Starlink in Russland deaktiviert: Blockierte Kommunikation lässt Ukraine vorrücken
US-Milliardär Elon Musk hat dem russischen Militär die Internetverbindung gekappt. Seitdem hat die Ukraine deutliche Geländegewinne erzielt.
Diebstahl rächt sich. Unter Umgehung der westlichen Sanktionen hat sich Russland eines der Mittel geholt, mit denen die ukrainische Armee bisher im Drohnenkrieg die russischen Angreifer in Schach gehalten hatte: das Starlink-Satellitensystem von SpaceX des exzentrischen US-Milliardärs Elon Musk. Doch als Starlink für die russischen Truppen deaktiviert wurde und Russlands Drohnenlenker so quasi „blind“ waren, konnten ukrainische Truppen innerhalb weniger Tage so große Geländegewinne verzeichnen wie seit knapp drei Jahren nicht mehr.
Eine Datenanalyse der renommierten US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) belegt, dass die Ukraine zwischen Mittwoch und Sonntag vergangener Woche 201 Quadratkilometer ihres zuvor von Russland eingenommenen Staatsgebiets zurückerobert hat. Ein Großteil davon liegt laut der tagesgenauen ISW-Analyse in der Region Saporischschja. Seit einer Gegenoffensive im Juni 2023 haben Kyjiws Truppen nicht mehr so viel Gebiet in so kurzer Zeit zurückgewonnen.
Das ISW führt das Vorrücken der ukrainischen Streitkräfte auch auf die Blockierung des russischen Zugangs zum Satellitensystem Starlink zurück. Dadurch werde nicht nur die Kommunikation der Invasoren gestört, sondern auch die Steuerung ihrer Drohnen erschwert. Russland hatte illegal über Drittstaaten Starlink-Systeme importiert und Drohnen sowie Militäreinheiten damit ausgestattet. Damit sollte die russische Armee – wie auch die ukrainische – ihre Kampfdrohnen mit mobilem Internet via Starlink-Satelliten steuern können.
Gute Beziehungen zu Musk
Seit Anfang Februar können Moskaus Truppen dieses System nicht mehr nutzen, was die Kommunikation mit ihren mit Starlink-Empfängern ausgestatteten Drohnen verunmöglicht hat. Der neue ukrainische Verteidigungsminister, der erst 34 Jahre alte Mychailo Federow, war zuvor Minister für digitale Transformation und ist ein erfahrener IT-Experte. Er kennt Elon Musk seit Jahren und bat ihn, das illegal von Russland genutzte Starlink-System für die russischen Truppen abzustellen.
Dafür wurden alle in der Ukraine zugelassenen Starlink-Geräte neu registriert. Zugleich wurden alle sich auf und über dem Staatsgebiet (und somit auch den besetzten Gebieten) befindlichen nicht registrierten Geräte abgeschaltet. Ausgerüstet mit 9.646 erdnahen Satelliten bietet Starlink Internet auch in entlegenen und nicht anders versorgten Gebieten an. Die Satelliten halten ständigen Kontakt mit Terminals auf der Erde und gewährleisten so ununterbrochen Zugang zum Internet. Die Kosten für die Nutzung durch die ukrainische Armee wird mit 80 Millionen Dollar jährlich beziffert, für die bisher Polen aufkam.
Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos versucht bisher ebenso erfolglos wie pompös medial angekündigt, eine Starlink-Alternative aufzubauen. Natürlich, wie von den Staats-TV-Kanälen verbreitet, viel besser, viel billiger und viel effizienter. Wahlweise sollen dafür russische „Sorkij“-Satelliten von Roskosmos gebaut und ins All gebracht werden, oder von der privaten russischen Firma Büro 1440 entwickelte Satelliten namens „Rasswet“ („Morgendämmerung“). Gemeinsam ist beiden Projekten, dass sie immer weiter verschoben werden.
Russland versucht es mit „Barrasch-1“
Nun soll es eine „Barrasch-1“ genannte unbemannte stratosphärische Plattform richten: Eine aus Spezialpolymeren gefertigte zeppelinförmige Flotte vollgepackt mit Kommunikationstechnik, die 20 Kilometer außerhalb der Erde kreisen und entlegene Regionen mit Internet versorgen soll. Angeblich sei der erste Testflug des Zeppelins, der von Aerodromash in Nowgorod in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Technischen Universität Moskau entwickelt wurde, erfolgreich gestartet.
Unterdessen kam es parallel zu den am Dienstagmorgen in Genf begonnenen Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, vermittelt durch die USA, zu gegenseitigen schweren Angriffen. Russland griff in der Nacht mit Raketen und Drohnen erneut die Energieinfrastruktur der Ukraine an.
Die ukrainische Armee hat ihrerseits eine Ölraffinerie im südrussischen Krasnodar mit Drohnen in Brand gesetzt sowie eine der größten russischen Chemiefabriken bei Perm im Ural angegriffen.
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