Bildung einer nationalen Gasreserve: Nicht genug Kapazitäten in Deutschland
Für eine echte Gasreserve reichen die Speicher hierzulande nicht. Ex-Staatssekretär Patrick Graichen fordert, Lagerstätten in der Ukraine zu nutzen.
Angesichts der sich leerenden deutschen Gasspeicher nimmt die Diskussion um eine nationale Gasreserve Fahrt auf. Allerdings gibt es in Deutschland nicht genug Lagerkapazitäten, um Vorräte nach dem Vorbild der nationalen Ölreserve zu bilden. Darauf weist der Energieexperte und ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen hin. Das Problem ist seiner Auffassung nach lösbar: durch die Lagerung von deutschem Gas in der Ukraine.
Die Füllstände in den deutschen Gasspeichern sind sehr niedrig und sinken angesichts des anhaltend kalten Wetters weiter. Am Dienstag lagen sie bundesweit bei 23,5 Prozent, in einigen Regionen deutlich darunter. Zwar beteuert das Bundeswirtschaftsministerium, dass es keinen Grund zur Sorge gebe – auch weil zusätzliche Lieferungen über die deutschen LNG-Terminals und Speicher aus den Nachbarländern möglich seien.
Trotzdem gibt es in der Öffentlichkeit und der Energiebranche Sorge, dass aufgrund einer möglichen Knappheit die Preise stark steigen. Am späten Dienstagnachmittag wird der Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie auf Initiative der Grünen bei einer Sondersitzung darüber beraten. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) muss in der nicht öffentlichen Sitzung erklären, wie sie die Versorgungssicherheit gewährleisten will.
Vor diesem Hintergrund werden Rufe lauter, eine Gasreserve nach dem Vorbild der bestehenden Ölreserve zu schaffen. Unter anderem die Spitzen der Bundesnetzagentur und des Branchenverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft haben sich dafür ausgesprochen. Die staatliche Ölreserve reicht für eine Dauer von 90 Tagen.
„Eine staatliche Gasreserve für den nächsten Winter anzulegen, ist sinnvoll“, sagt Graichen der taz. Der frühere Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende war von 2021 bis 2023 Staatssekretär von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und ist heute Mitglied im Aufsichtsrat des ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenergo.
Eine Reserve könnte den deutschen Gasmarkt vor Preisschocks wie 2022 schützen. Diese könnten eintreten, wenn die deutschen Speicher relativ leer sind und die USA ihre LNG-Lieferungen einschränken oder mit Exportzöllen enorm verteuern. Nach alternativen Gaslieferanten zu suchen, hält Graichen nicht für erfolgversprechend. „Das ist weitgehend ausgereizt“, sagt er.
Preiszyklus funktioniert nicht mehr
Falls eine Gasreserve eingerichtet würde, müsste geklärt werden, ob sie ein Teil der bisherigen privaten Vorräte wäre oder zusätzlich geschaffen würde, so Graichen. Die insgesamt 48 Gasspeicherstandorte in Deutschland haben eine Kapazität von rund 250 Terawattstunden. Denkbar wäre, dass der Staat davon 10 bis 15 Prozent als Reserve vorhalten würde. Bislang nutzten Händler die Speicher, um im Frühling und Sommer bei billigen Preisen Vorräte aufzubauen und das Gas im Herbst und Winter mit Gewinn zu verkaufen. Weil mittlerweile die Preise auch im Sommer hoch sind, funktioniert dieser Zyklus nicht mehr – weshalb die Speicher jetzt nur mäßig gefüllt sind.
Eine Reserve von 10 bis 15 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazität entspräche 25 bis 37,5 Terawattstunden. „Das ist nicht im Ansatz das, was die Ölreserve leisten kann“, sagt Graichen. Im Winter liegt der Gasverbrauch an kalten Tagen bei 2 bis 3 Terawattstunden. Deutschland würde mit dieser Reserve bei sehr niedrigen Temperaturen nicht einmal über zwei Wochen kommen. Soll die Gasreserve wie die Ölreserve für 90 Tage reichen, wären sehr viel größere Vorräte erforderlich – mindestens 180 Terawattstunden. „Deutschland hat nicht annähernd genug Kapazitäten, um diese Mengen Gas zusätzlich zu lagern“, sagt er.
Graichen schlägt deshalb vor, für den Aufbau der Gasreserve Lagerstätten in der Ukraine nutzen. „Dort gibt es genug Kapazitäten“, sagt er. Ihm sei bewusst, dass das heikel ist. „Aber es wäre ein klares Signal an Russland und an die USA“, betont er.
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