Wie Krebs das Leben verändert: Hans, 81, lernt das Schlucken
Der Schwiegervater unseres Autors erkrankt an Zungengrundkrebs. Eine OP rettet sein Leben. Doch selbst trinken ist nicht mehr selbstverständlich.
W ir sitzen im Eiscafé, meine Frau Nina, mein Schwiegervater Hans und ich. Hans ist blass geworden in den letzten Monaten. Er zieht Grünen Tee in einer Spritze auf, zupft einen Schlauch unter seinem Flanellhemd hervor, lässt den Tee durch die Magensonde laufen.
Nina hat Spaghettieis bestellt.
„Und, ist es gut?“
„Mhmm …“
Das Cercenà in Bremen hat runde Sitznischen, Polster in verblichenem Pastell. Mitte der 90er-Jahre hat Hans seiner Tochter hier erklärt, woran man eine gute Eisdiele erkennt: am Vanilleeis. Und was gutes Vanilleeis ausmacht: die schwarzen Punkte der gemahlenen Vanilleschoten.
An diesem Sonntag, im Juli 2025, nimmt Hans einen Teelöffel und stibitzt bei Nina eine Löffelspitze. Den Atem anhalten, die Vanille schmecken, schlucken. All das ist keine Selbstverständlichkeit mehr nach dieser Diagnose, von der Hans vor rund acht Monaten erfuhr. Zungengrundkarzinom: ein Tumor an der Zungenbasis, der wichtige Funktionen wie Atmen, Schlucken und Sprechen beeinträchtigt.
ist Kulturwissenschaftler, macht Öffentlichkeitsarbeit im sozialen Bereich und schreibt über Krankheit, Kultur, Verletzlichkeit und Care. Er engagiert sich in der Initiative „Sick People“ dafür, dass die Perspektiven chronisch kranker Menschen sichtbar werden.
Hans – wir haben seinen Namen in diesem Text aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert – wird in ein paar Tagen 82 Jahre alt. Er praktizierte Yoga und hatte bereits eine Morgenroutine, als es noch kein Social Media gab, um damit anzugeben. Hans lebte aktiv, sozial eingebunden. Dann kam die Diagnose. Was bedeutet die Erkrankung für ihn? Und welche Lücke entsteht, wenn das Abendbrot bei den Nachbarn wegfällt, die Tasse Thymiantee mit Honig, der Marktbesuch?
Auf Ninas Kindheitsfotos hat Hans ein rundliches Gesicht, graues Haar, Lachfalten. Er hat Lehramt im Marburg der sechziger Jahre studiert, eine Zeit Bildungsarbeit für eine Gewerkschaft gemacht. In einem Gymnasium bei Bremen unterrichtete er Deutsch, Geschichte und darstellendes Spiel. Mit seiner Tochter sang er zu den Schallplatten linker Liedermacher wie Fredrik Vahle und Dieter Süverkrüp. Er trank gern Rotwein, trug Papageienhemden. Vor einigen Jahren hatte er noch leichtes Übergewicht, Bluthochdruck. Sein Arzt riet ihm zu einem Stent, um die Gefäße offen zu halten. Das ist der Hans, den meine Frau im Kopf hat, wenn sie sagt: „Aber Papa ist eigentlich gar nicht so.“
Hans entschied sich anders. Statt Stent: Ernährungsumstellung. So habe ich ihn kennengelernt – schlank, melancholisch, prinzipientreu. Hans empfiehlt mir Nasenduschen, schenkt mir Dattelkugeln zum Geburtstag. Er ernährt sich im Wesentlichen von Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hirsebrei, Leinöl und anderen „gefühlt gesunden Ölen“. Die gelegentlichen Besuche im Eiscafé sind Ausbrüche aus diesem Lebensstil, von dem meine Frau sagt, er grenze ans Asketische. Als Nina im Dezember 2024 von der Krebsdiagnose erfährt, ist ihr erster Satz: „Das ist so ungerecht!“
Sechs Monate zuvor hatte Hans beim Rasieren eine kleine Beule ertastet. Als Fieber hinzukam, suchte er seinen Hausarzt auf, der ihn direkt in ein nahegelegenes Krankenhaus überwies. Verdacht auf Zyste. Ein kleiner Routineeingriff folgte: Die Schwellung unter dem rechten Ohr wurde aufgeschnitten, ausgelassen, mit Kochsalzlösung gespült. Ob dieses Geschwür bereits bösartig war? Darauf gibt der Entlassungsbericht keine Antwort. Hans verbrachte eine Woche auf Station, aber es wurden keine Proben zur pathologischen Untersuchung eingeschickt. Dabei empfehlen Leitlinien: Jede unklare, anhaltende Schwellung sollte bei Erwachsenen auf Bösartigkeit geprüft werden.
