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Die Welt als Dienstleistungsdorf

In Tomer Gardis „Liefern“, einer Prosa-Miniserie in sechs Erzählungen, kreuzen sich Lebenswege von Menschen auf vier Kontinenten

Von Katharina Granzin

Filmon aus Eritrea arbeitet in Tel Aviv als Essenslieferant, während Frau und Tochter es schon nach Berlin geschafft haben und dort seit Jahren auf ihn warten. Die indische Managerin Megha und ihre Kinder warten ebenfalls, doch in diesem Fall vergeblich, denn die am Abend des Divali-Fests bestellten Burger kommen nie bei ihnen an, weil sich auf ihrem Weg durch Delhis Straßen eine Tragödie ereignet. Ein Ich-Erzähler will in Istanbul eine Haartransplantation vornehmen lassen und lernt einen Motorradkurier kennen, der eigentlich türkische Literatur studiert hat, aber nicht Lehrer werden darf.

Das sind nur drei von vielen menschlichen Lebenswegen, die sich in diesem ungewöhnlichen Roman kreuzen, der streng genommen und formal gesehen vielleicht gar kein Roman ist, sondern vielmehr einer Art ­Serienprinzip folgt, wie wir es von Streamingdiensten und TV-Formaten inzwischen so sehr gewohnt sind. Der Form nach ist „Liefern“ so etwas wie eine literarische Miniserie in sechs Prosa-Episoden.

Tomer Gardi: „Liefern“. In Teilen aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 320 Seiten, 25 Euro

Diese sechs Folgen/Erzählungen sind allerdings unterschiedlich lang und knüpfen auch nicht nach absehbarem Schema F aneinander an. Jede Erzählung steht für sich selbst, einerseits. Zum anderen enthält jeder Text aber auch mindestens einen Anknüpfungspunkt an mindestens einen anderen, wie lose auch immer. Da taucht etwa der Ehemann der Inderin Megha als Nebenfigur in der ­Istanbul-Geschichte auf; die Germanistikstudentin Nina, eben noch in Delhi, stellt sich später in Berlin als Deutschlehrerin von Filmons Frau Daniat heraus, und auch Filmon hat es irgendwann nach Berlin geschafft und arbeitet nun eben dort als Essenslieferant. Und es kann gut sein, dass eine der kenianischen Rosen, die der Ich-Erzähler ab und zu kauft, von der jungen Akiny in der Plantage bei Nairobi geschnitten wurde, die wir in der letzten Episode kennenlernen. Von allen Menschen, die sich in diesen Erzählungen mit mies bezahlten Dienstleistungen an Besserverdienenden durchs Leben schlagen, ist Akiny am schlechtesten dran, denn als sie ihren Job als Rosenpflückerin nach der Hauptsaison wieder verliert, bleibt ihr nichts anderes übrig, als aus ihren körperlichen Reizen Kapital zu schlagen.

Dem Serienprinzip auch stilistisch treu, hat der Deutsch-Israeli Tomer Gardi für dieses Buch darauf verzichtet, seine eigene originelle Einwanderer-Variante des Deutschen zu verwenden, mit der er unter anderem 2016 beim Bachmannpreis-Wettlesen für Aufmerksamkeit sorgte. Stattdessen, und ebenso originellerweise, hat Gardis Übersetzerin Anne Birkenhauer, die auch die auf Hebräisch geschriebene Istanbul-­Erzählung „Mimesis“ ins Deutsche übertragen hat, alle Texte zu einem einwand- und fehlerfreien Standarddeutsch geglättet. Das Ergebnis ist eine leicht lesbare, gleichsam dahinge- und manchmal auch etwas verplauderte Prosa, die sich beinahe ebenso mühelos wegkonsumieren lässt wie eine Netflix-­Miniserie oder ein Vegan-Burger mit Pommes. Damit überträgt Gardi das heutzutage global allumfassende Dienstleistungsprinzip, von dem dieser Quasi-­Roman handelt, auch auf dessen eigene Form und Funktionalität. Man könnte auch sagen: Er hat geliefert.

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