: „Mit Türkisch kann man sehr gut große Gefühle ausdrücken“
Engin Devekiran, Frontmann der Band Engin, hat sich lange vor der türkischen Seite in sich verkrochen. Ein Gespräch über Entfremdung und neu entdeckte Liebe
Von Thomas Winkler (Gespräch) und Piotr Pietrus (Foto)
taz: Herr Devekiran, im Titelsong des neuen Albums Ihrer Band Engin singen Sie: „Almanya, bitte, bitte geh in Therapie.“
Engin Devekiran: Ja, das tue ich.
taz: Nun haben Sie einen Master in Psychologie, Sie sind also Experte. Was ist denn Ihre Diagnose? Woran krankt Deutschland?
Devekiran: Eine Diagnose, muss ich zugeben, habe ich noch nicht gestellt. Mir geht es darum, einen Prozess anzustoßen. Ich will wegkommen von dieser allgemeinen Miesepetrigkeit, die auf alles draufhaut, was ihr nicht passt, aber nix verändern will – und stattdessen lieber Resilienz und Positivität finden. Ich kenne das Gefühl ja selbst sehr gut, der Song ist entstanden nach einer Phase mit zu viel Social-Media- und Nachrichtenkonsum.
taz: In dem Song bescheinigen Sie diesem Land „Frust, Wut, Angst zwischen Çay und Champagner“. Hat Almanya zu viel Angst?
Devekiran: Ja, in Deutschland – und nicht nur da – greift eine Angst vor der Zukunft um sich – und zu viele reagieren darauf mit populistischen Ideen und Gedanken. Wenn ich da nicht Selbstfürsorge betreiben und mich davon abgrenzen würde, könnte ich auch verzweifeln. Aber das ist ja genau das Ziel von populistischen Strömungen, dass Lethargie erzeugt wird, dass das Gefühl aufkommt: Da kann man ja eh nichts machen.
taz: Was hilft Ihnen, rauszukommen aus diesem Gefühl?
Devekiran: Dazu brauchen wir nur ein Konzert zu spielen. Dann sehe ich ein sehr vielfältiges Publikum, das multikulturell ist und altersmäßig divers – und zusammen einen tollen Abend verbringt. Wenn die Menschen zusammenkommen, dann verstehen sie sich auch gut. Aber wenn jeder in seiner Bubble bleibt und es sich in seinen Gewissheiten bequem macht, dann kommt man leicht auf blöde Gedanken.
taz: Wer genau kommt denn zu den Konzerten von Engin?
Devekiran: Das ist eine bunte Mischung, aber es gibt natürlich ganz viel Deutsche mit türkischen Wurzeln. Junge Deutschtürken, die schon in der vierten Generation hier sind. Die bringen auch ihre größeren Geschwister oder Eltern mit und teilweise die Großeltern. Bei uns vor der Bühne stehen aber auch Leute, die frisch aus der Türkei nach Deutschland gekommen und noch mal ganz anders sozialisiert sind als die Deutschtürken. Man könnte sagen, wir haben ein deutsches, europäisch denkendes Publikum, das teilweise türkische Wurzeln hat, und kosmopolitisch unterwegs ist.
taz: Sind Engin eine politische Band?
Devekiran: Tagespolitik ist nicht unser Thema. Aber die politische Haltung steckt in der Sache, allein durch unsere Existenz stehen wir für etwas. Unsere Musik funktioniert nicht, wenn man nicht an demokratische Grundwerte und an Vielfalt glaubt. Und wenn das schon bedeutet, politisch zu sein, dann ist es halt politisch. Die Populisten lehnen alle Einflüsse von außen ab und flüchten in eine völkische Idee von Deutschsein. Dem stehen wir diametral gegenüber. Wir sagen: Eine deutsch-türkische Identität ist auch deutsch. Aber eigentlich stehen wir bloß für ganz basale demokratische Grundwerte.
taz: Bekommen Sie oft Ärger mit den üblichen rechtsnationalen Trolls?
Devekiran: Nicht oft, weil wir Facebook meiden. Einmal bekamen wir einen Shitstorm nach einem Fernsehbeitrag. Das ging dann bis zu: Der kommt auch noch weg. So richtig krasse Sachen.
taz: Macht Ihnen das Angst?