Dass die Flüssigkeit nicht beprobt wurde, sei vermutlich ein ärztlicher Fehler gewesen, sagt Hans im Rückblick. Und zugleich sein Glück. Dieses halbe Jahr ohne Diagnose – es gibt ihm etwas Luft zum Atmen. Er kann sich um seine Lebensgefährtin kümmern, die an Demenz erkrankt ist. Jeden Tag ins Pflegeheim radeln, frisches Obst vom Markt mitbringen. Nussmischungen. Außerdem: Rechnungen einreichen, Wäsche waschen, Medikamente besorgen.
Hans erlebt, wie seine Partnerin weniger wird. Weniger spricht, weniger isst. Sie stirbt. Er kümmert sich um ihre Beisetzung. Nach dem Beerdigungskaffee stehen wir beisammen – Nina, ihr Vater und ich – vor einem kleinen Hotel am Friedhof Riensberg. Es ist ein windiger Herbsttag und Hans sieht ganz zerzaust aus, beinahe durchsichtig. Ein Tuch um den Hals gebunden, das diese Schwellung verdeckt, die sich erneut gebildet hat. Zwei Finger breit unter dem rechten Ohr, wo wir unseren Puls fühlen.
Der Zungengrund liegt tief im Rachen. Hans bekommt in diesen Wochen leichte, ausstrahlende Ohrenschmerzen, ein Kloßgefühl im Hals. Der Tumor stört zunehmend das feine Zusammenspiel beim Schlucken und Atmen. Größere Tumore beeinträchtigen auch das Sprechen, weil der Zungengrund nicht mehr frei mitarbeiten kann. Als Hans sich im Dezember 2024 erneut in der HNO-Klinik vorstellt, leidet er unter Heiserkeit. Er hat Beschwerden beim Schlucken, räuspert sich häufig. Jetzt wird die Schwellung radiologisch untersucht, eine Gewebeprobe geht in die Pathologie.
Die Ergebnisse der Abklärung deuten auf ein Zungengrundkarzinom hin – ein bösartiger Tumor im hinteren Drittel der Zunge, also dort, wo die Zunge in den Rachen abfällt. Er entsteht fast immer aus der Schleimhaut, genauer aus den Plattenepithelzellen, die sich durch Rauchen, Alkohol oder bestimmte Infektionen über Jahre verändern und irgendwann entarten können. Jedes Jahr erkranken in Deutschland laut Robert Koch-Institut rund 13.000 Menschen neu an Mundhöhlenkrebs und Rachenkrebs, davon sind zwei Drittel Männer, was mit dem statistisch höheren Tabak- und Alkoholkonsum in Verbindung gebracht wird. Zungengrundkarzinome machen nur einen kleinen Teil dieser Fälle aus. Bei Hans ist nicht ganz klar, was ursächlich für seinen Krebs war, auch eine Virusinfektion könnte der Grund dafür sein.
Tumore im Rachenbereich können in die Halslymphknoten streuen und sich rasch ausbreiten. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei lokal begrenzten Karzinomen bei über 80 Prozent, während sie in fortgeschrittenen Stadien mit Metastasen deutlich sinkt. Eine späte Diagnose kann aggressive Behandlungen erfordern, mit höherem Risiko für bleibende Schäden an Stimme, Schluckfähigkeit und Lebensqualität.
