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Die DDR ist nur zu verstehen, wenn man auf die Ausgegrenzten schaut

Ein bisher unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte: Christoph Links untersucht, welche Verlage in der DDR wann und warum verschwunden sind

Nach der Gründung der DDR gab es bald weniger als 100 Verlage. Hier das Haus des Union-Verlags, er gehörte der Blockpartei CDU Foto: Erich Andres/United Archives/imago

Von Ilko-Sascha Kowalczuk

Das ist schon deshalb ein ganz besonderes Buch, weil der Autor eine Ausnahmefigur in der deutschen Zeitgeschichte ist: Christoph Links, Jahrgang 1954, stellte am 1. Dezember 1989 in Ost-Berlin einen der ersten Anträge für eine Verlagslizenz in der DDR. Er gründete einen Privatverlag, erst Links Druck, dann Ch. Links Verlag, in dem einige der maßgeblichen Standardwerke zur Geschichte der DDR herauskamen. Für Links, dessen Vater bereits Verleger und Lektor war, bedeutete die 89er-Freiheitsrevolution Befreiung aus der kommunistischen Knechtschaft.

In der DDR zur breiten Systemkaste zählend, ist Christoph Links ein hervorragendes Beispiel dafür, wie jemand augenblicklich die neuen Möglichkeiten zu nutzen verstand und fortan sein gesamtes Tun in den Dienst von Freiheit und Demokratie stellte. Dafür ist er zu Recht vielfach geehrt worden. Die wichtigste Ehrung vielleicht kredenzten ihm seine Au­to­r*in­nen und Freun­d*in­nen 2021, als sie ihm eine Festschrift im Stile einer Samisdat-Publikation zum Abschied als aktiver Verleger übergaben und darin ihre Hochachtung, ihre Dankbarkeit und ihre Wertschätzung dutzendfach in sehr persönlichen Beiträgen in Worte zu fassen suchten. Mehr geht für einen Verleger nicht.

Doch Links verlegte nicht nur einige der wichtigsten Bücher zur DDR-Geschichte und vereinte in seinem Verlag einige der wichtigsten ostdeutschen Autoren überhaupt. Er selbst publizierte einige Standardwerke, allen voran die unverzichtbare „Chronik der Wende“. Mit über 50 Jahren promovierte er auch noch – mit einem Buch, das sofort zum Standardwerk avancierte: „Das Schicksal der DDR-Verlage“. Darin analysierte Links, was aus den 1989 noch 78 existierenden DDR-Verlagen im vereinten Deutschland geworden ist.

Neben einer wissenschaftlichen Darstellung der historischen Abläufe erhielt jeder Verlag einen eigenen Eintrag von wenigen Seiten, auf denen Links die Verlagsgeschichte darstellte. Das Buch zählte seither zu den wichtigen Beiträgen zur ostdeutschen Transformationsgeschichte seit 1990. Der Autor hatte exemplarisch ein kulturhistorisch besonders wichtiges, bis dahin systematisch nicht untersuchtes Gebiet bearbeitet und die Vielschichtigkeit der Transformationsgeschichte aufgezeigt.

Christoph Links blieb am Thema dran und legte mit anderen in den vergangenen Jahren eine mehrbändige Geschichte des deutschen Buchhandels vor. Kein Buchfreak kommt daran vorbei. Auf diesen Forschungen basiert auch das neue Buch, das unmittelbar an „Das Schicksal der DDR-Verlage“ anknüpft. Nun untersucht er und stellt dar, welche Verlage in der DDR wann und warum verschwunden sind.

Am Ende der Weimarer Republik existierten auf dem Territorium der späteren DDR über 1.000 Verlage. Nach 1945 erteilte die sowjetische Besatzungsmacht etwa 200 Verlagen eine Lizenz. Insgesamt dürfte es, schreibt Links, Neugründungen eingerechnet, in der DDR-Geschichte rund 230 Verlage gegeben haben. Die Verlagspraxis war nicht nur von „Druckgenehmigungsverfahren“ (Zensur), staatlich reglementierter Papierzuteilung und hohen Steuerabgaben (bis zu 95 Prozent der Gewinne) geprägt. Um überhaupt einen Verlag gründen zu dürfen, bedurfte es einer Lizenz, die der Staat auf Antrag erteilte.

