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Bis heute ist Neve Shalom/Wahat al-Salam der einzige Ort in Israel, an dem 300 Juden und Palästinenser freiwillig zusammenleben Foto: Jonas Opperskalski

Zusammenleben in IsraelWo Frieden möglich scheint

Im israelischen „Friedensdorf“ leben Juden und Palästinenser nah zusammen. In Tel Aviv kämpfen Aktivisten gegen Hass und Misstrauen. Kann ein Miteinander doch gelingen?

Felix Wellisch

Aus Neve Shalom|Wahat Al-Salam und Tel Aviv

Felix Wellisch
Inhaltsverzeichnis

A uf halber Strecke zwischen Jerusalem und Tel Aviv scheint Frieden zwischen Palästinensern und Israelis eine Möglichkeit. Im Dorf Neve Shalom/Wahat al-Salam schallen Ende Januar Rufe auf Hebräisch und Arabisch durcheinander, während Kinder auf dem Pausenhof der Grundschule Basketball spielen. Zwischen grünen Bäumen mit Blick auf das Ajalon-Tal schmiegen sich rund einhundert Häuser an eine Hügelflanke.

Seit den 1970er Jahren gibt es das Dorf, das übersetzt „Oase des Friedens“ heißt. Bis heute ist es der einzige Ort in Israel, an dem rund 300 Juden und Palästinenser freiwillig zusammenleben. Es ist ein guter Ort, um die Suche nach Hoffnung zu beginnen in einem Land, in dem seit dem 7. Oktober 2023 viele den Glauben an eine friedliche Lösung aufgegeben haben.

Doch die Harmonie ist nicht selbstverständlich. Dass vor zweieinhalb Jahren mehrere Tausend Anhänger der radikalislamischen Hamas und anderer Gruppen mordend über Südisrael herfielen und die israelische Armee seither Tod und Zerstörung über zwei Millionen Menschen in Gaza gebracht hat, hat im Friedensdorf Spuren hinterlassen. „Damals wurde deutlich, dass es auch hier zwei Gruppen gibt“, sagt Nur Nadschar, während sie ihren sechsmonatigen Sohn auf ihrer von Blumen gesäumten Terrasse in den Schlaf wiegt. Die 36-jährige Palästinenserin ist hier geboren. Ihre Eltern waren unter den ersten fünf Familien, die das Dorf aufgebaut haben.

Gegensätze habe es schon vorher gegeben, sagt Nadschar. „Hier ist nicht Lala-Land.“ Manche der jüdischen Bewohner seien zum Wehrdienst gegangen, manche würden sich noch heute als Zionisten bezeichnen und trotzdem Frieden wollen. „Für mich bedeutet Zionismus, sich Land zu nehmen, das einem nicht gehört.“ Neve Shalom, das viele Bewohner immer auch mit dem arabischen Namen Wahat al-Salam nennen, heißt, Komplexität auszuhalten.

Sechs Sturmgewehre im Friedensdorf

Kurz nach dem Überfall wünschten sich jüdische Bewohner, die palästinensischen Nachbarn sollten die Hamas verurteilen. „Wir dagegen haben uns Sorgen um die Menschen in Gaza gemacht“, sagt Nadschar. Einige Monate nach Kriegsbeginn wird bei einem Luftangriff ein Haus in Gaza getroffen. Dabei sterben der Onkel und die Tante von Nadschars Mann Murad Abu Anza zusammen mit Dutzenden Angehörigen.

Viele jüdische Dorfbewohner hätten ihnen ihr Beileid ausgesprochen. Manche aber seien nach dem 7. Oktober selbst zum Reservedienst bei der Armee geeilt, wenngleich niemand die Uniform im Dorf trug.

Gegensätze habe es im Friedensdorf schon vorher gegeben, sagt Nur Nadschar: „Hier ist nicht Lala-Land“ Foto: Jonas Opperskalski

Als der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir im ganzen Land Waffen an Juden verteilte, bekam auch Wahat al-Salam sechs Sturmgewehre. Weil aber keiner der palästinensischen Bewohner Wehrdienst absolviert hatte, hätten nur jüdische Bewohner die Waffen erhalten können. Es dauerte Monate, bis sich das Dorf einigen konnte, sie zurückzuschicken.