Devekiran: Nein. Für mich, der mit seinen blauen Augen und blonden Haaren selten offensichtlichen Alltagsrassismus erlebt, ist es aber auch noch einfacher. Meine Cousinen machen ganz andere Erfahrungen. Ich finde, es ist noch zu früh, um Angst zu haben, es ist eher die Zeit, aktiv zu sein.
taz: Werden Engin wahrgenommen als Stimme der deutsch-türkischen Minderheit?
Devekiran: Wir sind eine Stimme, die ihren Platz hat neben anderen deutsch-türkischen Stimmen, die aber vor allem aus dem Rap und dem Urban-Pop kommen.
taz: Da stellt sich die Frage: Warum sind Sie nicht Rapper geworden?
Devekiran: Weil ich Gitarre zu sehr liebe. Rap war in Bretten bei Karlsruhe, wo ich aufgewachsen bin, kein so großes Thema wie beispielsweise in Berlin. Ich mochte Wu-Tang-Clan oder die Beastie Boys, aber der deutsche Straßenrap, der damals groß war, Sido, Bushido oder Die Atzen, der war mir zu frauenfeindlich. Ich bin mit Rockmusik groß geworden, mit The Smiths, Arctic Monkeys, The National, ich war ein Indie-Boy und ein Bücherwurm – und habe dann als klassischer Singer-Songwriter meine Musikkarriere begonnen.
taz: Die türkischen Einflüsse, die man heute so deutlich heraushört, gab es damals noch nicht in der Musik von Engin?
Devekiran: Kein bisschen. Ich habe erst sehr spät gemerkt, dass es da einen Teil meiner Identität gibt, dem ich gar keine Beachtung geschenkt habe. Die Frage kam seltsamerweise auch nicht im Psychologie-Studium auf, sondern erst, als ich angefangen habe, an der Pop-Akademie in Mannheim zu studieren.
taz: Warum dort?
Devekiran: Der damalige Leiter hat uns zu Beginn gesagt, ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder seid ihr radikal ihr selbst mit all euren Fehlern und allem, was zu euch dazugehört – dann müsst ihr auch nicht perfekt sein. Oder ihr strebt ein perfektes Pop-Produkt an, aber das ist der schwierigere Weg. Von da an hat sie in mir geschwungen, in mir gegärt, diese Frage: Wer bin ich denn? Ich habe mich also bloß für den richtigen Weg entschieden.
taz: Interessant, dass Sie erst so spät angefangen haben, sich mit Ihrer türkischen Identität zu beschäftigen.
Devekiran: Die einzigen Berührungspunkte zu türkischer Kultur waren mein Vater und die engere Verwandtschaft. Es gibt zwar eine türkische Community in Bretten, aber in die waren wir nicht eingebunden. Als kleines Kind war ich noch zweisprachig, aber irgendwann ist dann bei uns im Alltag nur noch Deutsch gesprochen worden – auch mein Vater spricht ein astreines Badisch.
taz: Sie hatten Türkisch verlernt?
Devekiran: Mein Türkisch wurde dermaßen schlecht, dass ich mich als Jugendlicher geschämt habe, wenn wir im Sommerurlaub zwei Wochen in Istanbul bei den Verwandten waren. Mit 15, 16 Jahren bin ich dann lieber erst gar nicht mehr mitgefahren. Es gab eine innere Entfremdung, ich habe mich regelrecht verkrochen vor der türkischen Seite mir. Die Liebe zur türkischen Sprache habe ich erst durch die Musik wiederentdeckt.
taz: Könnte man sagen, Sie haben diesen klassischen Konflikt, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen, als Jugendlicher einfach weggeschoben?
Der Musiker
Engin Devekiran, Jahrgang 1993, wuchs mit einer deutschen Mutter und einem türkischen Vater in Bretten bei Karlsruhe auf, studierte Psychologie in Heidelberg, Dublin und München, später Musik an der Pop-Akademie in Mannheim, wo er immer noch wohnt.
Die Band
Engin gründeten sich 2021 in Mannheim. Devekiran spielt Gitarre, David Knevels Bass und Jonas Stiegler sitzt am Schlagzeug. Dem Debütalbum „Nacht“ (2023), für das Devekiran noch nahezu ausschließlich Deutsch textete, folgte „Mesafeler“ (2024), auf dem die Indie-Band türkische Rock- und Folk-Klassiker coverte. Für ihr neues Album „Sag mir Almanya“, das am 13. März erscheint, hat die Band sowohl deutsche als auch türkische Songs geschrieben.
