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Kulturstaatsminister Wolfram WeimerDer Fisch stinkt vom Kopf her

Julia Hubernagel

Kommentar von

Julia Hubernagel

Wer glaubte, Weimer sei kein rechter Hardliner, sieht sich endgültig getäuscht. Viele müssen nun befürchten, unter seinen Hammer zu kommen.

Der Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ in der Kastanienallee, Berlin, stand mit auf Weimers Ausschlussliste Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

E s ist nicht ausgeschlossen, dass ein Schulhofschläger einmal zu einem netten jungen Mann heranwächst. Es ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass ein Student, der Verse schreibt über eitertriefende Vergewaltigungen von Schwangeren, nicht doch zu Gott oder Einsicht finden wird. Doch wenn sich ein 54-jähriger Mann in einem „Konservativen Manifest“ Sorgen macht um den Fortbestand des eigenen Blutes, des Stammes, der Nation, dann darf man annehmen, dass das Weltbild sitzt.

Wolfram Weimer, seines Zeichens Kulturstaatsminister, Lyriker und Gründer des rechten Cicero-Magazins, ist ein Mann der Mitte. Sagt er von sich. Wohlwollend hatte man annehmen können, sein Herz schlage zwar eher rechts, aber für alle links davon sei auch noch Platz auf unseren deutschen „Wiesen der blauen Blumen“, die Literaturfreund Weimer gern beschwört.

Dass eben nicht für alle Platz an der Sonne ist, lässt sich an der Debatte um den Buchhandlungspreis ablesen. Drei linke Buchläden in Bremen, Göttingen und Berlin, die Preisgelder zwischen 7.000 und 15.000 Euro erhalten sollten, wurden auf Geheiß Weimers von der Preisträgerliste gestrichen. Geschäfte also, wo Druckerzeugnisse ausliegen, die auch jeder andere Buchladen für seine Kund:innen bestellen kann. Grund für den Ausschluss: Weimer hatte im sogenannten „Haber-Verfahren“ die Buchläden beim Verfassungsschutz abgefragt und „Erkenntnisse“ erlangt.

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Zu frech kommt dem Minister die Fassade des „Golden Shops“ in Bremen daher. „Deutschland, verrecke bitte“, prangt dort als Schriftzug, ungleich höflicher formuliert als im zitierten Punksong von Slime. Einer der Buchhandlungen wird laut Süddeutscher Zeitung zudem eine Rolle im „Kommunikationsnetzwerk der RAF“ nachgesagt, jener Gruppe, die vor 28 Jahren ihre Auflösung bekannt gegeben hatte.

Auf die Vorwürfe reagieren konnten die Buchhandlungen nicht, denn von dem politischen Hintergrund ihres Ausschlusses erfuhren sie erst aus den Medien. Erreicht hatte den „Golden Shop“, die „Rote Straße“ und „Zur schwankenden Weltkugel“ bloß eine automatisierte Absagemail. Sie wurden leider „von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt“, hieß es. Was nicht der Wahrheit entspricht: Ebenjene Jury wollte die drei Buchhandlungen sehr wohl auszeichnen.

Die Erfahrung spricht gegen den Vertrauensvorschuss, dem man dem Kabinett Merz gewährt

Zu denken, niemand würde aufdecken, dass Weimer in die Preisvergabe zensorisch eingegriffen hat, ist unklug. Vielleicht noch unklüger als zu glauben, Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abzusetzen, würde keinen Wirbel verursachen. In dem Fall war die gesamte Filmbranche auf die Barrikaden gestiegen, sodass der Kulturstaatsminister zurückrudern musste.

Angesichts der Buchhandelspreisaffäre ist nun der Literaturbetrieb in Aufruhr. Die Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse sagte Weimer ab, man hätte mit Tumulten rechnen dürfen. Rücktrittsforderungen wurden laut, auch in dieser Zeitung. Aber: Wozu soll das gut sein? Was bei Forderungen dieser Art stets mitschwingt, ist eine gewisse Sehnsucht nach Anstand.

Doch die Erfahrung spricht gegen den Vertrauensvorschuss, dem man somit dem Kabinett Merz und auch der mitregierenden CDU gewährt: Irgendeinen Besseren werdet ihr doch wohl haben. Mit wem aber darf man dann rechnen? Wer findet Platz neben Gaslobbyistinnen und Nius-Fangirls, hinter Maskenprinzen und Blackrock-Kanzlern?

Auch wär’s mit einem Rücktritt nicht getan, denn glaubt man der Süddeutschen Zeitung, ist klar: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Deren Recherche zufolge wirbt das Bundesinnenministerium bei Ministerien und Bundesbehörden dafür, Informationen zu Fördergeldanwärtern regelmäßiger beim Verfassungsschutz abzufragen.

Während Experten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des „Haber-Verfahrens“ generell anmelden, würde Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) es am liebsten routinemäßig anwenden. Ausdrücklich solle dabei vor Fördergeldempfängern verheimlicht werden, dass es eine Abfrage beim Verfassungsschutz gab.

