Jeffrey Epstein und die Folgen: Mit Aufklärung hat das nichts zu tun
Die Epstein Files sollten Fakten liefern, doch bislang bringen sie vor allem Verschwörungstheorien hervor. Und die Opfer leiden erneut.
F ast hatte man ihn vergessen, doch mit der Veröffentlichung der Epstein Files ist er zurück: Verschwörungserzähler Xavier Naidoo. Eigentlich hatte er sich ja von „rechten und verschwörerischen“ Gruppen distanziert, doch vor wenigen Wochen faselte er vor dem Kanzleramt dann wieder etwas von „Menschenfressern“ und „embryonalem Gewürzmittel“. Und damit nicht genug, für den Samstag ruft er zur Demo zur „Aufklärung möglicher deutscher Verbindungen im Epstein-Komplex“ in Berlin auf. Eine noch größere Bühne für seine Theorien.
Armer Irrer, möchte man meinen. Doch Naidoo ist mit seinen Theorien zu satanischem Kindesmissbrauch nicht allein. Seit immer mehr Informationen zu Epsteins Netzwerk der sexuellen Ausbeutung bekannt werden, mehren sich die Stimmen, die dem Verschwörer beipflichten. Hatte er also doch die ganze Zeit recht, heißt es dann.
Doch Xavier Naidoo hatte nicht recht. Seine Theorien fallen nur mittlerweile auf einen fruchtbareren Boden.
Ende Januar hatte das US-Justizministerium Millionen Akten zum Missbrauchsnetzwerk veröffentlicht. Auf Druck aus der Politik, aber auch nach Forderungen der „Survivor Sisters“. Eine Gruppe von Überlebenden, die für sich und stellvertretend für 1.000 weitere Opfer des Epstein-Netzwerkes die vollständige Freigabe der Akten forderten: „Because she deserves the truth“.
Unsortiert, ohne Kontext
Doch statt der Wahrheit gibt es bislang nur eine Flut an Daten: Millionen Seiten aus E-Mails, Notizen und Rechnungen, abertausende Fotos und Videos. Unsortiert, ohne Kontext und stark lückenhaft. Mutmaßlich wichtige Informationen, wie Namen von Tätern, sind geschwärzt; sensible Informationen der Betroffenen dagegen standen offen im Netz. Wie gefährlich diese dilettantische Veröffentlichung ist, zeigt sich heute auf verschiedenen Ebenen.
Einige der Betroffenen werden noch einmal Opfer. Ohne dass sie es wollten, wurden ihre Namen, ihre Fotos, ihre Adressen und Telefonnummern für alle einsehbar hochgeladen. Zu den Folgen gehören: Stalking, Belästigungen und Todesdrohungen. Und ihre Hoffnung, dass die Files endlich aus Verdachtsmomenten Beweise werden lassen, wurden bislang auch enttäuscht.
Das liegt am Fall selbst: Es geraten so verstörende Verbrechen ans Tageslicht, dass manche Verschwörungstheorie harmlos dagegen erscheint: Ein internationales Netzwerk aus mächtigen Männern, das über Jahre hinweg Mädchen und Frauen angeworben, ausgebeutet und missbraucht hat. Dazu kommt, dass wir bislang nur einen Bruchteil von dem wissen, was wirklich passiert ist. In den Akten sind die Informationen lückenhaft, Belege fehlen, sind geschwärzt oder in Codes formuliert. Das lässt Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien.
Seit Wochen durchsucht die Weltöffentlichkeit nun die fragmentarischen Dokumente, um dabei ihre ganz eigene Wahrheit zu finden. Hobbydetektivinnen, Neugierige und MAGA-Anhänger: Sie alle wollen den nächsten großen Scoop landen. Sie suchen nach Namen und Schlagworten, interpretieren jeden Code, um den Beleg zu finden, der am besten ins Weltbild passt. So wird jedes kontextlose Auftauchen eines Namens oder eines Fotos als Beweis für eine Täterschaft herangezogen. Und QAnon-Anhänger, wie Naidoo, sehen den Beweis, dass eine geheime globale Elite das Blut von Kindern trinkt und alle Strippen zieht.
Belastbare Quellen neben wilden Interpretationen
Gleichzeitig gibt es durchaus seriöse Berichterstattung, die Wirkung zeigt. Zuletzt führten die Recherchen der New York Times, dazu, dass weitere Daten veröffentlicht wurden, die Trump belasten könnten. In New Mexico wird die „Zorro Ranch“, ein früheres Anwesen von Epstein, durchsucht. Es gibt Hinweise, dass Opfer dorthin entführt wurden. Und in Polen wurden nun offizielle Ermittlungen eingeleitet wegen mutmaßlichen Menschenhandels. Dort sollen Mädchen und Frauen angeworben und sexuell ausgebeutet worden sein.
Doch die aufwändigen Recherchen und belastbaren Quellen stehen neben wilden Interpretationen und KI-Collagen im Netz. Es ist eine unkontrollierbare Flut aus Informationen, Geraune und gezielten Desinformationen. Und die Bevölkerung kann dabei längst nicht mehr auseinanderhalten, was ein Fakt, was ein ungeprüfter Hinweis und was eine Verschwörung ist. Mit Aufklärung hat das nichts zu tun.
In einer langsameren Welt hätten Journalist_innen die Chance, ohne Zeitdruck ihrer Aufgabe als vierter Gewalt nachzukommen. Die Presse könnte in Ruhe Daten sortieren und auswerten, um dann mit ihren Rechercheergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. So könnten die Daten echte Aufklärung mit sich bringen. Doch so funktioniert unsere digitalisierte Welt schon lange nicht mehr.
Die Epstein Files zeigen in extremer Form, wohin fehlendes Gatekeeping und mangelnde Medienkompetenz sowie der Vertrauensverlust in die etablierten Medien uns führen können. Journalist_innen sehen sich im Wettstreit mit Hobbydetektiven und Verschwörerinnen, um Fakten und Wahrheit. Medien müssten schneller, lauter und sorgfältiger sein als die restlichen Stimmen. Aber wie sollen sie gegen das große Geraune ankommen? Es ist ein Kampf, den sie nur schwer gewinnen können.
Doch die größten Verliererinnen bleiben all diejenigen, die Opfer von Jeffrey Epstein und seinem Netzwerk geworden sind. Sie haben Aufklärung verdient und drohen nun in einer Flut aus Spekulationen unsichtbar zu werden.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert