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Welchen Weg nimmt die Wissenschaft in Deutschland?

Der Wissenschaftsrat hat vier Zukunftsszenarien für die Wissenschaft in Deutschland entworfen. Kri­ti­ke­r begrüßen das Denken in Zukünften

Quo vadis Wissenschaft – welches Zukunfts­szenario solls sein? Vielleicht was mit Super­computer wie hier mit dem „Jupiter“? Foto: Christoph Hardt/imago

Von Manfred Ronzheimer

Die Zukunft hat gerade keinen besonders guten Leumund. Auf die kommenden Jahre wird mehr angstbesetzt denn erwartungsfroh geblickt. Von daher ist es bemerkenswert, dass sich der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium von Wissenschaft und Politik in Deutschland, in einer tiefgehenden Studie mit der künftigen Entwicklung von Forschung und Hochschulen befasst hat.

Ungewöhnlich an dem Positionspapier mit dem Titel „Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040“, das auf Eigeninitiative des Gremiums unter Leitung des Heidelberger Mediziners Wolfgang Wick erarbeitet wurde, ist zweierlei: Zum einen der lang ausgreifende Betrachtungszeitraum über anderthalb Jahrzehnte hinweg. Nur die wenigsten Mitglieder des Rates dürften das Jahr 2040 noch als Professor oder in politischen Ämtern erleben.

Zielsetzung ist, aus dieser langfristigen Sicht zu den richtigen Entscheidungen in der Gegenwart zu gelangen. Sei es bei der Eröffnung neuer Forschungsfelder oder zur Sicherung der Wissenschaftsfreiheit. „Wir drohen in Zukunft den Anschluss zu verlieren, wenn wir nicht heute die Weichen richtig stellen“, erklärte Wick bei Vorstellung des Papiers in Berlin. „Die Wissenschafts- und Innovationspolitik muss schneller und wirksamer auf neue Umstände reagieren können“, lautet daher eine zentrale Schlussfolgerung.

Noch interessanter ist jedoch das Wagnis der Betrachtungsperspektive, das sich der Wissenschaftsrat gestattet hat. Die Empfehlungen werden nämlich nicht monokausal entwickelt, sondern unter Skizzierung von vier verschiedenen Wegen, wie sich Wissenschaft bis 2040 alternativ entwickeln könnte. An dieser Stelle, wo sich der Rat Szenarien von gar nicht so positiven Wissensschafts-Zukünften überlegt, wird das Papier richtig spannend.

Alle Szenarien haben Vorteile und Nachteile

So hat etwa in dem Szenario mit der Bezeichnung „Die Wissenschaftsrepublik“ das deutsche Wissenschaftssystem im Jahr 2040 einen massiven Einfluss auf die Politik erreicht. Durch Umschichtung aus anderen Bereichen wird die Forschungs- und Entwicklungsquote am Bruttoinlandsprodukt auf über sechs Prozent gesteigert, derzeit knapp über drei. Doch während die Wissenschaft blüht, „haben sich gesellschaftliche Spaltungen und soziale Spannungen sogar erkennbar verstärkt“.

Im Szenario „Der globale Forschungsraum“ wird von einer Reihe von Staaten eine „Global Research Area“ (GRA) gegründet, die zwar über mehr als doppelt so viele FuE-Beschäftigte wie die USA verfügt. Die Schattenseite: In diesem Weltmodell ist „die Zahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in allen Weltteilen wegen des Einsatzes von KI in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen“. KI-Fortschritt macht Forscher arbeitslos.

Das Szenario „Die situative Wissenschaftspolitik“ wiederum ist durch stetige Aushandlungsprozesse mit der Politik gekennzeichnet, deren Ergebnisse schwer vorhersehbar sind. Der akademische Sektor ist kein Hort der Stabilität, sondern produziert ein „hohes Maß an Unsicherheit“.

Richtig dystopisch wird es im Szenario „Die instrumentalisierte Wissenschaft“, in dem die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland 2040 von einigen wenigen Techkonzernen dominiert wird, was auch das Wissenschaftssystem entscheidend beeinflusst.

