Getöteter Rechtsextremer in Frankreich: Der Charlie-Kirk-Effekt
Eine Antifa-Gruppe tötet in Frankreich einen Rechtsextremen. Macron und Minister zeigen sich solidarisch. Bei rassistischen Morden bleibt dieses „Wir“-Gefühl aber aus.
Q uentin Deranques Tod könnte der parteipolitischen und gesellschaftlichen Linken noch nachhaltig schaden. Der rechtsextreme Student starb infolge einer gewaltvollen Auseinandersetzung zwischen einer Antifa-Gruppe und Identitären am 12. Februar in Lyon. Besonders problematisch: Bei der Antifa-Gruppe soll es sich laut rechtsextremer Zeug*innen um die seit 2025 verbotene Organisation Jeune Garde handeln, die von dem Abgeordneten Raphaël Arnault gegründet wurde, einem Mitglied der linken Partei La France insoumise (FI).
Zeug*innen wollen Arnault selbst bei der Tat erkannt haben. Der Abgeordnete weist jegliche Beteiligung zurück, die Ermittlungen laufen erst. Vorsorglich wurde er von der Nationalversammlung ausgeschlossen. Sollte sich der Vorwurf bewahrheiten, muss die Partei FI sich zu Recht damit auseinandersetzen, dass sie eine problematische Nähe zu gewalttätigen Kleingruppen pflegt, womit sie moralisch und politisch ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit verlöre.
Auch linke, außerparlamentarische Gruppen sollten nicht erst nach diesem Fall hinterfragen, wie weit antifaschistische Selbstverteidigung geht und gehen darf. Zum einen ist da die offensichtliche moralische Dimension. Zum anderen ist auch politisch und strategisch fragwürdig, ob mit solchen Mitteln Rechtsruck und Faschismus – die eine reale und akute Gefahr darstellen – wirklich und effektiv zu bekämpfen sind.
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Über diese Fragen hinaus ist es aber auch wichtig, den medialen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Fall kritisch zu betrachten. Dazu gehört auch eine fragwürdige Überidentifikation mit dem Opfer, eine Art Charlie-Kirk-Effekt. So sicherte Präsident Emmanuel Macron der Familie des Ermordeten nichts weniger als „die Unterstützung der Nation“ zu. Hätte eine Verurteilung der Gewalt nicht genügt?
Zum Vergleich: Am 28. April 2025 erstach ein Mann den Malier Aboubakar Cissé vor einer Moschee in Lyon. Am 31. Mai 2025 wurde der tunesische Friseur Hichem Miraoui mit fünf Schüssen von einem Le-Pen-Anhänger ermordet. Auch rassistische Polizeigewalt führt in Frankreich immer wieder zu Toten, zuletzt am 15. Januar, nachdem Polizisten den Mauretanier El Hacen Diarra mit Elektrotaser verletzt haben und dieser später in Polizeigewahrsam verstorben ist. Man könnte auch die 164 Femizide allein im Jahr 2025 nennen.
Kein Whataboutism
Wer jetzt Whataboutism wittert: In dieser Gegenüberstellung geht es nicht darum, den Tod des einen durch den der anderen zu relativieren. Es ist aber bezeichnend, dass bei Frauen und Menschen mit afrikanischen Namen in der politischen Rhetorik nicht annähernd ein vergleichbares Gefühl des „Wir“ propagiert wird.
Das liegt auch an der Berichterstattung. Schilderungen von Rechtsextremen wurden im Fall Deranque von Medien relativ unhinterfragt übernommen, obwohl der Sachverhalt noch nicht geklärt ist. Der Anwalt von Deranques Familie behauptet, dem 23-Jährigen sei von trainierten und bewaffneten Individuen in großer Überzahl ein Hinterhalt gestellt worden.
Das Investigativmagazin Médiapart hat dagegen rekonstruieren können, dass Deranque mit etwa 20 weiteren Rechtsextremen vermummt unter einer Autobrücke stand, um das in der Nähe stehende identitäre Kollektiv „Némésis“ gegen etwaige Angriffe zu schützen, und dass eine linke Gruppe vermutlich zufällig auf sie stieß. Welche Seite zuerst gewalttätig wurde, ist unklar. In einem Video sieht man etwa zehn Menschen – wohl der linken Gruppe zugehörig – auf drei Leute am Boden eintreten. Es wäre keine Relativierung, sondern teil seriöser Berichterstattung, dies alles darzustellen.
Manche der oben genannten rassistischen Morde haben in Frankreich für Demonstrationen gesorgt, nicht aber für Äußerungen, geschweige denn Handlungen von Ministern oder vom Präsidenten wie bei Deranque. Und so lässt sich am Fall Quentin Deranque eben auch feststellen: Staatliche Akteur*innen identifizieren sich explizit eher mit einem Rechtsextremen als mit Frauen und Arabern.
Nebenbei wird der Fall zu einem willkommenen Vorwand, alles, was irgendwie links ist, zu delegitimieren. Das steht symptomatisch für die immer weniger verkappte bürgerliche Nähe zum rechten Rand. Und vielleicht liegt darin das größere Problem.
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