Essenslieferanten in Italien: Deliveroo ausgeliefert
Ein Mailänder Staatsanwalt sagt der Ausbeutung von Ridern bei Essenslieferanten den Kampf an. Zwei große Unternehmen stehen nun unter Justizaufsicht.
12 Stunden Arbeit, bei strömendem Regen im Winter, bei unerträglicher Hitze im Sommer, und am Ende gerade einmal 50 Euro brutto in der Tasche: Das sind die Arbeitsbedingungen der Rider, die in Mailand, Rom oder Florenz Pizza, Sushi oder Poke an die Haustür der werten Kund*innen liefern.
Der Mailänder Staatsanwalt Paolo Storari will jetzt gegen solche Formen extremer Ausbeutung vorgehen. Am Mittwoch ordnete er an, dass der Essenlieferant Deliveroo unter „justizielle Aufsicht“ gestellt wird. Sprich: Ein von der Justiz bestellter Kommissarischer Verwalter tritt an die Seite der Firmenspitze, um endlich für korrekte Vertragsverhältnisse gegenüber den Ridern zu sorgen.
So eine Anordnung hatte Storari zuvor schon für den Branchenriesen Glovo erlassen, der zum deutschen Konzern Delivery Hero gehört. Für Glovo sind nach Schätzung der Staatsanwaltschaft in Italien rund 40.000 Rider unterwegs, für Deliveroo 20.000.
All diese Fahrer*innen, die da auf Fahrrädern, E-Bikes oder Motorrollern unterwegs sind, sind angeblich „selbständig“. Sie werden nur für erledigte Aufträge bezahlt, ohne Urlaubsansprüche, ohne Schutz bei Krankheit oder Arbeitsunfällen. Viele arbeiten sechs oder gar sieben Tage die Woche, viele kommen auf 12 Stunden am Tag, und am Monatsende bleiben oft bloß 1.000 Euro netto.
Deliveroo und Glovo: Verstöße gegen die Verfassung
Doch von Selbständigkeit kann nach Auffassung des Staatsanwalts Storari keine Rede sein. Denn alle Rider unterliegen der Diktatur des Glovo- oder Deliveroo-Algorithmus, der ihnen die Aufträge zuweist oder auch nicht, zum Beispiel wenn sie vorher einen anderen Auftrag abgelehnt haben. Storari wirft jetzt den beiden Firmen vor, sie verstießen zuerst gegen den Artikel 36 der italienischen Verfassung, der eine „ausreichende Bezahlung“ vorschreibt, die „eine freie und würdevolle Existenz“ gewährleisten müsse.
Außerdem sieht Storari den Straftatbestand der Anwerbung zur Arbeit „unter Ausbeutungsbedingungen, die die Notlage der Beschäftigten ausnutzt“ erfüllt. Auf den steht eine Freiheitsstrafe von fünf bis zu acht Jahren und eine Geldstrafe von 1.000 Euro pro Beschäftigtem. Er ermittelt deshalb gegen die Italien-Chefs von Deliveroo und Glovo.
Die auf Antrag der Staatsanwaltschaft angeordnete „justizielle Aufsicht“ soll jetzt schnellstmöglich die Missstände beseitigen, für faire Arbeitsbedingungen sorgen und der Ausbeutung der Rider ein Ende setzen. Über 90 Prozent der Rider sind Männer, das Gros von ihnen hat Migrationsgeschichte. Allein 25 Prozent von ihnen stammen nach einer Erhebung der für prekär Beschäftigte zuständigen Gewerkschaft NIDIL aus Pakistan. Mit ihrem schmalen Lohn versorgen sie oft genug ihre Familien in den Heimatländern.
Dass es auch anders geht, zeigt der Essensauslieferer Just Eat. Er hat seine Fahrer*innen schon im Jahr 2022 angestellt, inklusive Urlaubsanspruch und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Anders als die Justiz hält sich die Rechtsregierung unter Giorgia Meloni völlig bedeckt – und verweigert beharrlich die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Und wie es jetzt scheint, hat sie auch angesichts der Verfahren gegen Glovo und Deliveroo nicht vor, ihren Kurs zu ändern.
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