Ein älterer jüdischer Bewohner fuhr lange zur Gaza-Grenze, um Soldaten zu bekochen. „Er sagt seit ein paar Monaten, dass er das bereut, aber es gibt noch immer Leute, die nicht mit ihm sprechen“, sagt Nadschar. „Wir arbeiten daran, diese Brüche wieder zu schließen.“

Niemand soll sich als Minderheit fühlen

Als am Nachmittag die Kinder aus der Schule heimgehen, ist von den Spannungen wenig zu spüren. Fast kitschig mutet eine bunte Friedenstaube über dem Eingang zum Spielplatz an. Konflikte würden in Whatsappgruppen oder bei Treffen ausgetragen, sagt Nir Lorman, der Co-Leiter der Bildungseinrichtungen. „Hier im Dorf sprechen wir dauernd über Politik und Identität, manchmal zu viel. Aber als es darauf ankam, waren wir für solche Gespräche aufgestellt.“

Die Grundregel im Dorf sei simpel, sagt Lorman: 50 Prozent der Bewohner sind Palästinenser, 50 Prozent jüdische Israelis. „Der Bürgermeister ist Jude, der Schulleiter der Grundschule Palästinenser.“ Die Bildungseinrichtungen leite er gemeinsam mit einer palästinensischen Kollegin. „Niemand soll sich als Minderheit fühlen.“ Alle Dorfangelegenheiten werden demokratisch entschieden – in einer Generalversammlung und in Ausschüssen. Das stärkt den Zusammenhalt, kostet unter Druck aber auch Zeit.

Die meisten Bewohner arbeiten nicht im Dorf selbst, sondern pendeln als Sozialarbeiter, Anwälte oder Architekten nach Tel Aviv oder Jerusalem. Im Dorf sind die Bildungseinrichtungen mit 70 Angestellten die wichtigsten Arbeitgeber. Dazu gibt es ein Hotel, das unter dem Ausbleiben von internationalen Besuchern ebenso leidet wie der gesamte Tourismussektor in Israel und Palästina. Finanziert wird das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen, staatlicher Förderung für die Schule sowie Spenden internationaler Unterstützerkreise.

Lorman führt an der Friedensschule vorbei, einem niedrigen Seminarhaus zwischen Zypressen und Palmen. Menschen von außerhalb lernen hier, palästinensische und jüdisch-israelische Perspektiven einzunehmen, ungleiche Machtverteilung und die Folgen des Konfliktes in ihrer Arbeit zu sehen. Manchmal beginnt das schon beim Namen: Während jüdische Israelis fast ausschließlich von „arabischen Israelis“ sprechen, bevorzugt die Mehrheit der damit Gemeinten laut Umfragen die Bezeichnung „Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft“. 80.000 Menschen haben die Kurse seit Gründung absolviert.

Zwei Völker, ein Land

Eine Steintreppe führt zwischen Pinien und Kiefern den Berg hinunter zum pluralistisch-spirituellen Zentrum. „Der Gründer Bruno Hussar wollte einen Ort schaffen, an dem Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenleben können“, sagt Lorman. Statt Kirche, Moschee oder Synagoge steht dort ein Steinbau mit drei Kuppeln. „Es wurde aber schnell klar, dass es hier mehr um zwei Völker und Land geht als um Religion.“

Hier im Dorf sprechen wir dauernd über Politik und Identität, manchmal zu viel. Aber als es darauf ankam, waren wir für solche Gespräche aufgestellt

Nir Lorman, Co-Leiter der Bildungseinrichtung in Neve Shalom/Wahat al-Salam

Lorman zeigt auf die andere Seite des Tals. Dort liegt auf einem Hügel das 1890 gegründete Kloster Latrun, auf dessen Land das Dorf liegt. Hätten die Mönche damals nicht das Land zur Verfügung gestellt, wäre das Projekt nie entstanden. „Der israelische Staat gibt arabischen Bürgern keine Genehmigung, neue Ortschaften zu gründen.“ Wenn aber die Besitzer nur Juden sein könnten, liefe das der Grundidee des Friedensdorfes zuwider.

Nach dem Spaziergang sinkt Lorman in seinen Schreibtischstuhl im Verwaltungsgebäude des Dorfes. Gibt es ihm Hoffnung, dass das Dorf noch existiert? Dass 150 der 200 Schul- und Kindergartenkinder von außerhalb kommen, um in einem jüdisch-palästinensischen System aufzuwachsen?

Das Dorf könne ein Beispiel sein, was möglich ist, eine Lösung biete es deshalb noch lange nicht. Das Ziel sei nicht, einen neuen palästinensisch-jüdischen Israeli zu schaffen oder aus Israel ein großes Neve Shalom zu machen.