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Das Aufklärungsgespräch mit dem Chefarzt der HNO-Klinik dauert keine zehn Minuten. Am Abend schildert mir Nina, wie der Arzt die Krebsdiagnose und die anstehenden Eingriffe in wenigen Sätzen gestreift habe: Kurz vor Weihnachten nehmen sie und ihr Vater in einem Behandlungszimmer Platz. Der Arzt, weißer Kittel, graue Schläfen, jovialer Tonfall, streift die Krebsdiagnose und die anstehenden Eingriffe in wenigen Sätzen. Es müsse jetzt schnell gehen, sagt er, Hans solle in den nächsten Wochen operiert werden. Wie groß der Eingriff sein wird, was eine Trachealkanüle für seinen Alltag bedeutet – all das bleibt offen.
„Ich habe das wie im Schockzustand erlebt“, erinnert sich Hans an diesen Termin. „Ich konnte dem Gespräch eigentlich gar nicht folgen.“ Aber auch für Nina klingen die Einschränkungen, von denen der Arzt spricht, nach etwas Vorübergehendem.
Ein klareres Bild entsteht für uns im Gespräch mit einer Freundin, die als Ärztin in einer onkologischen Praxis arbeitet, und durch nächtliche Internetrecherchen. Vor Hans liegt ein riskanter Eingriff, der tiefe Einschnitte in den Alltag bedeutet. Der Tumor sitzt an der Zungenbasis, wo Schlucken, Sprechen und Atmen zusammenlaufen. Die Behandlung erfordert eine Operation, bei der Teile der Zunge und umliegendes Gewebe entfernt werden. Hans soll eine Trachealkanüle eingesetzt werden – eine Öffnung in der Luftröhre, durch die er atmen kann. Manche Patient*innen benötigen diese Kanüle vorübergehend, andere dauerhaft. Anschließend sind Bestrahlung und Chemotherapie vorgesehen, um zu verhindern, dass sich verbliebene Krebszellen ausbreiten oder Metastasen in den Lymphknoten wachsen. Eine Magensonde wird nötig, weil Hans sich an Getränken oder fester Nahrung verschlucken könnte. Er wird das Schlucken in den kommenden Monaten mühsam neu lernen müssen. Außerdem kann sich die Stimme verändern, manchmal geht sie ganz verloren.
Mitte Januar 2025 wird Hans operiert. Der Chefarzt und sein Team entfernen den Tumor am Zungengrund. Außerdem die befallenen Lymphknoten und seine rechte Rachenmandel. Zum Schluss wird ein künstlicher Atemweg angelegt: Durch einen Schnitt unter dem Kehlkopf wird die Luftröhre geöffnet, die Trachealkanüle eingesetzt. Bereits am Tag zuvor hat Hans die Magensonde gelegt bekommen.
Als wir ihn am Tag nach der OP besuchen, ist er schon wieder auf den Beinen, wenn auch unsicher und geisterhaft. Er schiebt seinen Tropf neben sich her, lächelt uns an, legt eine Hand aufs Herz. Darauf, dass er nicht sprechen kann, hat uns eine Stationsschwester vorbereitet. Wir unterhalten uns mit Notizblock, Händen und Füßen.
„Hast du gut geschlafen?“ fragt Nina.
Hans wiegt die Hände.
Viel gehustet, schreibt er.
Wie lange er nicht sprechen könne? Hans hebt die Schultern und breitet die Handflächen aus. Und in diesem Moment ist es ein kleiner Trost, dass er unter den Lehrkräften war, die das Fach darstellendes Spiel im Lehrplan seiner Schule etablierten. Übungen zu Körperausdruck, Atem und Stimme, all das war über Jahrzehnte Teil seines Berufs. Mit seinem ausdrucksstarken Gesicht und den großen wässrigen Augen könnte Hans als Pantomime im Klinikbetrieb auftreten. Ein weißer Clown. Pierrot. Durch das Tracheostoma – die Öffnung in der Luftröhre – strömt die Luft beim Atmen nicht mehr durch Mund und Nase. Und damit nicht mehr am Kehlkopf und den Stimmbändern vorbei. Ohne Luftstrom keine Stimme. In den ersten Wochen im Krankenhaus trägt Hans in der Kehle eine geblockte Kanüle: ein Röhrchen mit aufblasbarer Manschette, das die Luftröhre zum Rachen hin abdichtet und sicherstellt, dass er atmen kann, auch wenn Schleim oder Sekret im Hals sind.
