: Erst Autobahn, dann Arzt
Ungewollt Schwangere müssen kreuz und quer durch Europa reisen. Die Initiative „My Voice, My Choice“ hat eine neue Idee, mit der sich die EU-Kommission nun befassen muss
Aus Warschau, Berlin, Dresden, Leipzig Laurie Stührenberg und Nikola Budzińska
Als der Test positiv anschlägt, sitzt K. im Bad und beginnt zu weinen. Ungewollt schwanger, in Polen, dem Land mit den schärfsten Abtreibungsregeln in ganz Europa. In der kleinen Stadt Hel auf einer Halbinsel in der Danziger Bucht, in der K. lebt, gibt es weder allgemeine Krankenhäuser noch spezialisierte Kliniken. Und selbst wenn, hätte das K. auch nicht geholfen. Denn hier sind Schwangerschaftsabbrüche seit einem Urteil von 2020 nur noch nach einer Vergewaltigung oder Inzest erlaubt oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Ein Jahr später, 2021, schaut K. auf den positiven Teststreifen in ihrer Hand. Sie hat Angst.
Abtreibungen sind ein gesellschaftliches Tabu und seit der Gesetzeänderung gab es nicht nur die größten Proteste, die Polen seit Langem gesehen hat – mehrere Schwangere mussten sterben, weil Ärzt:innen nicht sicher waren, ob sie einen Abbruch durchführen dürfen. Wer Menschen hilft, an Tabletten für eine Abtreibung zu kommen, dem drohen bis zu drei Jahre Gefängnis. Es gibt Frauen, die deshalb bereits vor Gericht standen. Und andere Frauen, die für ihren Abbruch ins Ausland reisen mussten.
„Ich wusste damals nicht, dass ich Optionen hatte“, sagt K., die ihren Namen nicht nennen will. Schließlich erzählt sie ihrer Tante von ihrer ungewollten Schwangerschaft, die das an die Großmutter weitergibt und die wiederum an K.s Mutter. Die erschrickt, aber ergreift Initiative. „Sie sagte: ‚Ich glaube, wir müssen ins Krankenhaus‘“, erzählt K. „Da fiel mir ein Stein vom Herzen.“ Auch K.s Mutter habe gewusst, dass sie in Polen nicht weit kommen würden. Eine Freundin sei für einen Abbruch nach Tschechien gefahren, also wählen sie die Nummer einer Klinik im Nachbarland. Am Telefon antwortet man auf Polnisch: 2.000 Złoty, umgerechnet etwa 470 Euro, soll der Eingriff kosten. Viel Geld bei einem durchschnittlichen polnischen Gehalt von 1.288 Euro.
Kurz darauf steigen K. und ihre Mutter ins Auto. Von der kleinen Stadt Hel ganz im Norden fahren sie viele Stunden Richtung Süden nach Tschechien. Nach einer unruhigen Nacht im polnischen Ort Radom erreichen sie das Krankenhaus. In welchem Ort es liegt, sagt sie nicht. Nach ihrer Ankunft stellt K. sich in die Reihe der Frauen, die auf einen Abbruch warten. Ein Arzt zeigt ihr auf dem Ultraschallbild, dass sie in der siebten oder achten Woche ist. Dann schlüpft K. in ein Hemd und geht in den Operationssaal. Wieder laufen ihr die Tränen. Krankenschwestern tätscheln ihr den Kopf. „Sie sagten mir: ‚Sonnenschein, alles wird gut, gleich wird alles gut‘“, erzählt K. „Sie waren sehr einfühlsam und das hat mir sicherlich geholfen.“ Das Nächste, woran sie sich erinnert, ist, wie sie nach dem Aufwachen nach ihrer Mutter ruft.
Zurück in Polen hält sie geheim, weshalb sie in Tschechien war. „Meine Freunde fragten mich, ob es Spaß gemacht habe“, sagt K. und schüttelt den Kopf. Kein Wort über die Schwangerschaft, kein Wort über die Reise in die Klinik, über die Abtreibung. „Niemand wusste davon. Ich habe befürchtet, es würde schlecht aufgenommen werden.“
Dabei geht es vielen Frauen in Polen wie K. Die offizielle Statistik für 2024 weist 896 Schwangerschaftsabbrüche in Krankenhäusern aus. Diese Zahl bildet jedoch nur einen Bruchteil der Realität ab. Das Netzwerk Abortion without Borders geht davon aus, dass trotz des Quasiverbots allein im Jahr 2024 knapp 180.000 Abbrüche in Polen stattgefunden haben, ein großer Teil davon medikamentös, also mit Tabletten.