„Die Wahrheit ist: Zusammenleben hat seinen Preis“, sagt er und deutet auf die Dekoration seiner Ko-Direktorin im Büro. An der Wand hängen palästinensische Stickereien und eine Karte von Palästina mit arabischen Namen. „Keiner von uns will seine Identität aufgeben, aber natürlich frage ich mich bei dieser Karte: Wo ist dort mein Platz als jüdischer Israeli?“ In Wahat al-Salam leben heiße, ein Stück Identität zu verlieren. „An Schabbat wird mein Nachbar vielleicht arbeiten. Mein Unabhängigkeitstag ist für ihn der Tag der Nakba, der Vertreibung der Palästinenser 1948.“

Eine fragile Blase

Nach dem Gespräch holt Lorman mit seiner Frau Diane die zweijährige Tochter vom Kindergarten ab. „Ihr Arabisch ist jetzt schon fast besser als meins“, sagt er. Am Weg zur Haustür hat er vergangenes Jahr Bäume gepflanzt: Mango, Zitrone, Zimt und Olive.

Das idyllische Bild will nicht passen zu dem, was Lorman zum Abschied sagt: „Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für diese Region gibt.“ Gewinnen würden im Moment Religion, die Siedler und die Ideologie der jüdischen Vorherrschaft. „Schon demografisch haben wir keine Chance.“ Nationalreligiöse und ultraorthodoxe Familien bekommen in Israel seit vielen Jahren mit Abstand die meisten Kinder.

Hätte ihm vor 15 Jahren jemand gesagt, dass der einst für seine Nähe zu einer jüdischen Terrorgruppe verurteilte Rassist Itamar Ben Gvir heute Polizeiminister sei, hätte er geantwortet: „Dann bin ich weg.“ Doch er ist noch immer da, das Paar hat erst vor wenigen Monaten seine zweite Tochter bekommen. Im Garten wachsen Rote Beete und Rüben, während die Regierung unter Benjamin Netanjahu demokratische Institutionen wie die Gerichte aushöhlt und die Führung der Sicherheitsbehörden mit nationalreligiösen Ideologen wie dem neuen Chef des Inlandsgeheimdienstes David Zini besetzt.

Aktuell sei seine rote Linie die Parlamentswahl im Herbst, sagt Lorman. Aber auch die Opposition stehe politisch gegenüber den Palästinensern nicht grundsätzlich anders als Netanjahu. „Neve Shalom ist eine Blase, in der wir zusammenleben können. Am Ende könnte diese Blase bald …“ Lorman beendet den Satz nicht.

Standing Together

Ein Sonntagmorgen Ende Januar, 30 Kilometer westlich von Neve Shalom: Am Rand der Ayalon-Schnellstraße in Tel Aviv versammeln sich rund zwei Dutzend Aktivisten der Bewegung „Standing Together“ (Zusammenstehen) in lila T-Shirts. Mit Transparenten und Megafonen schieben sie sich mitten im Berufsverkehr langsam auf die Fahrbahn. Autofahrer hupen, nur ein paar Motorroller kommen noch durch. „Seit Jahresbeginn sind 21 arabische Israelis getötet worden“, ruft eine der Aktivistinnen. Die Gruppe wirft der Polizei unter Ben Gvir vor, organisierte Kriminalität in palästinensischen Ortschaften bewusst gewähren zu lassen. Seit er im Amt ist, sind die Mordraten dort von rund 100 auf 250 Fälle im vergangenen Jahr gestiegen.

Ganz in der Nähe befindet sich das Hauptquartier von Standing Together, das „Lila Haus“. Hinter einer unscheinbaren Tür liegt eine weitläufige Halle mit Arbeitsplätzen und einer Bühne. Die Wände sind mit Transparenten und Parolen auf Hebräisch und Arabisch gepflastert. Zwischen Couches und einer Kaffeeküche bespricht eine Gruppe die Aktion auf der Autobahn am Morgen.

Amal Ghawi wollte sich mit dem Beitritt zu Standing Together bewusst entscheiden, empathisch zu bleiben – mit allen Foto: Jonas Opperskalski

Während andere nach dem 7. Oktober die Hoffnung verloren, ist Standing Together heute größer denn je. 3.000 Mitglieder hatte die Bewegung vorher, aktuell sind es 7.000. 14 Regionalgruppen gibt es im ganzen Land. Eines der neuen Mitglieder ist Amal Ghawi. „Ich bin am 9. Oktober dazugekommen“, sagt die 29-jährige Aktivistin und Dokumentarfilmerin. Sie arbeitet für den Onlineauftritt der Bewegung und erreicht mit mehr als 160.000 Followern auf ihrem privaten Instagram-Auftritt selbst ein beachtliches Publikum.

