: Der letzte Akkord einer begabten Pianistin
Helene Bukowski beschreibt in ihrem neuen Roman die Freuden an der Musik und den Drill des staatlichen Fördersystems der DDR: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Von Carola Ebeling
Schon einen Tag vor Erscheinen ihres dritten Romans „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ konnte sich Helene Bukowski über dessen Platzierung auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse freuen. Das neue Buch der 1993 geborenen Autorin ist zu Recht Anwärter für die Auszeichnung, das sei vorab verraten.
Mit ihrem 2019 erschienenen Debüt „Milchzähne“, das fast parabelartig und sehr eindrücklich davon erzählt, wie andere zu Fremden, zu Ausgeschlossenen gemacht werden, und dem Roman „Die Kriegerin“ (2022) über sexualisierte Gewalt und die transgenerationale Weitergabe von Traumata gilt Bukowski bereits als eine markante Stimme der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur.
Erstmals ist ihr Ausgangspunkt nun eine reale Person: Christina, eine junge Pianistin, geboren 1961 in der DDR, die im Alter von 24 Jahren Suizid beging. Die Ich-Erzählerin erläutert gleich zu Beginn, wie sie durch ihre Großmutter an den Nachlass kam, und man darf von einer großen Nähe zwischen Autorin und Erzählerin ausgehen, die Trennlinie verschwimmt. Der Prozess des Schreibens, der Annäherung an die fremde Biografie, ist Teil der Erzählung.
Eine „Chronik“, die Christinas Vater verfasste, dient der Erzählerin als „mein Geländer“ beim Schreiben. Außerdem Kassetten, Fotoalben, Briefe. Schnell spürt sie Interesse, ja Verbundenheit: „Zurück in Berlin, begann ich zu lesen, zu blättern, zu hören. Schon nach kurzer Zeit sah ich dich quer über die Freifläche laufen. Seitdem versuche ich, zu dir aufzuschließen, dich einzuholen, dich zu greifen. Habe ich dich gefunden? Oder du mich?“, heißt es in einer Art Prolog.
Der Text ist ein Tasten, ein Versuch, den Bewegungen eines Lebens nachzuspüren, dessen frühes Ende durch Suizid keineswegs absehbar war. Spürbar ist darin der Wunsch, Christina sichtbar werden zu lassen. Bukowski entscheidet sich für das „du“, mit dem ihre Erzählerin sie anspricht. Das folgt der empathischen Haltung der Erzählerin, ermöglicht ihr eine vertrauliche Nähe, einen imaginären Dialog.
Es entfalten sich die Kindheit in Leipzig und Neubrandenburg, die Teenagerzeit in Berlin an einer staatliche Spezialschule für Musik und die Jahre in Moskau, wohin man die begabte Pianistin zum Studium schickt.
Der Vater, ein kriegstraumatisierter ehemaliger Opernsänger, verwirklicht die eigenen Ambitionen in der Tochter, übt Druck und Kontrolle aus, was Bukowski in bildhaften Szenen zum Ausdruck bringt, etwa wenn er ihr vorm Fenster stehend das Licht beim Klavierspiel verstellt.
Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Claassen, Berlin 2026. 382 Seiten, 24 Euro
Doch ist Christina ja zugleich von der Musik begeistert, geht in ihr auf. Die Intensität ihres Spiels gestaltet die Autorin als Naturschauspiele, erfindet dafür eine sinnliche, soghafte Sprache: „Die Töne tasten in den Raum hinein, breiten sich aus, schieben sich zu dunklen Felsen zusammen, werden von einem Meer überspült. Muscheln und Steine folgen der Strömung. Am Horizont berührt der Himmel die Kante des Wassers. Blitze zucken lautlos, leuchten nach. Der letzte Akkord verstummt. Diesmal kommt der Applaus zögernd. Als steckte auch das Publikum noch in dieser anderen Welt.“
Die Ambivalenz der Musik ist ein roter Faden. Sie ist „Anker“ und Selbstausdruck, schafft Verbindung zu anderen. Zugleich ist sie „Gewicht“, fordert soviel Zeit, bedeutet Einsamkeit. Bedeutet auch, dem Drill des staatlichen Fördersystems der DDR ausgesetzt zu sein. Das sich nach Christinas Rückkehr aus Moskau, kurz vor ihrem Tod, als unerbittlich erweist.
Die Zustände an der „Spezi“, der Spezialschule, schildert Bukowski beziehungsweise die Erzählerin detailreich und atmosphärisch dicht. Sie fängt lebendige Szenen aus dem Alltag der DDR wie auch der Moskauer Lebenswirklichkeit jener Jahre ein. Sie legt Teile ihrer Recherche offen, zitiert aus Briefen, verweist auf Fotos.
Die Intensität der Erzählung erwächst aus der Kombination der Fakten mit der freien Ausgestaltung der Leerstellen, bei der die Autorin sich die schon erwähnte Nähe, ja Vertraulichkeit erlaubt. So imaginiert sie Dialoge zwischen Christina und ihren Freundinnen an der „Spezi“; nahe Szenen mit Jura, in den Christina sich in Moskau verliebt: „Du bist hungrig, aber Jura sieht deinen Hunger nicht“, deutet die Erzählerin, möchte Christina eine Nacht mit ihm „schenken“, was diese zurückweist: „Strampelnd stößt du die Decke von dir, schüttelst den Kopf, springst aus dem Bett. ‚Jura war nicht in mich verliebt. Und er hat nie mit mir geschlafen‘, sagst du.“
Die Fallstricke der Übergriffigkeit integriert die Autorin/Erzählerin hier wie an anderen Stellen auf originelle Weise in den Text. Auch die Überblendungen mit ihrem eigenen Leben könnten als übergriffig gelesen werden – sind aber Brücken der Einfühlung und auf paradoxe Weise zugleich Markierungen von Distanz, weil sich in diesen Passagen das Ich der Erzählerin so konkret ins Spiel bringt.
Eine Wahrheit kann es ohnehin nicht geben. Aber diese Entscheidung für eine radikale Empathie, mit der Helene Bukowski so vielschichtig und literarisch fantasievoll von Lebenshunger und Dunkelheit schreibt. Entstanden ist ein Buch, das sich auch dem Tod verstehend nähert und doch viel mehr eines über das Leben ist.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen