Was von Jürgen Habermas bleibt: Krise als Normalzustand
Jürgen Habermas glaubte an die Vernunft. Die Moderne sah er als krisenhaft an – ein unfertiges Projekt. Und die Neuen Medien als revolutionär.
E s herrscht immer Krise, in all seinen Schriften. Die traditionellen Weltbilder lösen sich auf, was zu Freiheitsgewinnen für die Menschen führt, aber verbindliche Verständigung prekär werden lässt. Die Lebenswelt ist für Jürgen Habermas stets bedroht von der Macht der Wirtschaft und der Politik – weshalb alle Stellungnahmen nach seinem Tod, die ihn wie einen verfassungspatriotischen Liberalen erscheinen lassen, zu kurz greifen. Ohne systemische Kapitalismuskritik war Habermas nicht zu haben.
Das Denken in Krisen hatte er keinesfalls exklusiv. Seine Analysen basieren auf der Diagnose, dass die Moderne selbst krisenhaft strukturiert ist. Er sagte „unvollendetes Projekt“ dazu. Was sein Denken aber besonders macht, ist, wie beharrlich er dabei an der Kraft der Vernunft festhielt. Handfest mischte er sich ein – und lag dabei öfter daneben.
Zur Wiedervereinigung und zuletzt zum Ukrainekrieg kam von ihm wenig Hilfreiches. Darüber hinaus rekonstruierte er die gesellschaftlichen Bedingungen des Diskurses selbst. Dabei vertraute er unbeirrt auf die Möglichkeit vernünftiger Kommunikation, so verschüttet sie in der gesellschaftlichen Realität auch erscheinen mag. Für ihn ist Verständigung in die Sprache selbst eingebaut.
Wird dieser Aspekt seines Werkes bleiben? Dass er sich den idealen Diskurs in etwa wie ein universitäres Hauptseminar vorstellte, mag fragwürdig sein. Aber auf jeden Fall kann man von seiner Theorie aus sehen, wie kaputt eine Öffentlichkeit ist, in der Milliardäre Zeitungen und soziale Medien schlicht aufkaufen und manipulieren können und in der ultrarechte Strategen die Zone mit Shit fluten.
So revolutionär wie der Buchdruck
Mit solchen Maßnahmen verhindert die Macht die notwendige freie Selbstreflexion innerhalb der modernen Gesellschaften, die für Habermas die Voraussetzung für die Emanzipation ihrer Mitglieder darstellt.
Nun kann einen der Zustand der Welt wenig hoffnungsfroh stimmen. Verzweiflung war für Habermas dennoch nie eine Option. In einem seiner letzten größeren Texte – „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – dachte er über die neuen Medien nach und würdigte deren revolutionäres Potenzial: „Wie der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht hat, so macht die Digitalisierung heute alle zu potenziellen Autoren.“ Daran schließt er die Frage an: „Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen gelernt hatten?“ Und: „Auch die Autorenrolle muss gelernt werden.“
Das ist er, so war er. Die Strukturen der Öffentlichkeit müssen von Machtimperativen befreit werden, und ihre Teilnehmer müssen argumentieren lernen. Auf seine Art ist das ein ziemlich radikales Programm.
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