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Höcke-Auftritt in DüsseldorfTausende kommen zum Gegenprotest

Tausende gehen in Düsseldorf gegen Auftritte des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke auf die Straße. Der will im parteiinternen Machtkampf den rechtsextremen Flügel stärken.

Protestaktion in Düsseldorf gegen den Auftritt des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke am 23.02.2026 Foto: Federico Gambarini/picture alliance

Aus Düsseldorf

Andreas Wyputta

Mehr als 10.000 Menschen haben am Sonntag und am Montag in Nordrhein-Westfalen gegen Auftritte des rechtsextremen AfD-Politikers Björn Höcke demonstriert. Allein im migrantisch geprägten Düsseldorfer Vorort Garath schätzte die Polizei die Zahl der Teilnehmenden am frühen Montagabend auf rund 7.000. Von einer Bühne der Protestierenden war die Zahl 10.000 zu hören.

Zuvor hatten sich am Sonntag rund 3.300 Menschen dem Fraktionsvorsitzenden der AfD im Landtag von Thüringen entgegengestellt, der wegen der Verwendung der nationalsozialistischen Parole „Alles für Deutschland“ zweimal rechtskräftig verurteilt wurde. Die Formulierung war Leitspruch von Hitlers Sturmabteilung SA. „Björn Höcke ist ein Nazi“ war deshalb in Düsseldorf auf Plakaten von Demonstrierenden zu lesen.

„Gegen Rechtsruck, Rassismus und rechte Gewalt“ oder schlicht „Keine Böcke auf B. Höcke“ stand auf anderen – und „AfD-Verbot jetzt“. In NRW hat eine Initiative, die von der schwarz-grünen Landesregierung die Einleitung eines Parteiverbotsverfahrens über den Bundesrat fordert, innerhalb von 17 Tagen bereits knapp 38.000 Unterschriften gesammelt.

In Garath sei „kein Platz für Faschismus, kein Platz für Hass“, erklärte die DGB-Geschäftsführerin der Landeshauptstadt, Sigrid Wolf, bei der Auftaktkundgebung der Initiative „Düsseldorf stellt sich quer“. „Wir lassen nicht zu, dass rechtsextreme Ideologien mehrheitsfähig werden“, erklärte die Gewerkschafterin. „Wir sind mehr“, rief Wolf nicht nur mit Blick auf die rund 400 AfD-Anhänger:innen, die den Auftritt des Rechtsextremen im städtischen Kulturhaus Süd sehen wollten.

Parteiinterner Machtkampf

Der Veranstaltungsort wurde von den Demonstrierenden fast vollständig umringt. Höcke konnte das Gebäude um kurz nach 19 Uhr deshalb nur unter massivem Polizeischutz und mit leichter Verspätung betreten. Bereits am Sonntag hatte der Thüringer AfD-Landesvorsitzende die Externsteine im Kreis Lippe im Osten Nordrhein-Westfalens besucht, die im Nationalsozialismus zur völkischen Kultstätte erklärt worden waren. Eine eigentlich geplante Visite des an einen germanischen Fürsten erinnernden Hermannsdenkmal war an rund 350 Ge­gen­de­mons­tran­t:in­nen gescheitert.

In Garath ist kein Platz für Faschismus, kein Platz für Hass

Sigrid Wolf, DGB-Geschäftsführerin

Hintergrund der Tour des Rechtsextemen durch das mir rund 18 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen ist ein parteiinterner Machtkampf im NRW-Landesverband der AfD. Denn beim am 7. und 8. März anstehenden Landesparteitag muss der amtierende, für AfD-Verhältnisse als gemäßigt geltende Landesvorsitzende Martin Vincentz um seine Wiederwahl bangen. Höckes ultrarechter Parteiflügel hat die beiden Bundestagsabgeordneten Christian Zaum und Fabian Jacobi in Stellung gebracht, die als Doppelspitze gegen Vincentz antreten wollen.

Als Strippenzieher hinter den Kandidaturen gilt der Dortmunder AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, der sich selbst – angeblich ironisch – als das „freundliche Gesicht des NS“ bezeichnet hat. Landesparteichef Vincentz hatte den Rechtsanwalt Helferich im vergangenen Sommer wegen völkischer Tendenzen aus dem AfD-Landesverband werfen lassen, nachdem dieser etwa Mi­gran­t:in­nen in Social-Media-Posts pauschal als „Viecher“ beleidigt hatte. Helferich, der weiter Teil der AfD-Bundestagsfraktion ist, geht vor dem Bundesschiedsgericht der Partei gegen seinen Rauswurf vor – hat aber aktuell keine Mitgliederrechte.

Bei der als „Neujahrempfang“ der AfD-Ratsfraktion getarnten Veranstaltung der Rechtsextremen im Dortmunder Rathaus am Sonntag trat Helferich als Vorredner Höckes auf – und verheimlichte seine Gesinnung keinesfalls: „Fremde“ dominierten „unsere Straßen“, erklärte der 37-Jährige. „Die Linken haben uns mittels ihrer kulturellen Hegemonie unseres Selbstbehauptungswillens beraubt“, klagte Helferich. Nötig sei deshalb ein „Kulturkampf“, in dem Helferich der „Opfer der Dortmunder Bombennächte gedenken“ und „Kriegerdenkmäler“ restaurieren lassen will.

Verwandtenaffäre

Ähnlich klang auch der Vincentz-Gegenkandidat Christian Zaum, der mit Blick auf seinen Nachredner kokettierte, er sei „der zweitgefährlichste Geschichtslehrer Deutschlands“ – nach Höcke. Kommunen wie Dortmund würden „überrannt, geflutet mit Flüchtlingen“, klagte Zaum – und erinnerte zur Verteidigung der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ an das Prinzip der Hitler-Jugend, wonach „Jugend durch Jugend geführt“ werden solle.

Eine „Migrationswende“ forderte in Dortmund auch Höcke selbst. Deutschlands Großstädte litten unter „Verfallssymptomen, die deutlich machen, dass dieses Land auf einer Schussfahrt ins Tal“ sei, lamentierte der Rechtsextreme, der zuvor über „Messermorde“ schwadroniert hatte, die angeblich in Dortmund an der Tagesordnung seien.

Gleichzeitig warnte der 53-Jährige seine Partei vor Glaubwürdigkeitsverlusten durch Korruption, die durch die Verwandtenaffäre der AfD sichtbar geworden ist. Allerdings: Seinen eigenen Landesverband, betonte Höcke, betreffe dies natürlich nicht – trotz der Thüringer Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal, deren Mann als Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Stefan Schröder Staatsgeld kassiert.

Auch in Düsseldorf klang Höcke nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa offenbar ähnlich: Die tausenden Ge­gen­de­mons­tran­t:in­nen nannte er danach „Therapiebedürftige“. Wie selbst angemeldeten, mit blauen Armbändchen ausgestatteten AfD-Mitgliedern gelang es auch der taz dagegen nicht, ins Kulturzentrum Süd zu gelangen. Durch Organisationschaos war der rund 300 Personen zählende Saal, in dem Höcke redete, überfüllt – sehr zum Ärger von durchnässten Parteigenossen: „Ich bin angemeldet, stehe zwei Stunden im strömenden Regen – und komme dann nicht rein“, meckerte einer. „Das gibt ’ne saftige Beschwerde.“

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