ich halte es für prinzipbedingt unvermeidlich, dass Firmen so etwas wie eine "gesamtwirtschaftliche Vernunft" ignorieren, da sie ja (mehr oder weniger) in Konkurrenz zu anderen stehen. Vielleicht kann da ein Wirtschaftsministerium Anreize, Rahmenbedingen, Verbote o.ä. veranlassen?

    • @vøid:

      Gut beobachtet, danke. Fischereikonflikt um dir Arbeitssicherheit sozusagen

  • Unbestritten! Wer wirklich krank ist, soll sich auskurieren. Andere bei der Arbeit oder auf dem Weg dahin anzustecken sollte auch nicht sein.



    Manche, so mache ich es auch, arbeiten wenn es geht auch noch das wichtigste im Homeoffice ab.



    Es macht auch Sinn vorzeitig zuhause zu bleiben, wenn sich beispielsweise ein starker Infekt anzeichnet.

    In einem muss ich deutlich widersprechen:



    Es gibt jedoch genügend, die das ausnutzen. Wir haben im Umfeld Personen, die die 3 Tage, ohne Attest, monatlich 1-2x in Anspruch nehmen.



    Darunter eine, die so unverfroren ist, sich wegen starken Rückenschmerzen krank zu melden und dann daheim auf dem Hof arbeiten oder auf dem Pferd sitzen. Viele wissen es, aber seit Jahren tut keiner was dagegen. Btw, diese arbeitet nicht in der Privatwirtschaft und wurde nun auf eine andere nicht so relevante Stelle versetzt, in der die Fehltage besser zu kompensieren sind. Auch ein Weg damit umzugehen, jedoch für den Kollegenkreis sehr demotivierend.

    Andere sprechen sich offen in ihren Abteilungen ab und wenn wenig los ist fehlt eine(r).

    Das ist leider Usus und gegenüber den Kolleg(inn)en

    Dass „jede Krankmeldung richtig u. wichtig ist“, das ist nicht korrekt!

  • Traurig genug, dass hier innerhalb des menschenverachtenden kapitalistischen Schweinesystems argumentiert wird. Die Renditen könnten sinken wenn die Leute krank zur Arbeit kommen. Ein Glück, dass sie nicht steigen würden, denn dann wäre es ja völlig ok.

  • Wenn parallel dazu auch anonymisiert genannt wird, was die Kollegen an Lohn ausgezahlt bekommen, welche Aufstiegschancen es gibt, welche Dortbildungen angeboten werden, etc... dann haben wir einen "Infobrief".

  • Nicht Äpfel und Birnen vergleichen:



    "Dabei gibt es mehrere Erklärungen, warum die deutschen Krankenkassen seit der Corona-Pandemie einen fast durchgehend hohen Krankenstand verzeichnen. Und keiner dieser Gründe hat etwas mit einer mangelnden Einsatzbereitschaft der arbeitenden Bevölkerung zu tun. So wird die Statistik zum einen durch einen methodischen Effekt verzerrt: Seit 2022 werden die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nämlich digital erfasst und an die Krankenversicherung übermittelt. Dadurch liegen die aktuellen Zahlen schlichtweg näher an der Realität als früher."



    Quelle stern.de



    Weiter dort:



    "Demografie zerrt am Krankenstand



    Wahr ist aber auch: Die Alterung der deutschen Bevölkerung schreitet voran. Der demografische Wandel schlägt sich auch im Gesundheitszustand nieder. Je älter die Belegschaft, desto länger dauern Krankheitsausfälle im Schnitt an. Hinzu kommt eine Zunahme bestimmter langwieriger Erkrankungen. Vor allem die Bedeutung psychischer Störungen wächst und sorgt für immer längere Fehlzeiten unter Beschäftigten. Auch ein veränderter Umgang mit ansteckenden Infekten wird oft angeführt, um zu erklären, warum die Deutschen im Krankheitsfall öfter mal zu Hause..."

  • ... was im Sprachgebrauch mit einem sexistischen Begriff bezeichnet wird, der mit M beginnt.

    Ich bin bei solchen Ratespielchen nicht gut.



    Mir fallen nur zwei -ismuse ein, Machismus und Masochismus. :))



    Was ist gemeint?

  • Und welcher sexistische Begriff mit M ist das, den Sie meinen vor den Leserinnen verbergen zu müssen? Sie haben ihn ja gedacht, womit der Sexismus Ihrerseits ja schon manifestiert ist. Mir sagt die dunkle Andeutung aber gerade nix.