Hans erlebt diese Zeit als sehr belastend. „Nur schreiben oder ins Handy tippen, das war kein Ersatz“, sagt er im Rückblick. Sich unmittelbar mitteilen, austauschen zu können, das habe ihm sehr gefehlt. „Es hat sich angefühlt, als wäre ich abgetrennt von anderen Menschen“, beschreibt er diese Wochen. Umso wichtiger ist für ihn, dass Menschen im Krankenhaus vorbeikommen, ihn besuchen. Eine Freundin bringt einen großen Blumenstrauß, eine Nachbarin einen Stapel frischer Unterwäsche. Und ein guter Freund und Reiki-Lehrer lässt wöchentlich seine Handflächen sanft über Hans’ Körper wandern. Über Stirn, Hals, Schultern. In diesen Momenten kann Hans loslassen, wegdämmern.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Die Nächte sind zehrend. Hustenanfälle, Schleim absaugen, Verdauungsbeschwerden durch die Sondennahrung. Die Pflegekräfte erlebt Hans als herzlich und engagiert, aber er kann sie nur schriftlich adressieren. Manchmal hat er Hemmungen, auf sich aufmerksam zu machen. In einer der ersten Nächte hat Hans solche Atemnot, dass ihn die Panik packt. Er glaubt zu ersticken. Zugleich hat er ein schlechtes Gewissen, erneut zu klingeln, den Nachtdienst zu rufen. Er weiß, wie dünn die Personaldecke ist, gerade nachts. Als die Krankenschwester kommt, ist sie sehr geduldig und unterstützt Hans beim Schleim absaugen. Er könne jederzeit klingeln, sagt sie.
„Dafür sind wir da.“
Die Zeit der Stationsärzte ist noch knapper. Hans schreibt seine Fragen auf, versucht im Gedrängel der morgendlichen Arztvisiten nicht unterzugehen. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es Menschen ergeht, die weniger privilegiert sind als ich“, sagt Hans im Rückblick. „Menschen, die kein Latein können und die Fachausdrücke der Ärzte nicht verstehen, Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.“
Hans ist Akademiker und Pensionär. Er hat Anspruch auf Chefarztbehandlung. Andererseits bringt seine Privatversicherung einen hohen Verwaltungsaufwand mit sich. Jede Arztrechnung, jedes Rezept muss bei Krankenkasse und Beihilfe eingereicht werden. Die Rechnungen haben oft Zahlungsziele von zehn oder vierzehn Tagen, doch Hans kann, während er über Wochen im Krankenhaus liegt, seine Überweisungen nicht tätigen. Mit über 80 macht er das nicht online, sondern am Überweisungsschalter. Er hat miterlebt, wie seine Lebensgefährtin in den Anfängen ihrer Demenz diese bürokratischen Abläufe nicht mehr bewältigen konnte. Er weiß, wie schnell einem Rechnungen und Rezepte über den Kopf wachsen können. Als er in der Visite von seinen Sorgen berichtet, schlägt der Chefarzt vor, Hans – unsicher, mit Atemnot, ohne Stimme – könne mit dem Taxi zur Sparkasse fahren und die Rechnungen begleichen.
Rechnungen und Rezepte
„Papa?“
Nina stellt das Telefon auf laut.
Hans’ Stimme klingt heiser, brüchig. „Ich muss leider … viele Pausen einlegen“, sagt er, „Atem schöpfen.“
„Aber du sprichst!“
Nach zwei Wochen im Krankenhaus hat Hans ein Sprechventil eingesetzt bekommen, das er tagsüber in der Atemkanüle tragen kann. Es funktioniert wie eine Katzenklappe: Beim Einatmen öffnet es sich und lässt Luft durch das Tracheostoma unter dem Kehlkopf hinein. Beim Ausatmen schließt es sich und zwingt die Luft, den alten Weg zu nehmen: nach oben durch den Kehlkopf und an den Stimmbändern vorbei. So kann Hans wieder sprechen.
„Das fühlt sich an wie neu geboren“, sagt er.
Nach vier Wochen wird Hans aus dem Krankenhaus entlassen. In seinem Reihenhaus findet er die Rechnungen und Rezepte feinsäuberlich sortiert und mit den Belegen zusammengeheftet. Nina hat die Überweisungen getätigt. Ein Glück!
