Equal Pay Day: Scham ist überflüssig
Frauen verdienen 16 Prozent weniger als Männer – auch weil sie oft weniger verlangen. Dabei ist nicht die Frau gierig, die verhandelt. Gierig ist das System, das ihre Leistung umsonst will.
A m 27. Februar ist es wieder so weit: Der Equal Pay Day markiert symbolisch die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Aktuell liegt sie bei 16 Prozent, wenn man sie pauschal betrachtet, und bei 6 Prozent, wenn sie bereinigt ist. Wenn also Faktoren wie weniger Arbeitsstunden durch Teilzeit, kürzere Arbeitsphasen, Berufswahl und -erfahrung, niedrigere Karrierestufen in die Rechnung einbezogen werden. Vor ein paar Jahren betrug die Lücke 23 Prozent. Es bewegt sich also etwas – und das klingt erst mal gut.
Aber es lohnt der Blick hinter diese Zahlen und in die Biografien von Frauen. Denn die Lohnlücke resultiert nicht nur aus den oben genannten Faktoren, einer realitätsfernen Leistungslogik und einer patriarchalen Machtverteilung, sondern auch aus Scham. Scham der Frauen. Obwohl viele Frauen wissen, dass sie finanziell schlechter gestellt sind, fällt es ihnen schwerer, über Geld zu verhandeln. Man erwartet von ihnen Bescheidenheit.
ist Autorin, Speakerin, Mentorin mit dem Schwerpunkt finanzielle und berufliche Selbstbestimmung, insbesondere von Frauen und jungen Menschen. 2023 erschien ihr Buch Buch „Miss Money – Was schlaue Mädchen über Geld wissen sollten“ (dtv) und 2025 zusammen mit der Designerin Anne Wolf „Wer heiratet, muss nicht zu allem Ja sagen“ (Penguin).
Frauen, die diese Bescheidenheit ablehnen, erfahren nicht selten mächtigen Gegenwind – auch von Frauen. Ich habe mit meinem Partner beispielsweise eine finanzielle Kompensation für ungleich verteilte Sorgearbeit vereinbart – und muss unter anderem Sätze hören wie diese: „Man kann sich doch nicht dafür bezahlen lassen, sich um die eigenen Kinder zu kümmern.“ Hier gesellt sich die Romantisierung der Sorgearbeit („Ich mache das doch gern!“) zur Bescheidenheit.
Das Patriarchat bedient sich der Moral: Frauen sind bescheiden und leisten Sorgearbeit aus Liebe. Wer da über Geld spricht, ist gierig. Dieses manipulative Narrativ haben wir Frauen längst verinnerlicht, es führt dazu, dass wir freiwillig und unbezahlt den Großteil der Sorgearbeit übernehmen.
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Mehr noch: Uns wurde beigebracht, dieses Narrativ zu verteidigen und Frauen, die sich widersetzen, zu beschämen – als „frech“ oder „kaltherzig“. Fairness zu fordern, wird zu etwas Unanständigem. Und es wirkt, weil wir alle wollen gemocht werden. Mit Bescheidenheit wahren Frauen kurzfristig den Frieden. Langfristig kostet sie diese ihre finanzielle Sicherheit.
„Lifestyle“-Teilzeit ist oft Sorgearbeit
Im Job sind Gehaltsverhandlungen üblich. Studien zeigen: Frauen verhandeln seltener und zurückhaltender als Männer. Und sie werden für ihre Gehaltsforderungen von ihren Vorgesetzten stärker sanktioniert. Zusätzlich gehen Arbeitgebende weniger auf Lohnforderungen von Frauen ein, weil diese für sie ein höheres „Einsatzrisiko“ darstellen. Im Klartext: Arbeitgebende befürchten, dass Frauen ihnen wegen der häuslichen Sorgearbeit weniger und unzuverlässiger als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
Dieses „Risiko“ ist so privat wie politisch. Frauen übernehmen täglich 76 Minuten mehr Sorgearbeit als Männer – und reduzieren dafür ihre Erwerbstätigkeit. Dieses von der CDU als „Lifestyle“ verkannte Rollenmodell leben 72 Prozent aller Ehepaare mit Kindern.
Es erscheint kurzfristig als klug, nur auf das ohnehin kleinere Einkommen zu verzichten. Außerdem lockt dann eine kräftige Steuerersparnis durch das Ehegattensplitting. Dieses wirkt umso mehr, je höher das Einkommensgefälle zwischen den Ehepartner*innen ist. Langfristig geraten Frauen so in finanzielle Abhängigkeit von ihrem Partner und in eine prekäre Finanzlage bis hin zur Altersarmut.
Wer kompensiert wen?
Gebe ich das in meinen Seminaren zu bedenken und schlage vor, eine finanzielle Kompensation mit dem Partner für das verminderte Erwerbseinkommen zu vereinbaren, schallt es entrüstet: „Mein Mann zahlt all unsere Rechnungen. Da kann ich nicht auch noch Geld für mich von ihm fordern.“ Da spricht die Bescheidenheit. Oder es heißt: „Mein Mann verdient nicht genug, um mir ein ‚Gehalt‘ zahlen zu können.“ Als sei Fairness Luxus. Aber Sorgearbeit hat ihren Preis. Wenn der Mann sagt, er könne es sich nicht leisten, heißt das: Sie muss allein zahlen – mit ihrer Unabhängigkeit und Sicherheit. Bescheidenheit wirkt nett, ist aber gefährlich.
Finanzielle Abhängigkeit bindet Frauen an ihre Männer – auch nachdem die Liebe aus- und vielleicht sogar Gewalt eingezogen ist. Eine Trennung bedeutet für Frauen oft den finanziellen Ruin: Über die Hälfte der erwerbstätigen Frauen kann langfristig nicht von ihrem Einkommen leben und jede fünfte Frau über 65 Jahren ist armutsgefährdet. Die Hälfte der Menschen in Deutschland, die eine Rente beziehen, bekommen zusätzlich Sozialhilfe, weil die Rente nicht reicht. Der Großteil von ihnen ist weiblich. Damit sind sie erneut abhängig: vom Staat.
Höchste Zeit für neu gestellte Weichen
Es ist höchste Zeit, Weichen für Gleichberechtigung in unserem System zu stellen. Das Ehegattensplitting muss weg, eine flächendeckende kostenfreie Kinderbetreuung und die „Use-it-or-lose-it-Elternzeit“ für Väter her. Wir brauchen flexible Arbeitsmodelle, Gehaltstransparenz und verpflichtende Entgeltgleichheit. Solange politische Reformen ausbleiben, ist Verhandeln Selbstschutz. All das beginnt schon zu Hause: mit Gesprächen auf Augenhöhe über die faire Aufteilung der Sorgearbeit oder Kompensationen von Einkommensausfällen.
Angst vor Konflikten ist dabei normal – aber sie sollte nicht davon abhalten, für die eigene Sicherheit einzutreten. Wer zur Bescheidenheit erzogen wurde, wird beim Verhandeln noch lange die Scham im Nacken haben. Doch gierig ist nicht die Frau, die verhandelt. Gierig ist ein System, das ihre Leistung umsonst will. Wenn Anstand bedeutet, sich selbst auszubeuten, müssen wir Frauen eben unanständig werden: unbequemer, fordernder. Die Scham ist vorbei.
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