Bahn und Lokführer-Gewerkschaft einig: Bahnstreik hat Verspätung bis mindestens 2027
Die Lokführer bekommen fünf Prozent mehr Gehalt. Mit einem Sofortprogramm will die Bahn für sauberere Züge und Nachschub in den Bordbistros sorgen.
Bahnkunden und Lokführer können sich gleich über zwei gute Nachrichten freuen. Es wird in diesem und auch dem kommenden Jahr keine Bahnstreiks geben. Die Bahn und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) einigten sich nach wochenlangen Verhandlungen auf einen neuen Tarifvertrag. Erfreulich für Bahnkunden ist auch ein weiteres Sofortprogramm des Unternehmens. Es soll für mehr Sauberkeit in den Zügen und eine verlässlichere Gastronomie an Bord sorgen.
Die Tarifverhandlungen zwischen GDL und Bahn verliefen ungewohnt ruhig. Erstmals seit 2018 konnte so ein Abschluss ohne Warnstreiks erreicht werden. Das hat wohl vor allem mit einem Führungswechsel bei der GDL zu tun. Der frühere Vorsitzende Claus Weselsky setzte auf eine verbal aggressive Strategie, beschimpfte die Arbeitgeber öffentlich als „Nieten in Nadelstreifen“ und setzte sie mit Warnstreiks unter Druck. Nachfolger Mario Reiß meidet dagegen das öffentliche Spektakel. Beide Seiten hatten zu Beginn Verschwiegenheit über den Stand der Verhandlungen vereinbart. Sie hielten sich daran.
Die neue Strategie hatte Erfolg. Die Lokführer erhalten in zwei Stufen 5 Prozent mehr Lohn. Dazu gibt es im April für rund 10.000 Beschäftigte eine Einmalzahlung in Höhe von 700 Euro. Darüber hinaus setzte die GDL einige strukturelle Änderungen im Tarifwerk durch. So wird eine neue Entgeltgruppe für Beschäftigte mit mehr als 35 Berufsjahren eingeführt. Auch bei den Zulagen gibt es mehr Geld.
„Wir haben gerade zum Schluss intensiv gerungen“, sagt Bahnvorstand Martin Seiler, „aber es ist immer konstruktiv und sachlich geblieben“. Auch die GDL zeigt sich zufrieden. „Es ist gelungen, die Arbeits- und Einkommensbedingungen im Kernbetrieb Eisenbahn nachhaltig zu verbessern“, betont GDL-Chef Reiß.
Streikfrei bis Ende 2027
Die Laufzeit des Tarifvertrags beträgt 24 Monate. Die Bahn wollte ursprünglich 30 Monate erreichen. Das bedeutet eine streikfreie Zeit wenigstens bis Ende 2027. Dann endet die Laufzeit des Tarifvertrags der größeren Bahngewerkschaft EVG. Für die nächste Runde zwischen GDL und Bahn wurde ein ähnliches Verfahren wie in diesem Jahr vereinbart. Nach Ablauf des Vertrags beginnt eine dreimonatige Friedenspflicht. Diese Zeit soll für eine Verhandlungslösung genutzt werden.
Auch jenseits des Entgelts konnten sich die beiden Seiten im Streit um die Anwendung des Tarifeinheitsgesetzes verständigen. Es sieht vor, dass in jedem Betrieb nur der Tarifvertrag der jeweils größten Gewerkschaft gilt. Damit kommen die GDL-Verträge nur in 19 der rund 300 Bahnbetriebe zur Anwendung. Das ändert sich nun. In zwei Schritten 2027 und 2028 können die GDL-Tarife zum Entgelt, den Zulagen und dem Arbeitszeitvolumen in Mehrheitsbetrieben der EVG angewendet werden. Außerdem wurde ein notarielles Verfahren vereinbart, mit dem die Gewerkschaftsmehrheit in den einzelnen Betrieben ermittelt wird.
Bahnbistros sollen öfter mal was zu essen haben
Die zweite gute Nachricht verbreitete am Freitag der Fernverkehr der Bahn. Mit einem Sofortprogramm sollen die Züge sauberer und das kulinarische Angebot zuverlässiger werden. „Rund 20 Millionen Euro nehmen wir für mehr Sauberkeit, ein verlässlicheres Gastroangebot und eine höhere Verfügbarkeit von Bordanlagen in diesem Jahr zusätzlich in die Hand“, sagt Vorstand Michael Peterson. Damit setzte die Bahn eine Forderung von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) um. „Wir verbessern, was verbessert werden muss“, kündigt der Minister an.
Die Bahn verdoppelt das Personal, das während der Fahrt Abfall beseitigt und Toiletten reinigt. Auf den viel genutzten Strecken werden damit 220 mobile Reinigungskräfte unterwegs sein. Zudem warten an den großen Knotenbahnhöfen Sonderreinigungsteams, die sich die Teppiche in wöchentlich 60 ICE-Zügen vornehmen.
Der Minister und die Bahn versprechen auch mehr Komfort. Gemeint ist damit eine verlässlichere Bordgastronomie. Die Logistik bei der Zulieferung von Speisen und Getränken wird verbessert, damit Speisen oder Getränke nicht während der Fahrt ausgehen.
Kaffeemaschinenspezialisten an Knotenbahnhöfen
Vor allem sollen Kaffeetrinker nicht mehr leer ausgehen. Die anfälligen Kaffeemaschinen fallen anscheinend zu häufig aus. Künftig werden Fachleute an den wichtigsten Knotenbahnhöfen in Frankfurt, Hamburg, München und Berlin stationiert. Neben den Reparaturarbeiten im Bistro sollen sie auch Schäden an den Zugtoiletten beheben.
Mit diesem dritten Sonderprogramm ist ein Teil der Bahn-Agenda Schnieders umgesetzt. Da es der Bahn nicht gelingen kann, die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im täglichen Verkehr deutlich zu verbessern, setzt der Minister an Punkten an, die den Fahrgästen direkt zugutekommen. Vor wenigen Wochen startete bereits ein Sonderprogramm an den Bahnhöfen. Sie sollen sauberer und sicherer werden.
An anderer Stelle im Bahnkonzern sorgt eine Personalie für Aufregung. Einer Meldung der Süddeutschen Zeitung zufolge muss die erst vor drei Monaten eingestellte Finanzvorständin Karin Dohm das Unternehmen schon wieder verlassen. Dem Bericht zufolge hat sie sich mit dem Konzernbetriebsrat überworfen. Dohms Abberufung solle demnächst auf einer Aufsichtsratssitzung auch formal beschlossen werden.
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