Hans hängt zu Hause „an der Leine“, wie er das nennt. Die Sondennahrung – eine hochkalorische Mischung aus Pflanzenölen, Eiweiß, Zucker und Nährstoffen – wird in einer beigen Tüte geliefert. Bevor Hans den Beutel anschließt und an den Infusionsständer hängt, desinfiziert er die Hände, spült die Sonde mit Wasser durch. Dann öffnet er den Tropf. Bis ein Beutel durchgelaufen ist, vergehen ein bis zwei Stunden. Hans benötigt drei Beutel am Tag.
Hinzu kommen die morgendlichen Termine des Pflegedienstes, der die Atemkanülen reinigt. Und die Strahlentherapie, fünfmal in der Woche, jeweils rund zehn Minuten. Ein Fahrdienst holt Hans ab, wartet vor der Klinik und bringt ihn anschließend wieder nach Hause. Die Termine werden anfangs jeden Tag neu vergeben, irgendwann zwischen acht und achtzehn Uhr. Besonders beschwerlich ist für Hans, dass er erst nach mehrmaligem Nachfragen einen festen Vormittagstermin bekommt. Der erleichtert auch die Chemotherapie, die im selben Gebäude stattfindet, aber zunächst nicht mit der Bestrahlung koordiniert ist.
Krebspatient zu sein, ist ein Vollzeitjob
Bestrahlung und Chemotherapie ziehen sich über sechs Wochen, Hans magert in dieser Zeit weiter ab. Auf den Fotos, die er meiner Frau per Messenger sendet, sieht er aus wie ein Ausdauersportler nach dem Zieleinlauf – hager, abgekämpft. Das Organisatorische habe ihn „am Laufen“ gehalten, sagt er im Rückblick. „Ich musste funktionieren.“ Rechnungen prüfen und bezahlen, Überweisungen besorgen, Befunde sortieren, mit der Krankenkasse korrespondieren.
Im Obergeschoss befestigt er einen Klebehaken, um den Sondenbeutel über dem Stehschreibtisch aufhängen zu können. Weitere an der Gardinenstange im Schlafzimmer, an der Duschkabine im Bad. Hans muss auch zur Logopädie, zur Massage, zur Physiotherapie. Manchmal sitzt er noch um 22 Uhr in der Küche und der letzte Beutel des Tages hängt am Ständer.
Nachts leidet Hans häufig an Atemnot. Er muss aufstehen, Schleim absaugen, die Atemkanüle reinigen. Am nächsten Morgen fühlt er sich vollkommen erschöpft – aber es muss weitergehen. Der Pflegedienst kommt, danach muss ein Beutel durchlaufen. Dann, zwanzig Minuten vor dem Bestrahlungstermin, ruft der Fahrdienst an.
Ambulant betreuter Krebspatient zu sein, sagt Hans, das sei ein Vollzeitjob. Und zwar im Management.
Vor der Krebserkrankung aß Hans regelmäßig mit Nachbar*innen zu Abend, lud Freund*innen zum Frühstücken ein. Veranstaltete einmal im Jahr ein Grüne-Soße-Essen, in Gedenken an seine Frankfurter Jugend. Wenn wir zu Besuch kamen, bereitete er aufwendige Salate zu, Obstteller, Omelett mit Oliven und Kapern. Diese Rituale der Gemeinschaft, aber auch viele andere genussvolle Momente fallen weg.
Die Sondennahrung sei zwar mit Vitaminen angereichert, sagt Hans, aber sie bleibe eine beige Tüte. Er versucht, das auszugleichen, indem er flüssige Obst-Gemüse-Mischungen über die Sonde gibt, in der Hoffnung, sich „etwas Natürliches, etwas Gutes“ zuzuführen. Als wir ihn in diesem Frühjahr besuchen, wirkt er unruhig und erschöpft. Er setzt sich an den Esstisch, während die Magensonde durchläuft. Er sitzt auf der Stuhlkante, wie auf dem Sprung. In der offenen Küche stapeln sich Kartons, an den Türbalken hängen Zettel mit logopädischen Übungen. Sein Kühlschrank ist leer.
„Ich habe gar nichts da, was ich euch anbieten kann“, sagt er.
