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Therapeutin über Psyche im Krieg„Katastrophen mobilisieren zu noch größerem Widerstand“

Stress ist für Millionen Ukrainer zum Dauerzustand geworden. Zwischenmenschliche Beziehungen können helfen, sagt Psychotherapeutin Anastasiia Nizhnik.

Kuscheln gegen Krieg: Die Ukrai­ne­r:in­nen ziehen ihre Widerstandskraft auch aus Beziehungen Foto: Ukraine Global Images/getty images

taz: Frau Nizhnik, wie beurteilen Sie als Psychotherapeutin den aktuellen Zustand der ukrainischen Gesellschaft?

Anastasiia Nizhnik: Meine Kollegen und ich beobachten ein besorgniserregendes Bild: 95 Prozent der Menschen, mit denen wir arbeiten, zeigen Symptome einer Depression und etwa ein Viertel davon Symptome einer ausgeprägten Depression. Aber die ukrainische Gesellschaft ist äußerst resilient geworden. Sie hat gelernt, zu überleben, sich selbst zu regulieren, und sie hat ihre Lebensfreude und ihren Optimismus bewahrt.

Wir werden oft als unzerstörbar angesehen – und das ist teilweise auch wahr –, aber gleichzeitig ist unsere Art, mit der Realität umzugehen, kein Beweis dafür, dass es uns leichtfällt. Humor, Memes und gemeinsame Feiern, selbst unter Beschuss, sind eher ein Versuch, das Lebensgefühl zu bewahren. Neben dieser Widerstandsfähigkeit steht jedoch eine Erschöpfung: Die Ukrainer zahlen einen sehr hohen Preis für ihre Ausdauer.

Bild: Valentyn Kuzan
Anastasiia Nizhnik

35, Psychologin und Psychotherapeutin mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie. Mitbegründerin des Zentrums für Entwicklung und Psychotherapie „BrainCult“ und der Plattform „Hub of Resilience“. Autorin und Trainerin für Programme zur psychischen Gesundheit in Organisationen. Ehrenamtliche Mitarbeiterin des psychologischen Krisendienstes für Militärangehörige

taz: Die Erschöpfung ist groß, doch der Krieg wohl noch lange nicht zu Ende. Wie lässt sich der Grad der Erschöpfung der Ukrainer messen?

Nizhnik: Das ist etwas, das sich die Europäer glücklicherweise nur schwer vorstellen können. Es ist eine unvergleichliche chronische Erschöpfung, die von ständigen alltäglichen Schwierigkeiten bis hin zu einem permanenten Gefühl der Gefahr reicht. Zu Beginn des Krieges dachten wir, wir würden einen Sprint laufen. Dann dachten wir, es sei ein Marathon, bei dem wir unsere Kräfte auf eine längere Distanz verteilen müssten. Jetzt laufen wir eine Strecke von unbekannter Länge. Das befreit uns einerseits von der Illusion, dass alles morgen vorbei sein wird.

taz: Und andererseits?

Nizhnik: Andererseits ist ein Lauf ohne sichtbares Ziel psychologisch anstrengend und erschwert die Umverteilung der Energie. Die Antwort auf diese Herausforderung ist einfach und gleichzeitig komplex: Man muss sein Leben jetzt leben, denn es wird sich nicht wiederholen. Insbesondere Kinder, die im Krieg aufwachsen, können ihr Leben nicht „auf später“ verschieben – sie werden nicht zweimal jung sein. Sie müssen lernen, sich zu sozialisieren, und einen Beruf erlernen. Und das ist in der Tat ein sehr schwieriger Balanceakt: eine unbekannte Strecke zu laufen, zu überleben – und gleichzeitig zu leben.

Die ukrainische Widerstandsfähigkeit beruht zu einem großen Teil auf zwischenmenschlichen Beziehungen

taz: Sie haben Anfang März 2022 eine Plattform für psychologische Krisenhilfe für Ukrainerinnen und Ukrainer gegründet. Um welche Art von Unterstützung handelt es sich dabei?

Nizhnik: Wir begannen mit kurzen, leicht verständlichen Empfehlungen zur Selbsthilfe, die erklärten, wie man sich in den ersten Tagen psychologisch stabilisieren kann. Im Laufe der Zeit wurde jedoch deutlich, dass dies nicht ausreichte, da die Nachfrage rapide anstieg. Daraufhin bildete sich eine große Gemeinschaft von Fachleuten, die ein Jahr lang kostenlose psychologische Telefonberatung anbot. Doch bald wurde klar, dass auch dies nicht ausreichte, und so schufen wir die Plattform „Hub der Stabilität“ für langfristige psychotherapeutische Unterstützung. Als uns die Ressourcen ausgingen, beschlossen wir, uns auf die Unterstützung von Journalisten zu konzentrieren. Gleichzeitig veröffentlichen wir weiterhin Empfehlungen mit praktischen Techniken zur Selbsthilfe, die für jeden zugänglich sind.

taz: Was sind das für Empfehlungen und wann können sie nützlich sein?

Nizhnik: Für manche ist es wichtig, zu lernen, wie sie sich in extremen emotionalen Situationen stabilisieren können. Andere müssen wissen, wie sie einer Person helfen können, die hysterisch oder wie gelähmt ist. Da wir alle unter chronischem Schlafmangel leiden, geben wir auch viele Empfehlungen zum Thema Schlaf. Wenn Menschen systematisch zu wenig schlafen, steigt ihre Sensibilität gegenüber Reizen und jedes unbedachte Wort kann eine starke emotionale Reaktion hervorrufen.