Devekiran: Ja, genau. Ich wurde damit auch wenig konfrontiert, weil ich eben nicht typisch aussehe. Erst beim Namen stutzen alle. Du bist Türke, das sieht man dir ja gar nicht an – das habe ich schon Tausende Male gehört.
taz: Wie reagieren Sie dann?
Devekiran: Ich frage zurück, zumindest in Gedanken: Wie sieht ein Türke denn für dich aus? Genau das passiert mir auch in der Türkei. Die sind dann allerdings freudig überrascht, dass ich überhaupt Türkisch spreche. Ich treffe auf sehr viel Wohlwollen in der Türkei – und glaube, es wäre ein Problem, wenn ich vermeintlich typisch türkisch aussehen würde und dann nicht richtig Türkisch kann. Es gibt eine Menge Stereotype in beide Richtungen. Seltsamerweise habe ich aber erst sehr spät gemerkt, dass ich mich in der Schulzeit sowohl hier wie dort fremd gefühlt habe. Ich habe das lange mit mir rumgetragen, ohne dass es mir bewusst war.
taz: Eine Wunde, die vernarbt war?
Devekiran: Ja. Und die dann wieder aufbrechen musste. Ich wusste: Wenn ich mich dafür entscheide, Musiker zu werden, dann muss ich mich fragen, was bringe ich mit in die Welt, was macht mich aus? Und dann ist es halt genau das, was am meisten weh tut, wo man genauer hinschauen muss. Zu diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, mich für türkische Popmusik zu interessieren und bin auf Cem Karaca gestoßen …
taz: … ein berühmter türkischer Musiker, der in den 80er-Jahren im deutschen Exil lebte.
Devekiran: Er hat 1984 ein deutschsprachiges Album gemacht. Als ich dessen Lied „Resimdeki Gözyaşları“, „Die Tränen auf dem Bild“, zum ersten Mal gehört habe, musste ich weinen – obwohl mein Türkisch zu dem Zeitpunkt so schlecht war, dass ich den Text nicht wirklich verstanden habe. Aber ich habe gemerkt: Da steckt ganz viel drin.
taz: Sie haben sich verstanden gefühlt?
Devekiran: Ja. Von da an habe ich mich in den Anadolu-Rock und generell in türkische Popmusik versenkt, habe Klassiker wie Erkin Koray oder Barış Manço entdeckt, aber auch moderne Künstlerinnen wie Gaye Su Akyol. Vor allem habe ich auch gemerkt: Das ist so eine innovative, vorwärtsgedachte Musik, die aber in Deutschland niemand kennt, der keine türkischen Wurzeln hat. Und das wollte ich ändern, und wollte es in unsere Musik einfließen lassen.
taz: Wie wurde das in der Band diskutiert?
Devekiran: Jonas und ich, wir kennen uns schon ewig, seit mehr als 20 Jahren. Der war bei mir zu Hause, der weiß, wo ich herkomme. Und David hat viel in Psychedelia-Bands gespielt, für den war der Anadolu-Rock, der ja sehr psychedelisch sein kann, überhaupt nicht schwer zugänglich. Beide haben sofort gesagt: Du musst das machen, wir müssen das machen. Die haben dann auch angefangen, sich intensiv mit dieser Musik zu beschäftigen.
taz: Es ist verwunderlich, dass Sie diese Musik vorher gar nicht kannten. Haben Ihre Eltern so etwas nicht gehört?
Devekiran: So gut wie nicht. Mein Vater hat klassische türkische Musik und alten deutschen Schlager gehört. Mir war auch wichtig, dass ich einen eigenen Zugang finde, der mit meinem Vater nichts zu tun hat. Ich brauchte das Gefühl, auf eigene Faust etwas zu entdecken, was mir nicht mitgegeben wurde. Dadurch konnte ich es mir mehr zu eigen machen, ich konnte feststellen, wie wunderschön diese Sprache ist, die mir so lange peinlich war. Warum sollte man nicht türkisch singen? Warum sollten nicht türkische Elemente in deutscher Musik auftauchen? Warum sollte das nur Rap vorbehalten sein? Warum muss das immer mit Straße und mit Kiez verknüpft sein? Diese Fragen stellen sich mir heute nicht mehr.
taz: Wenn Sie nun die beiden Kulturen in Ihrer Musik zusammenführen, hat das auch Auswirkungen auf Ihr Seelenleben?