„Frauen können nicht in diejenigen unterteilt werden, die Abtreibungen vornehmen lassen, und diejenigen, die Babys bekommen“, sagt Kinga Jelińska. „Wir sind dieselben Menschen.“ Jelińska ist treibende Kraft in der Organisation Women Help Women. Sie spricht schnell, auf ihrem Pullover lächeln sich zwei Smileys an. Miso und Mife – Misoprostol und Mifepriston –, die beiden Medikamente, die weltweit genutzt werden, sind über ihre Organisation mit Sitz in den Niederlanden erhältlich, nachdem man eine Onlinekonsultation durchgeführt hat. „Wir bekommen mehr Anfragen von dort, wo das System repressiver und frauenfeindlicher ist“, sagt Jelińska. „Ich glaube, im letzten Jahr waren es etwa 40.000 Menschen, die uns geschrieben haben. Hunderttausende von E-Mails.“
Jelińska und ihr Team verschicken die Pillen per Post und begleiten die ungewollt Schwangeren digital durch den Prozess. Dieses telemedizinische Vorgehen ist in den Niederlanden möglich. Abbrüche sind hier je nach Zeitpunkt der Empfängnis bis zur 24. Woche erlaubt und die Hürden niedrig. Die obligatorische Wartezeit von fünf Tagen zwischen dem ersten Klinikbesuch und dem Eingriff wurde hier abgeschafft.
Für Jelińska kein Grund zur Zufriedenheit. In ihrer Stimme liegt ein Hauch Wut. „Es gibt diesen großen Mythos, dass westeuropäische Länder gute Abtreibungsgesetze haben, obwohl das eigentlich nicht stimmt.“
Europa ist bei Regeln für Schwangerschaftsabbrüche ein Flickenteppich. In vielen Ländern steht er im Strafgesetzbuch. Auch in Deutschland: Nach Paragraf 218 ist er rechtswidrig, bleibt aber in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn vorher eine verpflichtende Beratung mit dreitägiger Wartezeit erfolgt ist. Kostenpunkt: rund 600 Euro.
Die Initiative „My Voice, My Choice“ schlägt einen europaweiten Solidaritätsmechanismus vor: EU-Mitgliedstaaten, die für diejenigen Schwangerschaftsabbrüche ermöglichen, die in ihrem Land keinen Zugang haben, könnten dafür finanzielle Unterstützung der EU erhalten. Diese Forderung haben 1,2 Millionen Menschen unterschrieben, sie wurden am 1. September 2025 bei der EU-Kommission eingereicht. Das Europäische Parlament signalisierte im Dezember 2025 seine Unterstützung; die Kommission muss Ende Februar, Anfang März entscheiden, inwiefern sie den Vorschlägen rechtlich folgen will. Wenig überraschend versucht die extreme Rechte, Maßnahmen der Kommission zu blockieren, und betont, Gesundheitspolitik sei Sache der Mitgliedstaaten.
Selbstbestimmung hängt vom Wohnort ab. Viele Regionen innerhalb Deutschlands, vor allem im Süden, sind unterversorgt. Und zwischen EU-Ländern variieren etwa die Fristen stark: In Frankreich, Luxemburg, Spanien und Rumänien ist ein Abbruch bis zur 14. Woche erlaubt, in Schweden, Norwegen und Dänemark bis zur 18., in Island bis zur 22. Woche.
„Auf welcher Grundlage wird das festgelegt?“, fragt Jelińska. „Welches gesellschaftliche Werturteil vermittelt man damit?“ Sie gibt die Antwort selbst: „Nämlich, dass bestimmte Schwangerschaftsabbrüche als legitim gelten, andere hingegen als moralisch problematisch.“
Jelińska ist Mitgründerin der Organisation Abortion Dream Team (Aborcyjny Dream Team), einer polnischen Initiative, die Menschen in Polen unterstützt, die Abtreibungen benötigen. Allein im letzten Jahr hat Abortion Dream Team 44.000 ungewollt Schwangeren in Polen geholfen. Am internationalen Frauentag, dem 8. März 2025, öffnete die Organisation in Polen die erste öffentlich sichtbare Anlaufstelle für ungewollt Schwangere ihre Türen: Abotak. Das ist ein Wortspiel aus „abo“ (kurz für „aborcja“, was Abtreibung heißt) und aus „tak“ („ja“), also „Ja zur Abtreibung“. Das kleine Ladenlokal mit dem bunten Schaufenster direkt gegenüber vom Warschauer Parlament wirkt wie ein Farbklecks im regnerischen Grau. Ausgerechnet hier hat sich eine für Polen neue Form des zivilen Widerstands gebildet.
