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Auch wenn Lola Young produktiv erscheint und mit „I‘m only f**cking myself“ ihr drittes Album binnen zweier Jahre veröffentlicht: Es war ein langer, steiniger Weg, bis sie zum Weltstar wurde. Ihr Debütalbum „My Mind wanders and sometimes leaves completly“ war 2023 von der Kritik weitgehend übersehen worden, völlig zu Unrecht.
Das rumpelige „Don‘t hate me“ klang da bereits vielversprechend und Youngs Signatur-Ballade „What is it about me“ hatte seinerzeit schon den Beweis dafür geliefert, dass die junge britische Künstlerin den Vergleich mit der blue-eyed Soulsängerin Adele nicht zu scheuen braucht. Adeles Entdecker Nick Huggett managt auch die 24-jährige Lola Young – übrigens gemeinsam mit Amy Winehouse‘ einstigem Manager Nick Shymansky.
Die beiden haben das Potenzial ihres Schützlings erkannt, die breite Masse wickelte die Absolventin der BRIT School schließlich 2024 mit ihrem Song „Messy“ um den Finger, der Dank Tiktok zum Hit wurde. Mit „Messy“ bekannte Lola Young freimütig, dass sie nicht perfekt ist. Trotz ihres kraftvollen Gesangs und der eingängigen Pophookline stellte die Tochter einer Engländerin und eines jamaikanisch-chinesischen Vaters ihre Schwäche zur Schau. Weder ihre Selbstzweifel noch ihre ADHS-Erkrankung verhehlte sie. Unzählige Fans holte sie damit auf ihre Seite.
Danach schien alles zu flutschen. Das zweite Album „This wasn‘t meant for you anyway“ chartete in etlichen Ländern, ihre höchste Platzierung erkämpfte sie sich Anfang 2025 mit Rang 12 in Deutschland. US-TV-Moderator Jimmy Fallon lud Lola Young in seine „The Tonight Show“ ein, ein paar Monate später debütierte sie beim riesigen Coachella Festival in Kalifornien. Während „Messy“ in mehreren Ländern an die Spitze der Charts schoss, kämpfte Lola Young, die mit 17 die Diagnose schizoaffektive Störung bekommen hatte, in einer Klinik gegen ihre Kokainsucht.
Drogen spielen auch in den Texten der neuen Songs eine Rolle. In „Not like that anymore“ singt sie mit ihrer kratzigen Stimme: „I‘m a dumb little addict/So I‘ve been trying to quit the snowflake“. Musikalisch tobt sie sich aus, sie klingt nach Hole in den 90er Jahren. Zum treibenden Beat von „Dealer“ kann man zwar die Hüften kreisen lassen, doch der Songtext erzählt vom Versuch, einer Sucht zu entkommen: „I spent all day tryna be sober/I drowned in my misery/Crawled up on the sofa“.
Eine andre Referenz findet sich in „Who fucking cares (cause it‘s definitly not me“, doch blitzt sie eher am Rande auf: „And I should probably take my medication/Cause it‘s been days, but I‘ve been busy getting high/And my doctor said you‘ll get sick again, you can‘t mix these meds with white lines“. Eigentlich ist diese Ballade ein Herzschmerzlied.
Obgleich die Vortragende in diesem Falle die Gepeinigte ist, dreht Lola Young im groovigen „One Thing“ den Spieß einfach um. „Break your bed and than the sofa, I wanna pull you closer“, singt sie ungestüm. „Everybody wants to know ya, but me I only wanna one thing“. Klartext über Sex spricht die Sängerin auch in „Post Sex Clarity“, dessen verträumte Klänge am Schluss in Kakophonie münden.
Lola Young: „I‘m only f**cking myself“ (Island/Universal)
„Sad Sob Story“ bietet mit jazzigen Einflüssen eine musikalische Wohlfühloase. Inhaltlich teilt Lola Young trotzdem wieder aus: „If lying was a talent, baby, you‘d be an expert“. Ob sie sich mit solchen Seelenstriptease weiterhin durchboxen kann, ist eher fraglich. Nach einem Zusammenbruch während eines Auftritts in New York hat sie sich erst mal eine Auszeit verordnet und alle weiteren Konzerte abgesagt. Auch ein Grammy für die beste „Solo-Performance“ hat daran nichts geändert.Dagmar Leischow
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