Islamisten-Lager al-Hol in Syrien: Verbleib deutscher Camp-Insassen unklar
Das berüchtigte Lager für Angehörige von IS-Kämpfern wurde geschlossen. Zuvor waren Tausende entkommen. Darunter waren wohl auch einige Deutsche.
„Die katastrophalen humanitären und sanitären Bedingungen ähnelten eher einem Zwangsinternierungslager als einer Unterkunft“, sagte Noureddine al-Baba, Sprecher des syrischen Innenministeriums, am Mittwoch. Beim Eintreffen im Lager al-Hol im Nordosten Syriens habe sich ein „erschreckendes Bild“ geboten, so al-Baba.
Am vergangenen Sonntag hatte die syrische Zentralregierung offiziell die Auflösung des berüchtigten Lagers bekannt gegeben. In dem Camp in der Größe einer Kleinstadt in der Provinz al-Hasaka hatten syrische, irakische und ausländische Familien von IS-Kämpfern gelebt. Zudem beherbergte das Lager Tausende Syrer sowie Iraker, die nach dem US-Einmarsch 2003 in den Irak nach Syrien geflohen waren. Das syrische Innenministerium schätzt, dass fast drei Viertel der Insassen Kinder, Frauen und ältere Menschen waren. Viele von ihnen wurden nie eines Verbrechens angeklagt.
Als im Januar die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) und die Truppen der syrischen Zentralregierung um die Kontrolle über das Gebiet um al-Hol kämpften, nutzten Tausende der Lagerinsassen diese Situation zur Flucht. Das Lager hatte bis dahin unter SDF-Kontrolle gestanden.
„Zu Beginn dieses Jahres lebten in al-Hol noch 24.000 Menschen, nach dem 21. Januar sank die Zahl auf 6.000“, sagt Rasha Muhrez, Syrien-Landesdirektorin von Save the Children, der taz. Viele Kinder seien unter den Geflohenen, ihr Aufenthaltsort sei unbekannt, humanitäre Hilfe erreiche sie nicht. Mittlerweile sei das Lager völlig leer.
Die über 50-jährige Gewaltherrschaft der Assad-Familie ist seit 2024 Geschichte. Baschar al-Assad ist nach Russland geflüchtet, nachdem Rebellen das Regime gestürzt haben. Derzeit amtiert die Übergangsregierung von HTS-Führer al-Scharaa.
Verlegung in syrische Camps und irakische Gefängnisse
„Das Lager war nie ein gesunder Ort, an dem Kinder aufwachsen konnten“, sagt Rasha Muhrez. „Viele wurden dort geboren und lebten unter erbärmlichen Bedingungen. Wir haben uns stets dafür eingesetzt, dass sie in ihre Heimatländer zurückkehren, eine Ausbildung erhalten und in einem normalen Umfeld leben können.“
Neben den Tausenden Geflohenen wurden einige Familien auch offiziell verlegt. Mit der Zentralregierung, dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR und der syrischen Organisation Stability Support Unit (SSU) wurden im Februar mindestens 84 Familien in das Al-Burhan-Camp in Akhtarin bei Aleppo umgesiedelt. Fotos zeigen Container als Unterkünfte. „Eine nachhaltige Lösung ist das trotzdem nicht“, so Muhrez. 66 Menschen wurden mit UN-Hilfe in die syrischen Städte Rakka, Deir al-Sor und Idlib gebracht.
Mehr als 5.700 Menschen seien darüber hinaus in Haftanstalten im Irak verlegt worden, teilte das irakische Justizministerium am Montag mit. Menschenrechtsaktivist*innen sorgen sich um menschenwürdige Haftbedingungen.
Von insgesamt 22.000 zurückgekehrten Menschen sprach Saeed al-Jiyashi, Berater für strategische Angelegenheiten im irakischen Nationalen Sicherheitsrat, gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur INA. Mitarbeitende des Obersten Justizrats sowie der Ministerien für Migration und Arbeit kümmerten sich um Rechtsfragen, Rehabilitation und Reintegration.
Mindestens 13 Deutsche saßen in al-Hol
In al-Hol befanden sich auch deutsche Staatsangehörige mit IS-Bezug. Während die kurdische Autonomiebehörde in Syrien mindestens 27 deutsche Insassen meldete, hatte die Lagerleiterin im Dezember gegenüber der Nachrichtenagentur dpa noch von 13 Deutschen gesprochen.
Ihr Verbleib ist unklar. Recherchen von ARD und Berliner Morgenpost zufolge sitzen mindestens 5 von ihnen in irakischen Gefängnissen. Der irakische Richter Ali Hussein Jafat, der die aus Syrien gebrachten Häftlinge verhört, sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe Deutsche im Gefängnis gesehen.
Laut deutscher Bundesregierung hält sich eine „niedrige zweistellige Zahl an Frauen mit ihren Kindern mit Deutschlandbezug“ in den Lagern in Nordostsyrien auf. Es lägen Hinweise zu mehreren deutschen Staatsangehörigen vor, „die nach Irak verlegt worden sind“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt auf Anfrage der taz. „Nach unserem Kenntnisstand hat die irakische Justiz angekündigt, Strafverfahren führen zu wollen.“ Daher warte Deutschland die Pläne der irakischen Regierung ab. „Sollten deutsche Staatsangehörige in Irak inhaftiert und angeklagt werden, werden wir uns für eine konsularische Betreuung über unsere Botschaft in Bagdad einsetzen“, heißt es aus dem Auswärtigen Amt.
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Géza Andreas von Geyr, traf am Dienstag Iraks nationalen Sicherheitsberater Qasim al-Araji in Bagdad. Araji forderte Deutschland auf, die nun im Irak inhaftierten deutschen ehemaligen IS-Mitglieder zurückzuführen.
Laut lokalen Medien bekräftigte von Geyr, Deutschland werde dem Irak technische Unterstützung im Umgang mit IS-Fällen leisten. Bislang hatten sich deutsche Regierungen immer geweigert, alle Staatsangehörigen mit IS-Verbindungen zurückzuholen.
„Jahrelang behaupteten Regierungen, sie könnten wegen schwerer Verhandlungen mit einem nicht staatlichen Akteur, der für die Lager verantwortlich ist, ihre Staatsbürger nicht zurückführen“, sagte Adam Coogle, stellvertretender Nahost-Direktor von Human Rights Watch. „Diese Ausrede zieht nun nicht mehr.“
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