„Wenn jede dritte Person mit Gebärmutter in ihrem Leben eine Schwangerschaft abbricht, warum sollte das Thema nicht auch auf der Straße vorkommen?“, sagt Zośka. Die 32-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren für reproduktive Rechte und arbeitet regelmäßig in dem kleinen Abotak-Lokal. „Wir wollen hier einen Raum bieten, indem man sich über Abtreibungen informieren kann und in dem eine Gemeinschaft aus Menschen entsteht, die sich gegenseitig unterstützen.“
Kinga Jelińska, Organisation Women Help Women
Im vorderen Teil des Ladens liegen Merch, Kleidung, Poster und Infoartikel aus, im hinteren gibt es einen kleinen Raum, warmes Licht, ein weiches Sofa. Ungewollt Schwangere, die sich selbstständig Abtreibungspillen besorgt haben, aber diese nicht allein zu Hause einnehmen wollen, können hierherkommen und auf dem samtigen Polster Platz nehmen. Zośka und andere aus dem Abotak-Team beantworten Fragen und kümmern sich um die Hilfesuchenden.
„Was wir hier tun, ist in keinster Weise illegal“, sagt Zośka. Es handele sich um eine Grauzone: „Weil man laut polnischem Recht Abtreibungspillen kaufen darf, solange man sie aus einer legalen Quelle bezieht. Man darf sie für den eigenen Gebrauch besitzen und einnehmen.“ Mit anderen Worten: Solange ungewollt Schwangere sich komplett allein um die Medikamente kümmern, gerät niemand in rechtliche Schwierigkeiten. Aber: „Menschen, die ihnen dabei helfen, können Probleme bekommen“, sagt Zośka.
An einem Novembernachmittag steht vor der Tür des kleinen Ladenlokals von Abotak die Polizei. Die Beamten spannen Absperrband über den Bürgersteig, weil sich dort eine kleine Gruppe Demonstrierender in roten Regencapes versammelt hat. Sie sind von „Leben und Familie“ (Fundacja Życie i Rodzina), eine konservative, katholisch geprägte Stiftung, die sich für ein umfassendes Abtreibungsverbot einsetzt. Auf Nachfrage wollen die Demonstrierenden aber nicht sagen, was sie heute vorhaben.
Innerhalb von wenigen Minuten bauen sie ein großes Banner vor dem Fenster von Abotak auf, das das Licht von außen abschirmt und den kleinen Verkaufsraum verdunkelt. Statt des Novemberhimmels ist vor dem Fenster nun eine riesige Gebärmutter voller Blut zu sehen. Daneben ein Plastikaufsteller einer lebensgroßen Maria, Rosenkränzen, Fahnen, ein Lautsprecher und Mikrofone. Die Demonstrierenden beginnen, das Vaterunser zu beten.
„Der Protest ist heute ziemlich ruhig – wir haben schon Schlimmeres erlebt“, sagt Natalia Broniarczyk, Gründungsmitglied von Abotak und Abortion Dream Team. Die zentrale Lage und die Kameraüberwachung aufgrund der Nähe zum Parlament schützten das Zentrum zumindest ein Stück weit davor, noch massiver attackiert zu werden. Tatsächlich seien frühere Demonstrationen deutlich heftiger ausgefallen. Einmal brachten die Stiftungsmitglieder von „Leben und Familie“ eine nackte Babypuppe mit, die sie mit roter Farbe eingeschmiert hatten. An anderen Tagen hätten sie Buttersäure vor dem Eingang verteilt, ranzig und reizend für Augen und Atemwege. Dass diese Aktionen Schwangere davon abhalten, sich an Demonstrierenden und Polizei vorbeizumanövrieren, um Unterstützung bei Abotak zu suchen, ist wenig verwunderlich.
Die Proteste vor Abotak seien Teil eines besonders aggressiven antifeministischen Backlash, der von den USA nach Europa schwappt, sagt Broniarczyk. Zugleich internationalisiert sich die Unterstützung für ungewollt Schwangere: Abotak, Abortion Dream Team und Women Help Women arbeiten eng zusammen, vermitteln über Grenzen hinweg und lotsen Frauen an rechtlichen Hürden vorbei.