In diesen Monaten erfährt Hans, dass manche Bekannte sich abwenden, seitdem sie ihn nicht mehr zum Abendessen einladen können oder ins Café. Bei einer Krebserkrankung sei da „immer etwas, das lauert“, sagt Hans, „damit können nicht alle Menschen umgehen“. Und auch im Kino oder im Museum fühlt er sich nicht mehr wohl. Das Husten und Räuspern ist ihm unangenehm in der Öffentlichkeit – eine Erfahrung, die viele Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen machen, insbesondere seit den Coronamaßnahmen.
Umso wichtiger werden all die kleinen Übungen, die Hans zu Hause durchführen kann. Die sogenannte Glockenübung, bei der er den Oberkörper in einem weiten Bogen kreisen lässt, soll den Lymphfluss anregen und die starren Narbenstränge in Hals und Schulter geschmeidiger machen. Dazu kommen Yoga-Elemente aus seinem früheren Alltag, vorsichtig angepasst an seinen zerbrechlich gewordenen Körper.
Gurkenwasser, Zucker und Salz
Zu neuer Selbstwirksamkeit verhelfen auch die Besuche bei seiner Logopädin. In ihrer Praxis gibt es eine klare Strategie, ein bis zwei Stunden Zeit, Orientierung. Die Logopädin erklärt, dass etwa 100 Muskeln – rund 50 Muskelpaare pro Halsseite – am Schluckvorgang beteiligt sind. Außerdem sei der Kehlkopf zentral. Er ist über Membranen und Muskeln aufgehängt und muss beweglich sein, nicht nur für die Stimme, sondern auch fürs Schlucken. Wenn der Kehlkopf sich nicht ausreichend heben und senken kann, ist der Eingang zur Speiseröhre verengt und Menschen verschlucken sich.
Die Logopädin träufelt Hans etwas Gurkenwasser in den Mund, Zucker, Salz, um seine Geschmacksnerven zu aktivieren. Sie leitet Atemübungen an im Sitzen, im Stehen, lässt ihn die Zunge gegen einen Löffel pressen. Später bietet sie ihm Gurken- und Apfelspalten in Gazesäckchen an. Auf diesen Spalten von Obst oder Gemüse kann Hans kauen, ohne Gefahr zu laufen, etwas versehentlich herunterzuschlucken. Hans nimmt sie vorsichtig in den Mund, bewegt sie tastend, spürt, wie das Wasser auf seiner Zunge zusammenläuft. Er lernt noch einmal Schlucken.
Später gibt die Logopädin ihm Wackelpudding in Signalfarben, um zu überprüfen, ob etwas in die Luftröhre gerät. Beim Schlucken schmilzt der Wackelpudding. Wenn Hans sich verschluckt, also etwas in die Luftröhre gerät, taucht die gefärbte Flüssigkeit beim Reinigen der Trachealkanüle wieder auf.
Hans beschreibt diese Stunden als Momente, in denen er nicht nur verwaltet, was mit ihm geschieht, sondern aktiv Einfluss nimmt. Die Logopädin gibt ihm Übungen mit nach Hause: die Zunge an den Gaumen drücken, dann in den Unterkiefer, linke Wange, rechte Wange. Muskeln trainieren, den Atemrhythmus justieren, seine Stimme neu ausprobieren. Und sie hat nicht nur Hans’ Rachen im Blick, sondern auch sein Leben. Deshalb schreibt die Logopädin, bevor Hans erneut im Krankenhaus aufgenommen wird, einen gründlichen Bericht an das HNO-Team.
Chemotherapie und Bestrahlung sind seit einigen Monaten abgeschlossen. Der Chefarzt zieht in Erwägung, die Trachealkanüle zu entfernen – jenes Röhrchen in der Luftröhre, durch das Hans seit der Operation atmet. Wenn die Kanüle gezogen wird, kann Hans wieder durch Mund und Nase atmen.
Doch die Logopädin ist beunruhigt. Der Luftröhrenschnitt ist zu diesem Zeitpunkt gerötet, es hat sich sogenanntes „wildes Fleisch“ gebildet. Granulationsgewebe, das ist mit dem Risiko von Komplikationen verbunden. Die Logopädin rät dazu, die Entzündung gründlich zu untersuchen, abheilen zu lassen, erst dann die Kanüle zu ziehen. Hans ist hin- und hergerissen zwischen dem Vertrauen in seine Logopädin und der Sehnsucht nach Normalität.
