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Frauenrechtlerin unterstützt AfDAlice für Alice

Kommentar von

Raweel Nasir

Für manche ist es noch eine Nachricht wert, für viele aber keine neue Erkenntnis. Alice Schwarzers Weltsicht hat nichts mehr mit Feminismus zu tun.

Berlin, 22. November 2005: Alice Schwarzer bei der Vereidigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Tribüne im Bundestag Foto: Ulrich Baumgarten/picture alliance

A lice Schwarzer sieht in Alice Weidel als potenzielle Bundeskanzlerin „trotz allem“ eine Ermutigung für Frauen. Das sagte sie auf Nachfrage von Markus Feldenkirchen im Spiegel-Spitzengespräch. Mit diesem Satz lässt sich Schwarzers gesamte Weltsicht zusammenfassen. Und zeigt auf, was der Großteil der Fe­mi­nis­t:in­nen eh schon weiß: Alice Schwarzer unterstützt rechte Kräfte und stellt sich gegen marginalisierte Frauen, die am stärksten auf ihre Solidarität angewiesen wären.

Warum diese Nachricht keine Überraschung sein sollte: Seit Jahrzehnten hat Schwarzer, die von einigen noch immer als Frauenrechtlerin gefeiert wird, dafür gesorgt, in der deutschen Öffentlichkeit ein „Feminismus“-Verständnis zu etablieren, das nichts mit Feminismus, also der Gleichberechtigung aller Frauen und FLINTA* zu tun hat.

Egal ob sogenannte „Kopftuch“-Debatten, Sexarbeit, wie feminin sich Frauen kleiden dürfen oder ob sie statt zu arbeiten zu Hause bleiben möchten: Frau Schwarzer hat schon immer eine kompromisslose Haltung, wie Frauen ihr Leben zu führen haben. Nämlich nicht wie jede es für sich selbst als richtig empfindet, sondern so, wie Schwarzer es sagt.

Damit bedient sie sich eines Verhaltens, das man eigentlich nur von Anti-Feminist:innen kennt. Denn worum geht es eigentlich beim Feminismus? Es geht um die Möglichkeiten und Chancen für Frauen und FLINTA* Personen in einer Gesellschaft. Dabei stehen Fe­mi­nis­t:in­nen auf der einen Seite und Anti-Feminist:innen auf der anderen. Die einen versuchen, die Möglichkeitsräume und Freiheiten zu erweitern, und die anderen, sie zu verengen.

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Nur wenige Möglichkeiten für Frauen

Das wird deutlich, wenn man sich rechte Politik weltweit anschaut. Rechte Kräfte wollen Frauen zurück an den Herd schicken. Ihr Ziel: Frauenrollen aus den 50er-Jahren wieder salonfähig machen. Und sie haben Erfolg. Hier kommen Alice Schwarzer und rechte Kräfte zusammen.

Schwarzer will Frauen gerade nicht als Hausfrau und Mutter sehen, ABER Frauen selbst entscheiden zu lassen, wie sie ihr Leben leben wollen, das geht auch nicht. Ob sie Sex­ar­bei­te­r:in­nen werden, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen oder ob sie mit ihren Kindern zu Hause bleiben möchten, ob sie Hijab oder High Heels tragen möchten. Die Möglichkeiten, wie man als Frau leben kann, sind in der Welt von Schwarzer stark begrenzt.

Deswegen sollte nun spätestens damit Schluss sein, Alice Schwarzer als „bekannteste Vertreterin“ der Frauenbewegung zu hofieren. So wird sie nicht nur im Spiegel-Gespräch betitelt, sondern bereits vor einem Monat in einem Welt-Interview mit Constantin Schreiber, der ebenfalls wegen seiner Äußerungen zum Islam in der Kritik steht. Der Titel des Videos, ein Zitat von Schwarzer: „Das Kopftuch ist purer Antifeminismus!“

Strategische Beihilfe

Denn Schwarzer bleibt so lange die „bekannteste“, solange man sie trotz ihrer wenig emanzipatorischen Glaubenssätze weiter auf Bühnen einlädt. Sexistisch, rassistisch und seit einigen Jahren auch noch transfeindlich äußert sie sich mithilfe ihres Magazins Emma. Dabei versucht sie geschickt zwischen den „ernsthaft“ Transsexuellen, die nur einige wenige seien, und einem neuen Trend in der westlichen Welt, in der die Transsexualität als Lösung der Geschlechterfrage propagiert wird, zu argumentieren. Doch letztlich klingt das auch nur stark nach einer rechten Verschwörungserzählung von einer trans Lobby, die Kinder und Jugendliche trans machen möchte.

Mit solchen Argumentationen versucht Schwarzer (ähnlich wie J. K. Rowling) rechten Positionen einen progressiven Anstrich zu verpassen. Doch letztlich leisten sie damit strategische Beihilfe für die Arbeit der rechten Parteien, die gezielt weiße Frauen und weiße Homosexuelle mit der Botschaft ansprechen: Wir schützen euch vor dem Islam, den Migranten und der trans Ideologie.

Dieser Ideologie ist es zu verdanken, dass trans Personen, Schwarze Menschen und People of Colour und viele Frauen seit Jahren verstärkt in einem Klima der Angst leben müssen und nicht wissen, ob ihre Situation in Zukunft noch schlimmer wird. Für viele ist sie schon jetzt unerträglich. Danke dafür Alice.

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