Nun muss jede:r Linke für sich eine Haltung zur Konsequenz finden. Die in der Debatte bereits berührte Frage, ob Linke wirklich Fördergelder vom Staat annehmen sollten, mutet in einer Welt, in der keine Subventionierung auch schnell keine Buchhandlung bedeuten kann, zynisch an. Doch auch darüber lässt sich sicher streiten.

Dass die Erprobung eines Werkzeugs gefährlich ist, das das Zeug hat zur routinierten Lahmlegung jeglichen zivilgesellschaftlichen Engagements, sollte außer Frage stehen. Denn man hat zumindest eine Ahnung, in welche Hände in den nächsten Jahren der Hammer fallen könnte – und wen er dann alles treffen wird.

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Julia Hubernagel
Kulturredakteurin
Studium der Geschichte und deutschsprachigen Literatur in Bochum und Berlin. Redakteurin im Kulturressort.
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20 Kommentare

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  • Angesichts dessen, was da für Sprüche und Aufkleber an den Fassaden, Fenstern und Türen dieser drei Buchläden befinden, finde ich es absolut nachvollziehbar dass diese vom Preis ausgeschlossen und vom Verfassungsschutz observiert werden.

  • Warum das Gejammer? Die Deutschen haben genau die Regierung, die sich über die Jahre hin redlich verdient haben.

    • @Alberta Cuon:

      Verdient? Alle? Gibt es da vielleicht auch Unterschiede?

  • Das Herr Weimer mit der eher "linken" Kultur Szene (links ist nicht immer gut) zurecht kommt



    , ist doch nicht verwunderlich. Das Herr Weimer etwas holprig. Claudia Roth hatte auch Ihre kleinen skandalchen. (Documenta) . Vielleicht sollte man den Buchhandelspreis (Hoher Verwaltungsaufwand) und ächliches abschaffen.

  • Beim "Schulhofschläger" (im Text), beim "Gefährder des Weltfriedens" (unten im Forum) ist man auf der nach unten offenen Erregungsskala inzwischen angekommen, um der eigenen Abscheu über Hr. Weimer Ausdruck zu verleihen. Mit der sich ausweitenden Dimension der Kraftausdrücke leidet natürlich die Präzision. Wie in jedem Krieg nähern sich auch im "Kulturkrieg" die angewandten Methoden der Gegner naturgemäß an.



    Dagegen kann man vermutlich nichts machen oder haben.



    Ich habe auch nichts dagegen, wenn einige begeistert im extremistischen und im übrigen klar verfassungsfeindlichen Wunschkonzert "Deutschland, verrecke" mitgröhlen. Bitteschön.



    Aber ich habe etwas dagegen, wenn offen Halb- oder Unwahrheiten verbreitet werden. Natürlich hat sich die Terrororganisation RAF vor 28 Jahren offiziell aufgelöst. Aber mindestens zwei der mutmaßlichen Mitglieder sind weiter flüchtig und zahlreicher Verbrechen beschuldigt. Dass dies ohne ein nach wie vor funktionierendes linksextremistisches "Kommunikationsnetzwerk" klappen würde, ist nicht vorstellbar. Sollte eine der drei inkriminierten Buchhandlungen auch nur in die Nähe dessen kommen, handelte Hr. Weimer korrekt.

  • Das eigentliche Problem ist doch das Haber-Verfahren. Wer dieses Papier mal durchliest (in einem früheren Artikel der Taz findet sich ein Link dazu), sieht, dass Weimer nichts anderes getan hat, als sich exakt an diese Vorgabe zu halten. Also nennt die Namen, die dieses unsägliche Haber-Verfahren erstellt und abgesegnet haben!

  • Hat nicht auch Claudia Roth während ihre Dienstzeit das Haber-Verfahren angewendet? Warum jetzt diese Empörung, war es damals doch voll ok,

  • "Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Schulhofschläger einmal zu einem netten jungen Mann heranwächst."



    Ein sehr harter verbaler Aufschlag, vielleicht mit Topspin in Form eines echten Kraftwortes, aber der Vergleich des Schulhofes und seiner Gewaltprobleme wurde unlängst bzw früher auch bemüht, u.a. für !Gefährder des Weltfriedens:



    "Stephen Frears im Interview



    „Schulhof-Tyrannen“: Kult-Regisseur analysiert Selbstinszenierung von Trump, Vance und Musk"



    Bei noz.de 2025



    Und ...



    „Putin benimmt sich wie ein Schulhofschläger“



    Bei ovb-online.de bereits 2013



    Damals aber noch:



    "Aus dem heftigen Streit um Snowden habe das Weiße Haus aber Konsequenzen ziehen müssen, heißt es in Washington. „Putin benimmt sich wie ein Schulhofschläger und verdient den Respekt nicht, den er mit einem bilateralen Gipfel erhalten hätte“, sagt der demokratische Senator Charles Schumer. Und US-Außenamtssprecherin Jennifer Psaki betont: „Wir haben keine Angst, klar zu sagen, wo wir unsere Meinungsverschiedenheiten haben.“



    Zumindest der Einfluss des einen Schlägers auf den anderen ist heutzutage international unter Großmächten unverkennbar.