„Ich habe damals beim israelischen Fernsehen gearbeitet und ich wusste aus früheren Kriegen, was passieren wird“, sagt Ghawi über den Morgen des Hamas-Angriffs. Kollegen hätten absichtlich neben ihr alle Palästinenser Monster genannt oder gefordert, alle in Gaza zu töten, erzählt sie. „Als ob ich nicht auch Palästinenserin wäre.“

Während andere nach dem 7. Oktober die Hoffnung verloren, ist Standing Together heute größer denn je

Sie habe sich mit dem Beitritt zu Standing Together bewusst entschieden, empathisch zu bleiben und „den Schmerz aller“ zu spüren. Mit Menschen zu arbeiten, die sich für die Rechte und das Leben von Palästinensern und Juden aussprechen, gebe ihr Hoffnung. „Es hilft mir, nicht verrückt zu werden.“

Alte Fehler nicht wiederholen

Ihre Eltern aus Kafr Kara nördlich von Tel Aviv seien besorgt gewesen, als sie begann, öffentlich von ethnischen Säuberungen und Völkermord in Gaza zu sprechen. Bis 1966 galt auch innerhalb Israels für Palästinenser Militärrecht. „Sie haben aus Angst vor Konsequenzen nie über Politik gesprochen, nicht einmal zu Hause.“ Auch heute erfahren palästinensische Israelis oft drastischere Konsequenzen für politische Äußerungen als ihre jüdischen Mitbürger. Nach dem 7. Oktober wurden Hunderte aufgrund ihrer Solidarität mit Gaza entlassen, festgenommen oder von gewalttätigen Mobs angegriffen.

Trotzdem sorgte Standing Together während des Krieges immer wieder für Aufsehen. Aktivisten stellten sich schützend vor Hilfskonvois für den Gazastreifen, stürmten die quotenstarke Livesendung „Big Brother“, um einen Waffenstillstand zu fordern oder kippten rote Farbe vor dem Haus des Generalstabschefs Eyal Zamir aus.

Ghawi erinnert sich an eine Kampagne im August 2024, als Standing-Together-Aktivisten selbst Hilfsgüter für Gaza sammelten. Tausende Menschen brachten Spenden zu Sammelstellen. Es habe palästinensische Israelis dazu gebracht, ihr Schweigen zu brechen. In den hebräischen Medien, die das Thema zuvor schlicht ignoriert hatten, wurde plötzlich über Hunger im Gazastreifen diskutiert.

„Von einem Sieg zu sprechen, wäre absurd“, sagt Itamar Avneri, der Standing Together vor gut zehn Jahren mitgegründet hat. Doch zu spüren, dass man Einfluss nehmen kann, gebe ihm Hoffnung. Der 40-jährige Doktorand und Abgeordnete im Stadtrat von Tel Aviv/Jaffa wollte als Kind der alten israelischen Friedensbewegung deren Fehler nicht wiederholen. Diese hätten palästinensische Israelis weitgehend ignoriert.

Für Avneri sieht es so aus: Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben rund sieben Millionen Palästinenser und ebenso viele Juden. Jeder fünfte Israeli ist arabisch. „Du kannst nichts verändern, wenn du 20 bis 50 Prozent der Betroffenen nicht einbeziehst.“

Itamar Avneri hat Standing Together vor gut zehn Jahren mitgegründet Foto: Jonas Opperskalski

Hoffnung und Antrieb

Fragt man Israelis, wann die Hoffnung auf Frieden erloschen ist, nennen viele den 4. November 1995. Damals ermordete der rechtsextreme jüdische Terrorist Igal Amir den damaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin inmitten einer Massenkundgebung für den Oslo-Friedensprozess. Als noch schädlicher für die Friedensbewegung aber sieht Avneri einen Satz von Rabins Nachfolger Ehud Barak, einst ein Hoffnungsträger der Linken. „Es gibt keinen Partner“ (für den Frieden), hatte dieser im Jahr 2000 gesagt, nachdem er ergebnislos von den Camp-David-Verhandlungen zurückgekehrt war. Seine Worte sind bis heute ins Gedächtnis der Israelis eingebrannt, „auch wenn sie schon damals eine Lüge waren“, sagt Avneri.