Die Vorsicht bleibt
Es ist der Sonntag vor Hans’ erneuter Aufnahme im Krankenhaus, ein paar Tage vor seinem 82. Geburtstag, als wir gemeinsam im Eiscafé sitzen. Er hat darauf bestanden, Nina und mich einzuladen, seinen Geburtstag vorab im Cercenà zu feiern. Dass Hans wieder ins Café geht, den Schlauch der Magensonde hervorzupft, eine Löffelspitze Spaghettieis stibitzt – all das sind Gründe zum Feiern. Und Nina hat ein Geschenk mitgebracht. Es schmeckt wieder, ein Kochbuch für Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden.
Hans ist gerührt.
Doch später, auf dem Weg zum Bahnhof, bemerkt Nina, dass das ungewöhnlich sei für ihren Vater, seinen Geburtstag vorab zu feiern. „Ich glaube, er macht sich schon Sorgen.“
In ihrer Schulzeit lernte Nina an den Wochenenden mit ihrem Vater gerne Latein. Hans fuchste sich wieder in die Grammatik ein, fragte Nina vor Tests ab. Eine dieser Vokabeln war fauces: der Rachen. Ein Wort, das im Lateinischen einen Doppelsinn hat. Es kann Kehle heißen, aber auch Engpass oder Falle. Atmen, schlucken, sprechen – all das bewegt sich auf einem schmalen Grat. Wir balancieren darauf ein Leben lang, doch das wird uns zum Glück erst dann bewusst, wenn wir in den Abgrund blicken müssen.
Am folgenden Montag wird Hans erneut in der HNO-Klinik aufgenommen. Der Chefarzt teilt die Sorgen der Logopädin nicht. Die Schwellungen im Hals, die durch Operation und Bestrahlung entstanden waren, seien zurückgegangen. Hans’ Stimmlippen sind wieder beweglich, der Luftweg ist frei. Die Ärzt*innen öffnen die kleine Manschette an der Kanüle, die bisher die Luftröhre abgedichtet hatte, und beobachten Hans eine Nacht lang. Kann er sicher atmen? Verschluckt er sich?
Als sich zeigt, dass alles stabil bleibt, ziehen sie am nächsten Tag die Kanüle heraus und verschließen die Öffnung im Hals mit einem Pflaster. Hans bleibt noch ein paar Tage zur Überwachung. Er verschluckt sich nicht mehr bedrohlich. Seine Werte sind stabil.
Ende Juli 2025 wird Hans aus dem Krankenhaus entlassen, es ist der Tag vor seinem 82. Geburtstag. Die weitere Behandlung erfolgt in der „geschätzten ambulanten Betreuung“, wie der Arztbrief festhält. Für Hans bedeutet das: Der Luftweg führt wieder durch Mund und Nase, auf seinem Hals klebt nur noch ein Pflaster. Und all die Übungen, die ihn hierher gebracht haben, sie werden Teil seines Alltags bleiben.
Mittlerweile darf Hans wieder trinken, pürierte Gerichte essen. Die Logopädin bringt im Spätsommer eine Kürbissuppe mit in die Praxis, zu Hause gekocht, behutsam gewürzt. Sie sitzen gemeinsam am Tisch. Hans schlürft eine Löffelspitze, schluckt vorsichtig. Zum Frühstück gibt es nun Porridge, lange eingeweicht. Später Obstpürees mit Sahne, Nussmus, Gemüse-Nudel-Mischungen. Ballaststoffe, gesunde Fette, Eiweiß – Hans versucht wieder, möglichst natürliche Nährstoffe aufzunehmen, alles gründlich püriert.
Doch manchmal packt ihn diese Sehnsucht: „Das Maul voll zu haben“, gierig zu essen. Dann bricht er aus seinem asketischen Alltag aus, ins Eiscafé. Er trinkt seinen grünen Tee in kleinen Schlucken. Bestellt eine Kugel Eis – Pistazie oder Vanille, Hauptsache ohne Stückchen. Er schließt die Augen, bewegt das Eis auf der Zunge, spürt, wie das Wasser im Mund zusammenläuft.
„Da muss ich mich schon wieder zügeln“, seufzt er.
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