    Das sind aber ganz andere Dimensionen.

  • Kann frauman nehmen - stimmt schon:

    “Bis zur Kenntlichkeit entstellt!“ - Volkers 🫦 -



    Sollte kenntlich bleiben! Wollnichwoll •

  • Einer der grundsätzlich was gegen gedruckte Bücher (und scheinbar auch Buchhandlungen) hat und lieber nur digitale Dokumente (schön einfach manipulierbar) in der Bibliothek bzw. derem Archiv haben möchte ist ja auch an Kultur nicht interessiert. Bösartig interpretiert könnte man das auch als Vorbereitung für eine Machtergreifung rechter Kulturverächter sehen. Dann muss man nicht mehr im Fackelzug zur Bücherverbrennung, sondern der Admin lässt unliebsames Gedankengut einfach spurlos verschwinden.

  • Tja, so ist das wenn man mit Abfragen beim weisungsgebundenen Verfassungsschutz Politik macht. Frau Faeser lässt grüßen.

    • @Nachtsonne:

      Der Verfassungsschutz hat eine Aufgabe.

      Was war die Anweisung, die er erhalten hat, und was war die Antwort?

      Einer demokratisch legitimierten Instanz Weisungsgebunden zu sein ist kein Problem. So sollte das sein (in den Grenzen der Gewaltenteilung).

      Laut Ruthe hat der Verfassungsschutz gar keine Erkenntnisse weitergegeben, sondern nur gesagt, dass es welche gibt:



      tube.funfacts.de/w...3FHYxz?start=7m29s

  • Wir werden solche Art von "Förderung" demnächst viel öfter erleben, nämlich dann, wenn csdU und AgD in einer Koalition zusammenarbeiten. Die Unterschiede sind immer öfter schon jetzt kaum noch unterscheidbar, die Demokratie gefährden die einen ganz sicher, die anderen eher verdeckt...

  • Kunst soll also



    A) politisch



    B) frei von staatlichen Einfluss



    C) staatlich gefördert



    sein?

    Sehen linke das nicht als Wiederspruch?

    Das linke das nicht als Wiederspruch sehen, liegt dies davon dass sie davon profitieren, der politische Gegner aber nicht?

    Würden linke auch dafür sein das z.B. Abtreibungsgegner hierzu kunst machen und diese staatlich alimentiert wird?

    Kann es sein das Weimar nur diese Wiedersprüche aufdeckt?

    • @Tim Hartmann:

      Kunst soll also

      A) politisch sein?



      Kunst muss politisch sein, um in einem Land wie diesem seinen aufklärenden Aufgaben nachzugehen, bevor wieder Bücher verbrannt werden.

      B) frei von staatlichen Einfluss



      Wenn der Staat die Aufklärung verweigert, ja.

      C) Die staatliche Förderung ist nur konsequent, wenn damit die Aufklärung gefördert wird. Dann macht sie Sinn.

      Wie aus dem sehr gut



      geschriebenen Artikel hervorgeht ist der Rechtstrend überdeutlich.



      Man darf nicht zulassen, daß der Kunst, allem voran der linken, die Flügel gestutzt werden! Das hatten wir schon mal!

    • @Tim Hartmann:

      Wie kommen Sie auf die Vorstellung, Rechte würden nicht von Kulturförderung profitieren?

    • @Tim Hartmann:

      Ich sehe da keinen Widerspruch. Der Widerspruch, der durch staatliche Förderung ggf. entsteht, soll durch die Staatsferne und das Fehlen staatlicher Einflüsse ja gerade so gut wie möglich aufgelöst werden.



      Und Kunst *kann*, sie muss natürlich nicht politisch sein. Das ist aber etwas anderes, als der Politik (Parteien/Regierung) oder den Herrschenden (politische/wirtschaftliche "Elite") genehm zu sein.

    • @Tim Hartmann:

      Solange es "ihr" Staat ist, darf er alles.



      Oder Linke gehen von vornweg davon aus, dass mit ihnen ohnehin "kein Staat zu machen" ist und sich somit die Frage der Einmischung nicht stellt.

    • @Tim Hartmann:

      Nein

    • @Tim Hartmann:

      zurück zu den Fakten:



      1. es geht im vorliegenden Fall um die Verleihung eines Preises und nicht um die substanzielle Förderabhängigkeit nahezu jeder nicht oder lediglich begrenzt kommerzieller Aktivität in Zeiten der völligen Kommodifizierung aller Lebensaspekte.



      2. dass ersteres widersprüchlich ist, sollte angesichts der Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse eine Binsenweisheit sein, der mit pseudoautonomem oder hufeisenförmigen Fantastereien kaum beizukommen ist. Noch weniger allerdings mit der „Idee“, einem rechten Kulturkämpfer wie Weimer sei es darum getan, in dieser Sache Aufklärungs- und Aufdeckungsarbeit zu leisten.



      3. was zum Teufel haben die Akivitäten von Buchhandlungen und diejenigen von Abtreibungsgegnern miteinander zu tun? Bizarrer Vergleich