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Überleben im Osten der UkraineUnter Beschuss

Russlands Präsident will die Menschen in der Ostukraine „retten“. Wie das aussieht, zeigte sich diese Woche zum Beispiel in Slowjansk.

In Olhas Nachbarhaus hat am 10. März eine Lenkbombe eingeschlagen Foto: Juri Larin

Aus Slowjansk

Juri Larin

Zuerst habe er nur einen Jungen schreien hören, erzählt der Soldat. „Mama! Mama!“ sei aus dem Innenhof eines Wohngebäudes zu hören gewesen. „Neben dem Kind stand ein Mann in Flammen. Er war noch am Leben und versuchte, zum Kofferraum seines Autos zu kommen“, erinnert sich der ukrainische Kämpfer mit dem Decknamen Dschigit an diesen schrecklichen Märzmorgen. Er war der Erste, der dem Verletzten helfen konnte.

Am 10. März, gegen neun Uhr, warf die russische Armee drei Lenkbomben auf das Zentrum der ostukrainischen Stadt Slowjansk im Gebiet Donezk ab. Der russische Präsident Wladimir Putin betrachtet Slowjansk als russisch, deshalb schickt er seine Armee, um, wie es in der russischen Propaganda heißt, die Menschen im Donbass zu „retten“.

Die drei Bomben fielen im kurzem Abstand von jeweils 100 Metern zueinander. Zwei explodierten in den Innenhöfen von Hochhäusern, die dritte Bombe fiel in ein dreistöckiges Wohngebäude. Die Splitter der Bomben zerstörten einen Kleinbus.

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Dschigit beschreibt, wie er Augenzeuge dieses Angriffs wurde: „Der Bus fuhr nur langsam. Aus den Fenstern krochen die Menschen heraus, alle waren blutüberströmt.“ Auf der anderen Straßenseite ein Hund ohne Hinterpfoten, seine blutüberströmten Besitzer neben ihm.

Szenen wie aus einem apokalyptischen Film

Die Szenen, die Dschigit beschreibt, erinnern an einen apokalyptischen Film. „Ich bin in einen anderen Hof gerannt, dort war eine alte Frau, der ein Bein abgerissen worden war. Trotzdem versucht sie, sich auf dieses Bein zu stellen. Offenbar hat sie noch nicht realisiert, was gerade mit ihr passiert ist“, erinnert sich Dschigit an diesen Morgen.

Soldat Dschigit versuchte am 10. März den Verletzten zu helfen Foto: Juri Larin

Der Soldat ist davon überzeugt, dass der aktuelle Krieg auch eine Folge eines bereits in den 1990er Jahren verlorenen Informationskrieges über den Osten der Ukraine sei. Man dürfe die russischsprachigen Ostukrainer, die immer noch auf Seiten Russlands stünden, nicht verurteilen. „Das nützt gar nichts. Wir müssen ihnen zeigen, dass unser Land besser ist, dass wir besser sind“, meint er.

Die Bombardierung von Wohnhäusern sei kein Terrorismus, wie oft gesagt würde, sagt Dschigit. „Terrorismus wäre es, wenn sie Sprengstoff in der U-Bahn oder in Supermärkten legen würden. Aber sie werfen Bomben aus Flugzeugen heraus auf Städte mit Zehntausenden Menschen. Ist das Terrorismus, wenn man Bomben auf ein Wohngebiet wirft? Nein, das ist Völkermord!“.

Die 60-jährige Olha geht in Hauskleidung an der Stelle vorbei, wo erst kurz davor eine Bombe eingeschlagen war. „Meine Nachbarin hat mich gebeten, nach ihrer Wohnung zu sehen“, sagt sie verlegen. Sie selber sei während des Angriffs in ihrer Wohnung gewesen. Im Nachbarhaus sei eine der drei Lenkbomben eingeschlagen. „Mir wurde schwindelig. Ich habe Schmerzen in den Beinen, aber bin sofort auf die Knie gefallen“, sagt sie. „Eigentlich wollten wir nicht wegziehen“, sagt Olha. „Aber meine Enkelin hat uns gebeten, zu ihr zu kommen. Wir ziehen jetzt in das Gebiet Kirowohrad in der Zentralukraine.“ Obwohl überall hohe Wohnhäuser stehen, haben schon viele den beschossenen Teil von Slowjansk verlassen.

Evakuierung als beste Lösung

Aus der zerstörten Wohnung eines Mehrfamilienhauses trägt ein schweigsamer, erschöpfter Mann Taschen mit seinen Habseligkeiten heraus. Neben den Sachen steht eine noch müder aussehende Frau namens Svitlana, 51 Jahre alt. „Siehst du, jetzt müssen wir schon zum zweiten Mal umsiedeln“, sagt sie. „2015 haben sie unsere Wohnung in Horliwka, 50 Kilometer nördlich von Donezk, zerstört. Dann sind wir nach Slowjansk gezogen und haben uns noch kurz vor Kriegsbeginn eine Wohnung gekauft. Die gibt es jetzt auch nicht mehr.“ Sie würden jetzt zur Mutter ihres Mannes ziehen, mehr wüsste sie noch nicht, sagt Svitlana. Sie zeigt die großen Blutergüsse und Kratzer an ihren Händen.

Der Sprecher der Staatlichen Katastrophenschutzbehörde im Gebiet Donezk, Stanislaw Baldin, sagt, dass infolge des Beschusses am 10. März zwanzig Menschen in Slowjansk verletzt und vier getötet wurden. Die Zahl der Angriffe habe deutlich zugenommen. Für die Zivilbevölkerung sei eine Evakuierung aktuell die beste Lösung. Zumindest, solange das Gebiet ständig beschossen würde.

Aus dem Russischen: Gaby Coldewey

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