Täglich erhielten etwa sieben Frauen aus Polen Hilfe von Abortion Without Borders, um einen Abbruch im liberaleren Ausland vornehmen zu lassen. Die meisten gingen nach Tschechien, wie K. aus der kleinen Stadt Hel, aber auch in die Niederlande, nach Frankreich, Belgien, Großbritannien oder Deutschland.
Auch in Deutschland ist eine inoffizielle Infrastruktur entstanden, die grenzüberschreitend unterstützt: In Berlin hilft Ciocia Basia, in Leipzig Kumpela, in Dresden Kuzynka Drezno.
Marysia
Ania und Elena, die eigentlich anders heißen, sind keine Ärzt:innen – was sie in Dresden anbieten, ist etwas anderes: Sprache, Zeit und Präsenz. Sie erhalten Anfragen aus Polen, organisieren die Trips, begleiten die Frauen zu Terminen in Deutschland, übersetzen – oder haben einfach ein offenes Ohr. „Ich mache das, weil ich es kann“, sagt Ania. Sie kommt ursprünglich aus dem Osten Polens, spricht Deutsch und Polnisch – ein Privileg, das sie bewusst nutzen möchte. Oft begleitet sie die Frauen Schritt für Schritt: „Schwangerschaftskonfliktgespräch“, Ultraschall, Aufklärung, Tabletten. Sie seien da, wenn jemand bei all dem nicht allein sein will. „Und dann kommt oft dieser Moment der Erleichterung“, sagt Elena. „Oft sieht man ihn richtig im Körper.“
Kuzynka Dreznos Arbeit klingt pragmatisch, selbstverständlich, beinahe unspektakulär. Und doch geht es um viel: darum, nicht allein zu sein, wenn Entscheidungen viel kosten können – emotional, organisatorisch, aber vor allem finanziell.
Bei Kumpela in Leipzig ist Geld auch ein zentrales Thema, sagen Motte und Zofia, die eigentlich anders heißen. Denn Betroffene zahlen meist selbst: Die Versicherung übernimmt die Kosten in der Regel nicht, ein Anspruch auf Freistellung von der Arbeit fehlt, dazu kommen Fahrt- und Übernachtungskosten. Um Spenden zu sammeln, organisiert Kumpela zum Beispiel Filmabende und baut ein Unterstützungsnetz auf, über das etwa Schlafplätze besorgt werden können. „Wir wollen das sichtbar machen – und dafür sorgen, dass niemand allein ist“, sagt Motte. Viele brächten vor allem Scham mit, sagt Zofia. „Die rechtliche Ebene ist das eine. Die gesellschaftliche Erzählung zu verändern, das andere.“
Dass ein Schwangerschaftsabbruch nicht nur eine persönliche, sondern auch eine strukturelle Frage ist, zeigt sich auch in Deutschland: Lange Wege zu Kliniken, organisatorischer Aufwand, Wartezeiten und Kosten sind laut Elsa‑Studie („Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer – Angebote der Beratung und Versorgung“) große Barrieren. Kerstin Augener kennt das aus der Praxis. Sie leitet das Familienplanungszentrum Balance in Berlin und hält einmal in der Woche Operationstermine für polnische Patient:innen frei, die über die Berliner Organisation Ciosia Basia zu ihr kommen.
„Die Wahlmöglichkeit ist deutlich eingeschränkt, wenn man erstens weit weg ist und zweitens weniger Geld hat“, sagt sie. Augener beschreibt, dass Frauen oft aus Kostengründen zunächst versuchen, Medikamente selbst zu besorgen, dann aber zu lange warten und schließlich mit fortgeschrittener Schwangerschaft oder nach einem gescheiterten Abbruch zu ihr kämen. „Bei der Patientin heute hat es vier Wochen gedauert, bis sie die Medikamente hatte“, sagt Augener. Wenn es nach der Patientin gegangen wäre, hätte der Abbruch schon in Woche 7 stattgefunden – so wurde es Woche 12 und eine Operation. Hintergrund ist, dass Abbrüche in Deutschland nur bis zum Ende der 9. Woche medikamentös durchgeführt werden können. In anderen Ländern kommen die Medikamente länger zum Einsatz. Laut dem British Pregnancy Advisory Service erhöhten sich zwar Risiken wie Krämpfe, doch könnten die Tabletten durchaus bis zur 24 Woche genutzt werden.
