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Kuturpolitiker über Berlinale-Diskussion„Das engt die Künste ein“

Selbst wenn die Demokratie unter Druck steht: Die Kunst nur noch Genehmes äußern zu lassen, wäre falsch, sagt Bühnenvereinspräsident Carsten Brosda.

Festivaldirektorin Tricia Tuttle: Bekenntnis zur Kunstfreiheit und zu Festivals als offene Räume Foto: Nadja Wohlleben/reuters
Alexander Diehl

Interview von

Alexander Diehl

taz: Herr Brosda, war am Donnerstag ein guter Tag für die Berlinale?

Carsten Brosda: Das weiß ich ehrlicherweise noch nicht. Es ist ja keine Entscheidung gefallen. Der Umstand, dass diese Diskussion überhaupt stattfindet, kann einen aber schon sorgenvoll stimmen.

taz: Sie haben sich eindeutig gegen eine Auswechslung der Festivalleiterin ausgesprochen. Warum?

Im Interview: Carsten Brosda

51, SPD, ist seit 2017 Kultur- und Mediensenator in Hamburg. Seit 2020 ist der promovierte Journalist zudem Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

Brosda: Bei der diesjährigen Berlinale, die gerade zu Ende gegangen ist, hat man gesehen, dass Tricia Tuttle ein künstlerisch überzeugendes Programm gemacht hat – eines voller relevanter Filme. Und auch wenn manche sagen, da habe der ein oder andere große Hollywood-Name gefehlt: Da waren, finde ich, sehr viele hervorragende Filme im Programm, die gut auf die Fragen unserer Zeit eingegangen sind. Damit holt man sich natürlich auch die Diskurse unserer Zeit in ein solches Festival. Und dabei werden dann auch Dinge geäußert, die einem möglicherweise nicht gefallen, denen man vielleicht sogar hart widersprechen möchte. Ich habe zumindest an der ein oder anderen Stelle den Impuls gehabt.

taz: Aber?

Brosda: Das heißt nicht, dass die Festivalleitung für jeden Satz, der auf einer Bühne gesprochen wird, verantwortlich gemacht werden kann. Ich glaube, das zu trennen und das auseinanderzuhalten, ist wichtig: Schafft es da jemand, ein Festival zu organisieren, das eine vernünftige Atmosphäre bietet, die Debatten zulässt und eine kulturelle Inspiration ist? Das ist Aufgabe einer Festivalleitung. Kann sie es schaffen, dafür zu sorgen, dass Sätze nicht fallen, die man nicht aushalten möchte? Ich glaube, das darf man nicht erwarten.

taz: Sie haben gesagt: „Ein Festival ist immer ein Ort, an dem nicht nur ästhetische, sondern auch politische Fragen kontrovers debattiert werden.“ Hat das Grenzen?

Brosda: Natürlich. Die Grenzen sind ja auch klar normiert. Aber die Grenze verläuft nicht schlicht da, wo es dem Staat oder dem Veranstalter nicht mehr gefällt. Sondern wir haben als freie und offene Gesellschaft strafrechtliche Grenzen, die sind relativ hart und klar und die gilt es auch einzuhalten. Aber innerhalb dieser Grenzen begegnen mir regelmäßig Meinungen, die mir nicht gefallen, auch fundamental nicht gefallen. Entscheidend ist: Schaffe ich dann eine Atmosphäre, in der solchen Meinungen widersprochen werden kann? Oder schaffe ich eine Atmosphäre, in der gesagt wird, sie dürfen nicht geäußert werden, weil sie mir nicht gefallen? Das ist ein Unterschied ums Ganze. Ich finde gut, wie Tricia Tuttle es vorher gehandhabt hat, als nämlich die Forderung an Künstler im Raum stand: Positioniert euch bitte eindeutig zu irgendwelchen Weltkonflikten. Dass sie da klar gesagt hat: Das will ich nicht verlangen, das ist auch gar nicht die Aufgabe der Kunst. Der Satz gilt – in alle Richtungen.

taz: Sie haben mal gesagt, Gefahr drohe der Kunst auch dadurch, dass man sie in Dienst nehmen will für eine noch so gute Sache.

Brosda: Generell sind wir in einer Situation, in der die Demokratie unter Druck steht. Wir sind mit Diskursen konfrontiert, die hart gegen unser eigenes Selbstverständnis gehen, gegen unsere Erinnerungskultur und unser ethisches Selbstverständnis. Dennoch würden wir die Künste massiv einschränken, wenn wir von ihnen verlangten, unsere eigenen normativen Vorstellungen bloß besser zu erzählen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Es ist gelungen, einen Freiraum für die Künste zu schaffen und es auszuhalten, dass in diesem Freiraum auch Dinge passieren, die uns nicht gefallen. Das ist die zivilisatorische Errungenschaft, die Deutschland seit 1945 erreicht hat.

taz: Und heute?

Brosda: Jetzt, da es eng wird mit der Demokratie, von den Künsten zu fordern: Erzählt bitte nur Dinge, die unserem staatlichen Comment entsprechen – das engt die Künste ein. Und bringt uns am Ende schon in ein Fahrwasser, in dem man anfängt, nur die Dinge zu bebildern, die die Mehrheit für richtig hält. Das ist aber nicht die Aufgabe der Kunst.

taz: Ein Instrument, um so etwas durchzusetzen, ist die Vergabe von Fördermitteln. Darf die an so etwas wie „richtige Inhalte“ geknüpft werden?

Brosda: Sie sollte in erster Linie an künstlerische Exzellenz geknüpft werden. Und daran, dass die Gesetze eingehalten werden. Aber darüber hinaus sozusagen politische Hegemonialvorstellungen durch Kunst durchsetzen zu lassen – nur wenn du folgende Positionen vertrittst, gibt es Förderung –, das ist ein Schritt, der aus einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft herausführt. Ich hoffe und glaube, das will im Kern auch keiner. Das unterstelle ich niemandem. Aber es droht die Gefahr, dass man etwas Gutes will, nämlich die Befestigung von Demokratie, und damit gleichzeitig etwas schafft, das auf dem Weg hin zu diesem Ziel das Gegenteil bewirkt. Da sollte man sehr genau aufpassen, ob man nicht im Handeln das wieder einreißt, was man vorher proklamiert hat.

taz: Was wünschen Sie dem Festival jetzt –Ruhe, Zeit zur Besinnung, bessere Nachrichten?

Brosda: Eigentlich hat das Festival ein tolles Ende gehabt. Ich freue mich wahnsinnig für İlker Çatak und seine „Gelben Briefe“.

taz: Der Hamburger Regisseur hat dafür gerade den Goldenen Bären bekommen.

Brosda: Fast eine prophetische Auszeichnung: Im Film geht es genau um das, was wir hier in der Realität verhandeln. Ich wünsche dem Festival vor allen Dingen Klarheit. Und wenn es nach mir geht, dann wünsche ich mir, dass Tricia Tuttle ein starkes Mandat bekommt, um weiterzumachen. Ich finde, sie geht mit dem Festival in die richtige Richtung. Aber das werden andere zu entscheiden haben. Wichtig ist ein Bekenntnis zur Kunstfreiheit und zu solchen Festivals als offene Räume, in denen wir gesellschaftlich aushandeln können, wie es eigentlich weitergehen kann. Und dann auch als Gesellschaft es aushalten, dass die Kunst uns zwingt, Position zu beziehen. Denn da liegt ihre große Stärke: Nicht die Kunst muss Position beziehen. Aber sie kann uns zwingen, uns zu positionieren. Und dann wird es spannend.

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