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Shortlist Leipzger BuchmesseDer Vergangenheit zugewandt

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse stehen fest. Deutlich erkennbar ist eine Hinwendung zum Geschichtlichen.

Programm-Pressekonferenz zur Buchmesse am 19. Februar in Leipzig: am 19. März um 16 Uhr werden die Pre­si­trä­ge­r:in­nen bekanntgegeben Foto: Christian Grube/ Archeopix/imago

Rückwärtsgewandt muss man die Auswahl zum diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nun nicht nennen, das täte den einzelnen Titeln unrecht, doch deutlich der Gegenwart ab- und der Vergangenheit zugewandt hat man sich in der Jury schon.

Da wäre in der Kategorie der literarischen Preis­an­wär­te­r:in­nen zunächst Norbert Gstreins „Im ersten Licht“ (Hanser) zu nennen, der ein Menschenschicksal vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt. Anja Kampmann blickt in „Die Wut ist ein heller Stern“ (Hanser) hinter den Vorhang eines Varietétheaters im Hamburg der 1930er Jahre, und auch Katerina Poladjan lässt ihren Erzähler in „Goldstrand“ (S. Fischer) auf der Therapeutencouch seinen Erinnerungen nachgehen. Kampmann wie Poladjan galten im Herbst durchaus als Favoritinnen für den Deutschen Buchpreis, schafften es aber nicht auf die Longlist.

Weiter im Skript: Helene Bukowski widmet sich in „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ (Claassen) dem Schicksal einer Pianistin aus Neubrandenburg zu DDR-Zeiten. Überraschendes verspricht das Romandebüt von Elli Unruh, die sich in „Fische im Trüben“ (Transit Verlag) einer mennonitischen Gemeinde im ländlichen Kasachstan annimmt.

Eis- und NS-Zeit

In der Kategorie Sachbuch bleiben alle fünf Nominierten auf dem Boden der Geschichte. Ungefähr Zeitgleiches behandeln Marie-Janine Calic in „Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C. H. Beck), Ines Geipel in „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“ (S. Fischer) und Jan Jekal, wenn Letzterer auch den Kontinent wechselt in „Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953“ (Matthes & Seitz Berlin).

Bis in die Eiszeit blickt Ulli Lust im zweiten Teil ihrer Comicreihe „Die Frau als Mensch: Schamaninnen“ (Reprodukt), die für Teil 1 im letzten Jahr bereits mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Manfred Pfister behandelt die „Englische Renaissance“ (Galiani).

In Leipzig wird traditionell auch die Übersetzung des Jahres ausgezeichnet. Hoffnung auf den Preis machen sich in diesem Jahr Ulrich Faure, der Anjet Daanjes „Das Lied von Storch und Dromedar“ (Friedenauer Presse) aus dem Niederländischen übertragen hat, und Timea Tankó, der Ungarischübersetzer von András Viskys „Die Aussiedlung“ (Suhrkamp). Erfreulicherweise nominiert ist Irene Solàs Hexentanzfabel „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ (S. Fischer) in der Katalanischübersetzung von Petra Zickmann.

Des Weiteren auf der Liste stehen Tina Flecken, die Auður Ava Ólafsdóttirs „Eden“ (Insel Verlag) aus dem Isländischen übertragen hat, und die spanische Übersetzung des Peruaners Gustavo Faverón Patriau: „Unten leben“ (Literaturverlag Droschl) von Manfred Gmeiner.

Vage oder zumindest allgemein wird die Auswahl von Juryseite begründet. Man stelle die ausgewählten Titel „mit Freude allesamt nun in den nominierten Reigen“, so Juryvorsitzende Katrin Schumacher, die auf höhere Verkaufszahlen für den kriselnden Buchmarkt setzt: „Im Vertrauen darauf, für Entdeckung und Wertschätzung zu stehen, Haltung und Lesevergnügen, und natürlich in der Hoffnung, bei neugierigen Le­se­r*in­nen schon vor der Messe die Zahl der Lektürestunden hochzutreiben.“

Die Preis­trä­ge­r:in­nen aus den drei Kategorien werden am 19. März um 16 Uhr zum Auftakt der Leipziger Buchmesse bekanntgegeben.

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