In der DDR gab es bald kaum noch 100 Verlage, in der Bundesrepublik, wo es keiner Lizenzierung bedurfte, schon 1972 über 2.400. Im angeblichen „Leseland DDR“ kamen jährlich etwa 4.500 neue Titel auf den Buchmarkt, in der Bundesrepublik waren es 60.000 bis 70.000. Etwa ein Drittel der Titel in der DDR machten Bücher aus den Sparten Belletristik, Kinder- und Jugendbücher aus, fast die Hälfte waren Fachpublikationen, darunter – mit dem größten Anteil an den Druckauflagen – die Produkte des SED-Staates zur Agitation und Propaganda. Von den 1989 noch 78 existierenden Verlagen waren weniger als zehn Prozent in privater Hand, wozu auch drei kirchliche Verlage zählten.

Christoph Links: „Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kultur­geschichte“. Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 487 Seiten, 35 Euro

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte waren über 150 Verlage aus unterschiedlichen Gründen „verschwunden“. Christoph Links zeichnet sehr genau die Gründe nach: zum Beispiel Verdrängung, Weggang in den Westen, Fusionierung mit anderen Verlagen, Verstaatlichung – oder die Eigentümer verstarben. Die meisten Verlage verschwanden bereits vor dem Mauerbau. Wie schon sein Buch über die Transformation nach 1989 besteht auch dieses Buch überwiegend aus Einträgen über die verschwundenen Verlage. Auf jeweils wenigen Seiten zeichnet Links die Verlagsgeschichte nach.

Die meisten Verlage dürften selbst Spe­zia­lis­t*in­nen wenig sagen. Unter den verdrängten Verlagen finden sich auch berühmte wie der Max Niemeyer Verlag aus Halle (Saale), der sich bereits 1948 in Tübingen niederließ, aber zugleich unter diesem Namen bis 1974 in der DDR weitermachte, die Büchergilde Gutenberg, die in der DDR 1950 aufgelöst wurde, der Beltz Verlag, der 1949 in Weinheim weitermachte, und als wohl berühmtester der Karl Baedeker Verlag, der 1959 aus dem Leipziger Handelsregister gelöscht wurde. Hans Baedeker war 1948 von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet worden, weil er in einem schmalen Bändchen über Leipzig die sowjetische Zentralkommandantur verzeichnet und als solche benannt hatte.

Im Leseland DDR kamen jährlich nur etwa 4.500 neue Titel auf den Buchmarkt

Allerdings erweisen sich bei näherer Betrachtung nicht alle 150 verschwundenen Verlage als wirklich „verschwunden“. Denn etwa ein Dutzend der von Links vorgestellten Verlage gingen als SED-nahe oder -eigene Verlage nach Fusionen in anderen auf, was den Verlagsgeschichten bei Links detailliert entnommen werden kann. Mit anderen Worten: Diese Verlage blieben im Gegensatz zur großen Mehrheit der wirklich verschwundenen Verlage Teile des Herrschaftsapparats.

Unabhängig von den einzelnen, sehr interessanten Verlagsgeschichten macht das Buch von Christoph Links auf zwei generelle Gesichtspunkte wie nebenbei aufmerksam. Die überhaupt nur wenigen zugelassenen Verlage symbolisieren im Osten nach 1945 von Beginn an die fehlende Freiheit, den fehlenden Meinungspluralismus, die ideologische Enge, die kommunistische Diktatur. Und noch wichtiger vielleicht: Die DDR-Geschichte ist nur zu verstehen und seriös zu schreiben und zu verstehen, wenn man die Verdrängten, die Ausgegrenzten, die Weggeschlossenen und die Verjagten mit einbezieht in die Betrachtung.

Viel zu stark wird heute von allen möglichen Seiten ein „DDR-Wir“ aufgerufen, das letztlich den Wärter im Zuchthaus zum selben „Wir“ zugehörig erklärt wie den aus politischen Gründen inhaftierten Insassen, den der Wärter zu bewachen hatte. Die DDR-Geschichte ist eine komplexe Angelegenheit wie jede andere Geschichte auch, und wie zu jeder anderen Geschichte gehören dazu auch jene, die weggingen, die verdrängt wurden, die am Rand standen, die sich verweigerten, verschwanden. Christoph Links macht mit seinem Buch auf einen Sektor aufmerksam, für den das in einem ganz besonderen Maße galt. Das Buch ist ein Denkmal für die Verschwundenen, deren Lücken nicht nur bis 1989, sondern im übertragenen Maße bis heute schmerzen. Denn auch das zeigt Link exemplarisch: Die Lücken konnten bis heute nicht gefüllt werden. Im Osten gibt es immer noch weitaus weniger Verlage als im Westen oder vor 1933.

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