Globale Folgen des Iran-Krieges: Jenseits der Bomben
Welche Auswirkungen hat der Iran-Krieg auf den Globalen Süden? Und wie entwickeln sich die Öl- und Gaspreise in Deutschland?
Endlich kann Daniel Katureebe mit seinem Auto an die Zapfsäule heranfahren. An den Tankstellen in Ugandas Hauptstadt Kampala herrscht derzeit reger Verkehr, denn alle befürchten, dass aufgrund des Kriegs im Nahen Osten bald der Sprit auf dem Weltmarkt knapp wird.
Die junge Tankwartin wünscht einen guten Morgen: „Bitte volltanken“, sagt Katureebe zu ihr und blickt auf seine Anzeige in der Konsole. Sein Tank ist eigentlich noch drei Viertel voll. „Ich gehe jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit noch mal tanken“, sagt er. „Man weiß ja nie, wann die Preise ins Unermessliche steigen.“
Seit Beginn des Kriegs gegen Iran und der Schließung der Schifffahrtspassage durch die Straße von Hormus warnen Wirtschaftsexperten in Ugandas Medien vor einem enormen Preisanstieg. Peter Ochieng, Wirtschaftsanalyst und Marketingchef der regionalen Tankstellenkette Rubis, sagt: „Die Lage ist chaotisch. Wenn die Unterbrechung der Transportwege so weitergeht, können die Transportkosten von Mombasa und Daressalam nach Uganda um bis zu 50 Prozent ansteigen.“
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Anderen Ländern im Globalen Süden geht es ganz ähnlich. Schließlich fallen wegen der Blockade der Straße von Hormus durch Iran derzeit rund 20 Prozent des globalen Angebots an Erdöl und Flüssiggas aus.
Die Preise entwickeln sich sehr dynamisch
Um Sprit zu sparen, wies die Regierung in Thailand ihre Beschäftigten an, im Homeoffice zu arbeiten. In Vietnam gab es vergleichbare Maßnahmen, auf den Philippinen befahl die Regierung in vielen Behörden eine Viertagewoche, und Indien pumpte in einer Notmaßnahme 5.000 Tonnen Diesel nach Bangladesch, weil der Treibstoff dort schon knapp wurde. Bangladesch bezieht 95 Prozent seines Erdöl- und 70 Prozent seines Erdgasbedarfs aus dem Nahen Osten.
Während sich im Globalen Süden eine Versorgungskrise anbahnt, sind Ökonom*innen bezüglich der Folgen des Iran-Kriegs auf die deutsche Wirtschaft noch relativ gelassen. Ihnen zufolge wird der damit bedingte Ölpreisschock den Aufschwung in diesem Jahr dämpfen, aber nicht gefährden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet etwa, dass die gestiegenen Energiepreise das Wirtschaftswachstum um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte senken. Unter der Annahme, dass es zu keiner weiteren Eskalation kommt und die Energiepreise bald wieder sinken, erwartet das DIW nun, dass die deutsche Wirtschaft dieses Jahr um 1,0 Prozent wächst. Das Ifo-Institut in München sieht es ähnlich: Es senkte seine Prognose für dieses Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent.
Ein hoher Ölpreis ist laut Ifo-Institut schlecht für die globale Wirtschaft, weil er wie eine zusätzliche Steuer wirkt. Energie, Transport und viele Güter werden teurer. Für die Unternehmen bedeutet das höhere Produktionskosten und für die Menschen steigende Lebenshaltungskosten. Die spüren sie bisher vornehmlich an der Zapfsäule. Statt um die 1,70 Euro kostete ein Liter Diesel diese Woche zum Teil deutlich über 2 Euro. Dabei steht der Verdacht im Raum, dass die Mineralölkonzerne die Chance nutzen, sich auf Kosten der Autofahrenden zu bereichern. Tankstellen sollen deshalb künftig nur noch einmal am Tag ihre Preise erhöhen dürfen, verspricht die Bundesregierung.
Noch sind die Konjunkturexpert*innen relativ optimistisch, dass sich die Auswirkungen des Preisschocks auf die Kaufkraft der Konsument*innen und damit auf die Konjunktur in Grenzen halten. Das DIW schätzt, dass die Inflation wegen des Iran-Kriegs dieses Jahr um 0,4 Prozentpunkte steigen und bei 2,3 Prozent liegen wird. Auch Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sagt: „Die Rohöl- und Gaspreise dürften sich noch 2026 vollständig zurückbilden. Zwar wird die Inflation vorübergehend über 2 Prozent steigen, im kommenden Jahr aufgrund von Basiseffekten jedoch deutlich darunter liegen.“
Größte Freigabe ever
Dass die Ökonom*innen hierzulande so gelassen sind, liegt daran, dass Deutschland längst nicht so abhängig ist vom Erdöl aus dem Nahen Osten wie vom russischen Erdgas vor dem Angriff auf die Ukraine. Gerade einmal 6,1 Prozent der Ölimporte stammen aus der Region. Das meiste Erdöl kommt aus Norwegen (16,6 Prozent), den Vereinigten Staaten (16,4 Prozent) und Libyen (13,8 Prozent). Versorgungsengpässe wie während der letzten Energiepreiskrise sind also nicht zu befürchten.
Doch wissen auch die Expert*innen, dass hinter ihren Vorhersagen derzeit große Fragezeichen stehen. DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik sagt: „Die Preise entwickeln sich derzeit recht dynamisch.“ Es gebe bei den Energiepreisen momentan viele Auf- und Abbewegungen, und es könne sein, dass die Energiepreise länger hoch blieben.
In ihrer eigentlichen Prognose geht sie aber davon aus, dass sich die Lage bald wieder entspannt und die Spritpreise fallen. Ist das nicht der Fall, würde auch in Deutschland die Inflation stärker steigen. Dann droht eine Halbierung des Wachstums.
Um die Lage zu entspannen, werden die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) 400 Millionen Barrel ihrer strategischen Erdölreserven freigeben. Davon liefert Deutschland 19,5 Millionen Barrel, die USA 172 Millionen. Es ist die größte Freigabe in der Geschichte der internationalen Institution. Zum Vergleich: In normalen Zeiten passieren täglich rund 20 Millionen Barrel die Straße von Hormus.
Uganda arbeitet an alternativen Bezugsquellen
Ugandas staatliche Ölgesellschaft Unoc versicherte derweil, dass deren Lieferkette „nicht von einer einzigen Region abhängt“. Man arbeite derzeit an „alternativen Bezugsquellen und Transportrouten“, sagt Unoc-Sprecher Tony Otoa.
Doch das Vertrauen der Ugander*innen ist gering. „Vorsorge ist besser“, betont Autofahrer Daniel Katureebe an der Tankstelle in Kampala. Auch einen zweiten Gaszylinder für seinen Herd zu Hause hat er sich vor wenigen Tagen angeschafft. Da in Uganda regelmäßig der Strom ausfällt, bevorzugt die Mittelklasse, in ihren Küchen auf einem Gasherd zu kochen. Einen Gaszylinder nachzufüllen kostete bislang 100.000 Schilling, umgerechnet rund 24 Euro. In den vergangenen Tagen stieg der Preis bereits auf 105.000 Schilling. Die arme Bevölkerung kann sich das nicht leisten und kocht deswegen mit Holzkohle.
Die Teuerungen wecken Erinnerungen an die Zeiten der Coronapandemie. Damals sind die Spritpreise in Uganda enorm angestiegen – und seitdem nicht mehr sonderlich gefallen. Und anders als in Deutschland hat die Regierung in Uganda wenig Mittel, um der Bevölkerung bei den Spritpreisen zu helfen.
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