„Denn diese Konzerne haben ihre Marktmacht eingesetzt, um konkurrenzlose digitale Forschungsökosysteme zu schaffen, und so nicht nur exklusiven Zugriff auf große Datenmengen, sondern durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ein monopolistisches Wissen darüber erlangt, welche Forschungsvorhaben die höchste Rendite versprechen“, beschreibt das Papier des Wissenschaftsrates. Die Folge: „Andere wissenschaftliche Vorhaben haben wenig Aussicht auf Förderung.“

Kritiker begrüßen das Szenariendenken

Für den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Cantner von der Uni Jena, der nicht am Gutachten beteiligt war und bis zum letzten Herbst die „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) über viele Jahre geleitet hat, sind die Erörterungen des Wissenschaftsrates „sehr zu begrüßen“. Weltweit stehe das Wissenschaftssystem unter Druck – „sehr offensichtlich in den USA, in Deutschland so langsam schleichend und zunehmend“, äußert sich der Innovationsforscher auf Anfrage der taz.

Gerade bei der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit rät Cantner zur höchsten Sensibilität. So könne die gewünschte Verbesserung des Transfers zwischen Forschung und Wirtschaft letztlich auch dazu führen, dass die Erwartungen der Unternehmen „die Forschung in eine ganz bestimmte Richtung drücken und anderes fällt aus dem Forschungskanon heraus“. Was im Einzelfall „gut und akzeptabel“ sei, könne in großer Breite von nachteiliger Wirkung sein.

Auch sollte die „Grenze zwischen Wissenschaft und Gesellschaft durchlässig sein“, aber sie dürfe „auf der Wissenschaftsseite zu keinen Verzerrungen und damit Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit oder bei den anderen Erwartungen führen“, hebt der Wirtschaftsprofessor hervor.

Ein konkretes Beispiel dafür ist die heutige Kontroverse über die Verstärkung der Dual-Use-Nutzung, um aus deutschen Hochschulen heraus zu mehr Verteidigungsforschung zu kommen. In der Vergangenheit hatten sich viele Hochschulen eine „Zivilklausel“ gegeben, mit der Versicherung, nur zivile und keine Rüstungsforschung zu betreiben. Bei immer mehr Technologien, etwa der Mikroelektronik oder der Drohnentechnik, ist aber eine zweifache Nutzung – zivil und militärisch – möglich, was sich bei Forschungsbeginn nicht ausschließen lässt.

Einem Kritiker fehlt ein fünftes Szenario

Noch weiter geht Uwe Schneidewind, der frühere wissenschaftliche Leiter des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und zwischenzeitliche Oberbürgermeister von Wuppertal, der nicht an der Studie beteiligt war und das Gutachten des Wissenschaftsrates als ein „eindrucksvolles Dokument“ bezeichnet, „das gerade durch den Szenarien-Ansatz sehr produktive Diskussionen in der Wissenschaftspolitik und den Wissenschaftsorganisationen auslösen kann und wird“.

Werden wir Hochschulen 2040 so umwidmen wie heute Kirchen in einer säkularen Welt?

Gegenüber der taz bedauert es Schneidewind, dass der Wissenschaftsrat sich nicht getraut habe, „ein durchaus nicht unrealistisches Radikalszenario durchzuspielen“, das er mit den Worten „Umfassender integrierter Wissenserwerb bei vollständigem Bedeutungsverlust der Institution Präsenzuniversität“ beschreibt.

Dieses Szenario würde über die skizzierte „instrumentalisierte Wissenschaft“ noch weit hinausgehen, und die radikale Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, von Individualisierung, von demografischem Wandel und „hybriden Organisationsformen“ fortschreiben.

Vor diesem Hintergrund zeichne sich ab, „dass Qualifizierung und Wissensaufbau Domänen-spezifisch immer mehr unmittelbar an die Orte der Wissensverwertung wandert“, stellt Schneidewind fest. Heute schon nähmen die dualen Studiengänge zusammen mit der Wirtschaft rasant zu, und „Unternehmens-Forschungszentren überflügeln die Potenz staatlicher Einrichtungen“.

Orientierungswissen werde vermehrt durch akademische „Einzelstars“ erbracht, deren Anbindung eine Hochschule „nur noch Reputationskulisse ist“. Von daher erscheint es Schneidewind „nicht völlig unwahrscheinlich, dass wir ab 2040 Hochschulgebäude immer mehr genauso umwidmen werden wie heute Kirchengebäude in einer säkularisierten Welt“.

Das große Hochschulsterben in 15 Jahren, diesen Teufel wollte der Wissenschaftsrat in der Tat nicht an die Wand malen. Wissen wird es weiter geben, aber wo und wie damit in Zukunft umgegangen wird, lässt sich schwer abschätzen.

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