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Tote nach Schusswechsel vor KubaVereitelter Terrorangriff oder perfide Provokation?

Kubanische Soldaten haben bewaffnete Männer auf einem in den USA gemeldeten Schnellboot getötet. Das dürfte die Krise zwischen den Ländern verschärfen.

USA und Kuba – ein ambivalentes Verhältnis Foto: Ramon Espinosa/ap/dpa

Die offizielle Version des kubanischen Innenministeriums ist eindeutig: Vor Cayo Falcones, einer vor der kubanischen Küste auf Höhe von Santa Clara liegenden Insel, sei ein Schnellboot mit insgesamt zehn bewaffneten Männern in kubanische Hoheitsgewässer eingedrungen. Als die Besatzung eines kubanischen Patrouillenboots sie habe kontrollieren wollen, hätten die Männer das Feuer auf die kubanischen Soldaten eröffnet. In dem anschließenden Feuergefecht seien der Kommandant der kubanischen Patrouille verletzt, vier der Insassen des Schnellbootes getötet und die restlichen sechs gefangen genommen worden.

Laut dem offiziellen Nachrichtenportal „Cubadebate“ sind den kubanischen Behörden bereits sieben der Männer bekannt. Alle zehn seien Kubaner mit Wohnsitz in den USA. Mit dem in Florida gemeldeten Schnellboot hätten sie die Insel mit Sturmgewehren, Zielfernrohren, schusssicheren Westen und Molotow-Cocktails angesteuert.

Das konkrete Ziel dieses als „terroristische Infiltration“ bezeichneten Vorfalls ist den kubanischen Behörden dem kubanischen Innenministerium zufolge bisher unbekannt. Die Ermittlungen liefen, heißt es.

Aus den USA hieß es, dass es sich definitiv nicht um eine US-Militäroperation handele. US-Außenminister Marco Rubio sagte: „So etwas hat es lange nicht gegeben. Wir müssen die Informationen überprüfen und reagieren dann angemessen.“ Rubio, Sohn von 1956 aus Kuba in die USA ausgewanderten Eltern, befindet sich derzeit auf einer Wirtschaftskonferenz in der Karibik. Er nannte den Vorfall „ungewöhnlich und sehr ernst“.

Andere republikanische Politiker wählten härtere Worte. Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier kündigte eine Untersuchung an und wählte markige Worte: „Der kubanischen Regierung kann man nicht trauen, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um diese Kommunisten zur Rechenschaft zu ziehen“, sagte der Republikaner. Sein Parteifreund, Carlos Giménz, ein in Havanna geborener Abgeordneter aus Miami, sprach von einem „Massaker“, Senator Rick Scott, der für dieses Jahr bereits mehrfach das Ende des kubanischen Regimes angekündigt hatte, verlangte „volle Rechenschaftspflicht“ für die Regierung in Havanna – nicht etwa für die USA, wo das Boot gemeldet war.

Einseitig, konfrontativ, eskalierend

Dass die bisher bekannten Fakten darauf hindeuten, ein Anschlag sei geplant gewesen, ist alarmierend – sowohl für die kubanische Regierung als auch für die US-amerikanische. Letztere hat zwar wiederholt betont, dass sie ein Ende der autoritären Regierung in Havanna begrüßen würde, aber von Waffengewalt absehe. „Abschneiden vom Ölimport“ lautete die Leitlinie der US-Politik gegenüber Kuba seit dem 3. Januar. Doch die US-amerikanische Strategie des „Aushungerns“ stieß auf Kritik: Die UN warf den USA Menschenrechtsverletzungen vor. Ähnliche Kritik kam zudem sowohl aus Mexiko als auch aus Russland.

Daraufhin kündigten die USA nun an, Venezuela aus humanitären Gründen Öllieferungen nach Kuba zu erlauben, aber bisher ist unklar, zu welchen Bedingungen. Unklar ist zudem, ob auch Mexiko Erdöl, und zwar leichtes und für die Produktion von Benzin und Diesel viel besser geeignetes, aus humanitären Gründen nach Kuba liefern darf. Das hatte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum wiederholt angeregt.

Ob die US-amerikanische Zusage mit dem Tod der vier Bootsinsassen hinfällig wird, ist bisher nicht absehbar. Allerdings könnte hinter dem möglichen gescheiterten Anschlag das Kalkül exilkubanischer Gruppen stecken, die USA zu einem militärischen Eingreifen zu verleiten. Fakt ist, in der an Spannungen so reichen kubanisch-US-amerikanischen Geschichte hat es zahlreiche Anschläge exilkubanischer Gruppen auf der Insel gegeben – der letzte liegt allerdings fast 30 Jahre zurück. Das Gros dieser Anschläge war in den USA geplant worden, trainiert wurden die Terrorkommandos oft in Florida. In den USA hatten die selbsternannten exilkubanischen Befreiungskämpfer in aller Regel keine Strafverfolgung zu befürchten.

Der letzte größere Anschlag fand im Jahr 1997 statt. Damals detonierten in mehreren kubanischen Hotels kleine Sprengsätze. Ein italienischer Tourist starb. Das Ziel, dem aufkommenden kubanischen Tourismussektor zu schaden, wurde damals nicht erreicht. Seitdem hat es keine Attacken mehr auf der Insel gegeben.

Viele Ku­ba­ne­r:in­nen sind über den aktuellen Vorfall schockiert, so auch Melvis Matas, Frauenrechtlerin aus Havanna: „Das Niveau der Aggression ist schrecklich“, sagt die 50-Jährige.

Die Bischöfe Kubas haben zu Verhandlungen zwischen den USA und Kuba aufgerufen und sich als Vermittler angeboten. Eine positive Initiative, die überfällig ist, denn hochrangige Kontakte zwischen Washington und Havanna scheint es derzeit nicht zu geben.

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