Sprengung der Nord-Stream-Pipelines: CIA wusste über Anschlagspläne wohl Bescheid
Laut Recherchen des „Spiegels“ sollen US-Agenten die Anschlagspläne mit den Saboteuren besprochen haben. Dann stellten sie sich gegen das Vorhaben.
Ende September 2022: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine läuft bereits seit sieben Monaten, als drei Stränge der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee explodieren. Mit ihnen war russisches Gas nach Deutschland transportiert worden – was für Moskau eine wichtige Geldquelle bedeutete, um den Krieg gegen Kyjiw zu finanzieren. Und zugleich bedeuteten die Pipelines auch eine enorme Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland. Deutsche Ermittlungsbehörden gehen mittlerweile davon aus, dass eine ukrainische Gruppe für die Sprengung verantwortlich ist.
Laut Recherchen des Spiegels wusste der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA bereits seit Monaten Bescheid über das Vorhaben. Die ukrainischen Saboteure hatten sich den Erkenntnissen zufolge bereits kurz nach Ausbruch des Krieges mit US-Agenten getroffen und ihnen ihren Plan – mit dem Codenamen „Operation Diameter“ – detailliert erläutert. Die Amerikaner hätten sich zunächst offen für die Idee gezeigt und das Vorhaben in der frühen Planungsphase wohlwollend begleitet.
Die Ukrainer kamen sogar zu dem Schluss, dass die USA daran interessiert gewesen wären, die Aktion zu bezahlen oder zumindest finanziell zu unterstützen.
Der genaue Plan, die Pipeline zu sprengen, entstand über Wochen, die zu Monaten wurden: Routen, Schiffe, Sprengstoffe wurden in Erwägung gezogen und verworfen und geeignete Taucher:innen gesucht. Währenddessen gab es dem Spiegel-Bericht zufolge immer wieder Treffen mit den US-Amerikanern, die positives Feedback gaben.
Zustimmung vom ukrainischen Oberbefehlshaber
Im Juni 2022 rückten die USA dann wohl von der Idee ab. Der niederländische Militärgeheimdienst MIVD hatte von den Vorbereitungen erfahren und warnte sowohl die CIA als auch den Bundesnachrichtendienst (BND). Daraufhin warnten auch die Amerikaner die Ukrainer vor dem Vorhaben, auch direkt im ukrainischen Präsidialamt. Doch es gelang nicht mehr, die Saboteure umzustimmen.
Wie Insider dem Spiegel berichteten, habe der damalige Armeechef Walerij Saluschnyj die finale Zustimmung gegeben, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt als ursprünglich geplant. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei nicht informiert gewesen.
Da die USA als Finanzier ausfielen, übernahm das Ganze ein ukrainischer Privatmann: 300.000 US-Dollar für Ausrüstung, Sprengstoff und die Miete der Segeljacht, von der aus die Taucher die Bomben an den Pipelines anbrachten. Eine CIA-Sprecherin, die der Spiegel mit seinen Recherchen konfrontierte, bezeichnete sie als „komplett und völlig falsch“, lieferte aber keine Begründung.
Einer der mutmaßlichen Saboteure, der Ukrainer Serhij K., sitzt jetzt in Hamburg in Untersuchungshaft. Er soll die Nord-Stream-Sprengungen koordiniert haben.
Jahrelanger politischer Streit um Pipelines
Um den Bau der beiden Nord-Stream-Pipelines wurde politisch jahrelang gerungen. Sowohl die US-Amerikaner als auch viele EU-Länder waren entschieden gegen die direkten Gasleitungen zwischen Russland und Deutschland.
Einerseits, weil dadurch die Ukraine wichtige Transitgebühren verlor und so finanziell geschwächt wurde. Andererseits, weil man eine gefährliche Energieabhängigkeit von Russland befürchtete. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor bald vier Jahren wurden diese Befürchtungen wahr.
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