Dass Standing Together ausgerechnet in den Tagen nach dem Terrorüberfall der Hamas groß wurde, sieht er als Zeichen, auf dem richtigen Weg zu sein. Er wolle nicht naiv klingen: Nach dem 7. Oktober und der Tötung von mindestens 70.000 Palästinensern bei israelischen Angriffen in Gaza gebe es zu viel Hass und Misstrauen, um unmittelbar in einem gemeinsamen Staat zu leben. Naiv sei aber auch zu glauben, es könne Sicherheit geben, während man im Westjordanland und dem Gazastreifen dauerhaft fünf Millionen Menschen militärisch kontrolliere. Standing Together sei für ihn der beste Beweis, dass ein Miteinander eine konkrete Möglichkeit ist. „Die Hoffnung ist für mich zugleich Antrieb und Ergebnis meiner Arbeit.“

Für solche Positionen wird Standing Together immer wieder heftig kritisiert, auch aus dem Ausland. „Ich stehe mit meinem Gesicht für die Bewegung und ich bekomme Hass-Nachrichten von beiden Seiten“, sagt Ghawi. Israelis würden sie bei der Polizei melden, Palästinenser aus der Diaspora sie kritisieren, weil sie „über Frieden mit dem Besatzer“ spreche. Manche Kritik verstehe sie, sagt Ghawi. „Aber ich frage auch: Was ist eure Lösung?“ Sie werde sich ihren Weg „von niemandem erklären lassen, der nicht in meinen Schuhen steckt“.

Die Arbeit, die bevorsteht

Eine Woche später stehen Ghawi und Avneri auf dem Museumsvorplatz in Tel Aviv. In den vergangenen zwei Jahren wurde hier mit gelben Flaggen an das Leid der von der Hamas entführten Israelis erinnert. Heute wehen Hunderte schwarze Fahnen über dem ehemaligen „Geiselplatz“. Der Unmut über die Mordwelle unter palästinensischen Israelis hat sich weiter aufgebaut. Heute sind 40.000 von ihnen aus dem ganzen Land gekommen, Schüler, Familien, Großeltern.

Es ist der erste arabische Massenprotest im Herzen der jüdischen Metropole seit die Regierung 2018 mit dem Nationalstaatsgesetz Arabisch als offizielle Amtssprache strich. Nur eine halbe Stunde vor Beginn erreichte die Nachricht über einen weiteren Toten in Lod (auf Arabisch: al-Lyd) die Demonstranten. „Ben Gvir raus“, rufen sie.

Tel Aviv am 31. Januar 2026: der erste arabische Massenprotest seit die Regierung 2018 Arabisch als offizielle Amtssprache strich Foto: Jonas Opperskalski

„Die Frage ist, ob die palästinensischen Politiker diese Chance nutzen und eine politische Vision anbieten“, sagt Ghawi. Gut eine Woche zuvor hatten die Köpfe der wichtigsten arabischen Parteien die Absicht erklärt, sich trotz ihrer politischen Differenzen auf eine gemeinsame Wahlliste verständigen zu wollen. Damit könnten sie laut Umfragen rund 15 Sitze im Parlament bekommen. Eine Mehrheit der palästinensischen Israelis wünscht sich das, viele lehnen aber auch die Teilnahme an israelischen Wahlen grundsätzlich ab.

Wie in Neve Shalom richtet sich auch für Standing Together der Blick zunehmend auf die Wahlen im Oktober. Seit Monaten kommen weder Netanjahus rechts-religiöse Koalition noch die jüdischen Oppositionsparteien in Umfragen auf eine Regierungsmehrheit. „Gut möglich, dass auch eine Regierung ohne Netanjahu die Besatzung von Gaza und die Annexion des Westjordanlands vorantreibt“, sagt Avneri. An einer arabischen Koalition als zweitstärkste Kraft käme im Parlament aber kaum jemand ohne Kompromisse vorbei.

„Es könnte die Mitte-links-Parteien zwingen, sich mit der Frage der Palästinenser zu beschäftigen“, sagt Avneri. Und es könnte den schlimmsten Vorhaben der rechts-religiösen Koalition im Parlament etwas entgegensetzen. Dafür aber müssten Palästinenser und Juden in Israel motiviert werden, jüdisch-palästinensischer Zusammenarbeit in der Politik eine Stimme zu geben. Standing Together habe viel Arbeit vor sich.

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