Devekiran: Ich mag die Idee, dass ich durch die Musik einen Teil von mir, der abgespalten war, wieder integrieren konnte – so wie der Anadolu-Rock traditionell türkische Elemente in westliche Rockmusik integriert hat und dabei etwas super Cooles herausgekommen ist. Noch heute, wenn ich diese Musik höre oder sie auch selbst mache, denke ich: Das ist ein Weg der interkulturellen, aber auch der eigenen Heilung.
taz: Was sagt der Psychologie-Master dazu?
Devekiran: Der sagt, da wurde ein Identitätskonflikt aufgelöst. Ein Konflikt, den ich zwar lange nicht bemerkt habe, aber unter dem ich trotzdem gelitten habe. Ich hatte immer ein Gefühl, irgendwas ist mangelhaft an mir. Was ist dieser Teil von mir, der sich so fremd anfühlt? Diesen türkischen Teil habe ich weggeschoben, weil es mich angestrengt hat, weil es mich immer wieder in Konflikt gebracht hat.
taz: Ist dieser Konflikt gelöst? Können Sie die Frage nach Heimat heute einfach beantworten?
Devekiran: Zumindest gefühlt habe ich das Thema für mich geklärt. Meine Heimat war auf jeden Fall immer Deutschland, aber ich habe jetzt eine zweite Heimat. Wenn ich in Istanbul durch die Straßen laufe, dann fühle ich mich nicht mehr wie ein Tourist, sondern gehöre da hin.
taz: Auf dem neuen Album gibt es beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander. Wie entscheiden Sie, für welches Lied Sie einen türkischen und für welches Sie einen deutschen Text schreiben?
Devekiran: Wir starten oft so, dass wir zusammen jammen. Wir machen Musik, versuchen uns eine Songstruktur zu erspielen. Und der Song gibt es dann irgendwann vor.
taz: Was macht die Sprachen jeweils aus?
Devekiran: Türkisch ist weicher, eine Sprache, mit der man sehr gut große Gefühle ausdrücken kann. Das war sehr befreiend für mich. Wenn man Deutsch textet, gibt es oft den Moment: Nee, das klingt jetzt peinlich. Dieses Gefühl gibt es, wenn man Türkisch textet, eigentlich nicht. Türkische Songtexte bersten vor Schmerz und Liebesbekundungen, da ist zu viel gerade gut genug. Dagegen ist Deutsch sehr viel nüchterner, aber wenn man Lust hat auf längere Wortstafetten, wenn die harten Konsonanten das Gefühl der Musik treffen, dann ist Deutsch die richtige Sprache.
taz: War es für Sie eine Überwindung, auf Türkisch zu texten?
Devekiran: Ich hatte schon Schiss. Das klingt doch so, als ob ein Deutscher versucht, sich auf Türkisch auszudrücken, dachte ich. Aber dann habe ich mir gesagt: Ja, das ist so. Das bist ja du. Das gehört zu dir. Es kann zwar sein, dass es Leute doof finden, aber so ist es halt echt. Ich habe auch türkische Muttersprachler gefragt: Ist das gut oder ist es seltsam? Und die Antwort war meist: Ja, es ist seltsam, aber deswegen gerade gut.
taz: Sie haben schon gesagt, dass sich Deutsche kaum für türkische Kultur interessieren. Ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft ignorant?
Devekiran: Ignorant ist mir ein bisschen zu vorwurfsvoll. Ich werfe es der deutschen Gesellschaft nicht vor, ich war ja selber lange genug ignorant. Aber ich sehe es jetzt als meine Aufgabe, eine Projektionsfläche anzubieten für Menschen, die sonst nicht die Chance haben, deutsch-türkische Kultur zu entdecken. Wenn biodeutsches Publikum auf unsere Konzerte kommt, dann ist das manchmal deren erster Kontakt mit türkischer Musik. Die sagen dann: Ich wusste gar nicht, dass das so sein kann. Ich habe immer gedacht, das ist irgendwie anders. Warum? Weil, wenn im Fernsehen Istanbul auftaucht, dann kommt einer von diesen zwei Songs von Tarkan, stark ornamentiert, ganz viel Perkussion und immer ein bisschen drüber. Diese Exotisierung habe ich immer gehasst. Lieber will ich den Leuten zeigen: Es gibt was ganz anderes.
Thomas Winkler ist 60 Jahre alt und fragt sich, warum Cem Karaca so lange an ihm vorbei gegangen ist.
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