Ihren Patient:innen rät Augener normalerweise, zu einer Nachuntersuchung zu kommen – das sei für viele Pol:innen aber keine Option. Sie hätten oft Sorge, dass im Nachhinein in Polen jemand herausfindet, dass sie abgetrieben haben. Sofern keine Komplikationen aufträten, sei die Nachuntersuchung auch kein Muss, so Augener. Darüber hinaus sei nach einem Abbruch allerdings nicht nachweisbar, ob die Schwangerschaft intakt war oder ob etwa eine Fehlgeburt stattgefunden habe. Um die Situation für Menschen aus Polen auch in Deutschland zu verbessern, schlägt Augener konkret vor, „dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr illegal sind, dass sie nicht mehr im Strafgesetzbuch stehen und dass die Beratungsregel wegfällt“. Wenn Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr verboten wären, könnte man sie auch als Krankenkassenleistung aufnehmen.
Der Konflikt, der sich auf dem Gehweg vor Abotak abspielt, ist ein Konflikt um Zugänge und Hindernisse – und kein Einzelfall. Er ist Teil der Debatte, die weltweit und auch in der EU geführt wird.
Gegen die vielen Barrieren für ungewollt Schwangere hat sich europaweit Protest formiert: Die Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ fordert EU-weit sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, unabhängig von nationalen Gesetzen. Über eine Million Menschen unterstützen sie, und das Europäische Parlament signalisierte im Dezember 2025 mit klarer Mehrheit seine Zustimmung für einen freiwilligen Solidaritätsmechanismus mit finanzieller Hilfe für Abbrüche in anderen Staaten. Hilfe für Abbrüche in anderen Staaten – in Form einer politischen Entschließung, nicht eines Gesetzes. Nun ist die Kommission am Zug: Sie muss innerhalb von 6 Monaten, also bis Ende Februar, offiziell darlegen, welche Maßnahmen sie ergreifen will.
Global ist das eindeutiger: Aus Sicht der WHO gehören sichere Schwangerschaftsabbrüche zur öffentlichen Gesundheit und zu reproduktiven Rechten – und Einschränkungen des Zugangs erhöhen das Risiko für gefährliche Abbrüche. Weltweit finden jedes Jahr schätzungsweise 25 Millionen unsichere Abtreibungen statt, jede fünfte davon führt zu einer Krankenhauseinweisung wegen Komplikationen, in jährlich schätzungsweise 29.000 Fällen endet sie tödlich.
„Bevor ich meine Entscheidung getroffen habe, habe ich selbst nach Geschichten wie dieser gesucht“, sagt Marysia. „Deshalb habe ich beschlossen, meine eigene zu erzählen.“ Die 31-Jährige lebt in der Woiwodschaft Łódź, einer zentral gelegenen Verwaltungsregion Polens mit über 60 allgemeinen Krankenhäusern. In einem davon wurde im Jahr 1969 das allererste Mal in ganz Polen ein Herz transplantiert. Einst ein Ort modernster Medizin, werden auch hier seit dem Inkrafttreten des stark verschärften Abtreibungsgesetzes praktisch keine Schwangerschaftsabbrüche mehr durchgeführt. Die Organisation Łódzkie Dziewuchy Dziewuchom hat hier im Jahr 2024 gerade einmal 88 Abtreibungen dokumentiert.
„Meine Schwangerschaft war von Anfang an gewollt“, erzählt sie. „Das dachte ich jedenfalls zu Beginn.“ Aber mitten in der 19. Schwangerschaftswoche stand sie plötzlich allein da: ohne Partner, ohne Job, ohne eigene Wohnung – und habe plötzlich alles wie durch einen Nebel gesehen. „Alles sagte mir, dass ich kein Kind auf die Welt bringen kann, für das ich nicht einmal die Grundbedürfnisse sichern kann“, sagt Marysia. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“
Marysia kontaktierte das Abortion Network Amsterdam – und war überrascht von so viel Verständnis und Unterstützung durch völlig Fremde. „Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, damit nicht allein zu sein.“ Mit ihrer Hilfe reiste sie zu einer Klinik nach Heemstede in den Niederlanden. Das medizinische Zentrum sei professionell und menschlich gewesen, erzählt sie. Unterstützung kam nicht nur von Fachkräften, sondern auch von anderen ungewollt Schwangeren aus Polen, Frankreich und den Niederlanden. „Obwohl wir uns kaum verstanden, gaben uns ein Lächeln oder eine kurze Unterhaltung unglaubliche Kraft.“
Sie erinnert sich an die Tabletten, leichten Krämpfe, Schüttelfrost – „Es war nicht schlimm, ich hatte schon stärkere Schmerzen bei meiner Periode.“ Nach der Behandlung wachte sie auf, bekam Essen, Trinken und durfte sich ausruhen. Sie spürte: Sie hatte die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen.
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