Also geben wir Ratschläge, wie man den Morgen nach nächtlichen Beschüssen beginnen sollte – nicht, um den Stress „aufzuheben“, das ist unmöglich, sondern um seine Auswirkungen zumindest teilweise zu verringern.

Ein separater Block von Empfehlungen betrifft die Kommunikation: Wie spricht man mit anderen? Wie schweigt man, wenn man keine Kraft zum Sprechen hat? Wie hält man Beziehungen aus der Ferne aufrecht – zu Freunden, Partnern, Kollegen? Die ukrainische Widerstandsfähigkeit beruht zu einem großen Teil auf zwischenmenschlichen Beziehungen. Daher ist es wichtig, den Zustand eines anderen Menschen „lesen“ zu können, um zu erkennen, wenn er leidet und möglicherweise ohne Worte um Hilfe bittet.

taz: Russland ging davon aus, dass der Terror gegen die Zivilbevölkerung den Willen der Ukrainer brechen und sie zu Protesten mit der Forderung nach Kapitulation veranlassen würde. Warum hat dies nicht funktioniert?

Nizhnik: Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass Menschen in Katastrophensituationen ihre Menschlichkeit verlieren. Die Realität sieht jedoch anders aus. In gefährlichen Momenten orientieren sich Menschen an gegenseitiger Unterstützung und Hilfe. Dies ist evolutionär tief verwurzelt. Der Mensch braucht den Menschen. Wenn wir miteinander interagieren, wird Oxytocin ausgeschüttet – das sogenannte „Kuschelhormon“. Es steigert die Empathie, verringert die Angst und macht mutiger. Deshalb mobilisieren Katastrophen die Menschen oft zu noch größerem Widerstand.

In der Ukraine konnten wir dies während des Euromaidan beobachten und sehen es aktuell erneut. Menschen lassen sich nur schwer durch Terror brechen. Aber man kann sie durch einen Zermürbungskrieg erschöpfen. Und die ukrainische Gesellschaft ist bereits sehr erschöpft. Solange die Grenze der völligen Erschöpfung jedoch noch nicht erreicht ist, werden sie Widerstand leisten. Deshalb sind Wege zur Erholung und zur Stärkung der Gemeinschaft dringend erforderlich.

Die Sprachfrage ist wichtig. Aber im Moment ist es entscheidend, dass wir zusammenhalten

taz: Krieg kann sowohl verbindend wirken als auch polarisieren. Manche Menschen haben die Ukraine verlassen, andere sind geblieben. Es gibt die, die Ukrainisch sprechen, und die, die russischsprachig geblieben sind. Wie geht man damit um?

Nizhnik: Teilweise ist Polarisierung natürlich. Wenn Ihre Angehörigen an der Front sind und Sie hören, dass jemand nach Möglichkeiten sucht, nicht zu dienen, schmerzt das. Das ist eine Tatsache. Gleichzeitig werden einige der polarisierenden Faktoren bewusst von der gegnerischen Seite verstärkt. Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, zu überleben und den Staat zu erhalten. Wir können es uns nicht leisten, Energie für Nebensächliches zu verschwenden. Die Sprachfrage ist beispielsweise wichtig – auch für mich persönlich. Aber im Moment ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir zusammenhalten, unabhängig davon, welche Sprache die Menschen sprechen. Dazu ist gegenseitige Toleranz erforderlich.

taz: Nehmen wir an, es käme zum Einfrieren der Frontlinie. Welche Auswirkungen hätte das?

Nizhnik: Ich bin weder Politikerin noch Politologin, aber als Bürgerin und Psychologin kann ich sagen: Es besteht kein Vertrauen in die Verhandlungen mit Russland. Die Ukrainer haben sich davon bereits mehrfach überzeugt. Es ist, als würde man neben einem Serienmörder leben, der offen zugibt, dass er weitermachen wird, und ihn dann bittet, ein Papier zu unterschreiben, in dem er verspricht, nicht mehr zu töten. Das ist absurd. Russland setzt seinen massiven Terror fort. In den besetzten Gebieten geschehen Dinge, die für einen modernen Europäer nur schwer begreifbar sind.

Für die ukrainische Gesellschaft ist Gerechtigkeit von entscheidender Bedeutung. Wir erleben derzeit ein kollektives Trauma. Der einzige Weg, dies zu überstehen, ist die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und die Bestrafung der Täter. Wenn ein Verbrecher jedoch mit einem roten Teppich empfangen wird, hat das nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Und das schmerzt die Ukrainer sehr. Sie wissen, dass sie einen Zermürbungskrieg ohne die Hilfe Europas und der USA praktisch nicht gewinnen können. Gleichzeitig erkennen jedoch immer mehr Menschen, dass sie sich in erster Linie auf sich selbst verlassen müssen.

taz: Wie können die Ukrainer angesichts des vielen Leids in die Zukunft blicken, ohne zu verzweifeln?

Nizhnik: Aus psychologischer Sicht sind die Aufrechterhaltung der ukrainischen Staatlichkeit und die Herstellung von Sicherheit die ersten Voraussetzungen. Ohne diese verlieren alle anderen Bemühungen zur Selbsthilfe ihre Bedeutung. Es ist sehr positiv, wenn Retreats für Ukrainer im Ausland organisiert werden. Entscheidend ist jedoch, dass keine Raketen mehr auf unsere Häuser fliegen und die Menschen nicht mehr in ständiger Gefahr leben müssen. Die Hoffnung der Ukrainer beruht auf Gerechtigkeit.

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