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Jahrestag des Anschlags von HanauUnd doch gedeiht Rassismus in Deutschland weiter

Vor sechs Jahren wurden in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet. An diesem Tag gab es zwei Gruppen – und eine davon ist angewachsen.

#saytheirnames: Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin Foto: Andreas Arnold/dpa

I ch weiß noch sehr genau, was ich am 20. Februar 2020 gemacht habe. Und mit wem ich zusammen war. Es gibt wenige Tage im Leben, deren Ablauf einem noch sechs Jahre später präsent ist. Neun Menschen erlebten diesen 20. Februar 2020 nicht, weil sie am Vortag aus rassistischen Motiven ermordet wurden: Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin. Für ihre Familien, Freun­d*in­nen und die Überlebenden des Anschlags hat sich alles verändert.

Ich selbst war 500 km entfernt in meiner Berliner Wohnung. Wie meist ging mein erster Griff zum Telefon, noch bevor ich richtig wach war. Der Hashtag #Hanau trendete und ich erinnere mich an den Prozess der Verwunderung: dass das Internet den Namen der sonst medial nicht sonderlich präsenten Stadt nannte, in der ich aufgewachsen war. Und ich erinnere mich an den Moment, als ich den Grund verstand: Es hatte einen weiteren rassistischen Anschlag in Deutschland gegeben. In der Stadt, in der ich aufgewachsen war.

Obwohl ich mir für den Tag vorgenommen hatte, das Haus nicht zu verlassen, ging ich ins Büro. Ich wusste, dass ich dort – und auch schon auf meinem Weg durch den Kiez – auf andere treffen würde, die genauso aufgewühlt waren wie ich. Noch bevor ich ankam, hatte ich zwei weinende Nachbarn umarmt und eine Freundin eingesammelt, die in ihrer Verzweiflung nicht wusste, wohin mit sich.

Es gab Betroffene und Nichtbetroffene: Das war eine politische Frage, keine von Identitäten

Ich weiß, dass es an diesem Tag zwei Gruppen gab und man den Menschen sehr schnell angesehen hat, zu welcher sie gehörten: Es gab die Betroffenen und die Nichtbetroffenen. Das war keine Frage von Herkunft, Hautfarbe oder sonstigen Identitäten. Es war eine politische Frage. Nie zuvor habe ich so viele Menschen spontan in Trauer und Verzweiflung zusammenkommen sehen. Und noch nie habe ich erlebt, dass sich in ganz verschiedenen politischen Zusammenhängen so schnell organisiert wurde.

Das Gefühl, dass alles stillsteht

Gegen 10.30 Uhr erfahre ich, dass um 18 Uhr eine Demo stattfinden soll. Bereits mittags habe ich die ersten Interviews gegeben und Transparente gemalt. Parallel zu dieser Geschäftigkeit, getrieben von Wut und Aktionismus – der inneren Unruhe, der sich nicht leicht entkommen lässt –, gab es die ganz stillen Momente der kollektiven Fassungslosigkeit. Das Gefühl, dass alles stillsteht. Trauer, Tränen, Umarmungen.

Auf gewisse Weise ist immer noch der Tag danach. Nach Hanau. Jährlich teilt die Initiative 19. Februar eine Liste mit Aktionen zum Jahrestag. Und während es ermutigend ist zu sehen, dass diese Liste immer noch lang ist, dass wir Hanau nicht vergessen, wächst die Frage was bleibt, außer der Erinnerung, dem jährlichen Gedenken. Hinterbliebene und Un­ter­stüt­ze­r*in­nen vor Ort kämpfen noch immer um Erinnerung, Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen. Die mediale Aufmerksamkeit dafür und das Interesse der Politik ist außerhalb des Februars gering.

Währenddessen gedeiht der Rassismus in Deutschland. Nicht nur am rechten Rand. Und während rassistisches Reden und Handeln sich immer offener zeigt, wird der Widerspruch dagegen leiser. Die Gruppe der Nichtbetroffenen wächst. Eine Gewöhnung und Normalisierung setzt ein, die bedrohlich ist. Sie kann – und das sollten wir dringend verhindern – zum nächsten rassistischen Anschlag führen.

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Simone Dede Ayivi
Simone Dede Ayivi ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Aktuell arbeitet sie zu den Themen Feminismus, Antirassismus, Protest- und Subkultur.
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