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Was von Jürgen Habermas bleibtKrise als Normalzustand

Dirk Knipphals

Kommentar von

Dirk Knipphals

Jürgen Habermas glaubte an die Vernunft. Die Moderne sah er als krisenhaft an – ein unfertiges Projekt. Und die Neuen Medien als revolutionär.

Bis ins hohe Alter bewahrte er sich einen scharfen Blick: Habermas verglich zuletzt die Neuen Medien mit dem Buchdruck Foto: Martin Gerten/dpa

E s herrscht immer Krise, in all seinen Schriften. Die traditionellen Weltbilder lösen sich auf, was zu Freiheitsgewinnen für die Menschen führt, aber verbindliche Verständigung prekär werden lässt. Die Lebenswelt ist für Jürgen Habermas stets bedroht von der Macht der Wirtschaft und der Politik – weshalb alle Stellungnahmen nach seinem Tod, die ihn wie einen verfassungspatriotischen Liberalen erscheinen lassen, zu kurz greifen. Ohne systemische Kapitalismuskritik war Habermas nicht zu haben.

Das Denken in Krisen hatte er keinesfalls exklusiv. Seine Analysen basieren auf der Diagnose, dass die Moderne selbst krisenhaft strukturiert ist. Er sagte „unvollendetes Projekt“ dazu. Was sein Denken aber besonders macht, ist, wie beharrlich er dabei an der Kraft der Vernunft festhielt. Handfest mischte er sich ein – und lag dabei öfter daneben.

Zur Wiedervereinigung und zuletzt zum Ukrainekrieg kam von ihm wenig Hilfreiches. Darüber hinaus rekonstruierte er die gesellschaftlichen Bedingungen des Diskurses selbst. Dabei vertraute er unbeirrt auf die Möglichkeit vernünftiger Kommunikation, so verschüttet sie in der gesellschaftlichen Realität auch erscheinen mag. Für ihn ist Verständigung in die Sprache selbst eingebaut.

Wird dieser Aspekt seines Werkes bleiben? Dass er sich den idealen Diskurs in etwa wie ein universitäres Hauptseminar vorstellte, mag fragwürdig sein. Aber auf jeden Fall kann man von seiner Theorie aus sehen, wie kaputt eine Öffentlichkeit ist, in der Milliardäre Zeitungen und soziale Medien schlicht aufkaufen und manipulieren können und in der ultrarechte Strategen die Zone mit Shit fluten.

So revolutionär wie der Buchdruck

Mit solchen Maßnahmen verhindert die Macht die notwendige freie Selbstreflexion innerhalb der modernen Gesellschaften, die für Habermas die Voraussetzung für die Emanzipation ihrer Mitglieder darstellt.

Nun kann einen der Zustand der Welt wenig hoffnungsfroh stimmen. Verzweiflung war für Habermas dennoch nie eine Option. In einem seiner letzten größeren Texte – „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – dachte er über die neuen Medien nach und würdigte deren revolutionäres Potenzial: „Wie der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht hat, so macht die Digitalisierung heute alle zu potenziellen Autoren.“ Daran schließt er die Frage an: „Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen gelernt hatten?“ Und: „Auch die Autorenrolle muss gelernt werden.“

Das ist er, so war er. Die Strukturen der Öffentlichkeit müssen von Machtimperativen befreit werden, und ihre Teilnehmer müssen argumentieren lernen. Auf seine Art ist das ein ziemlich radikales Programm.

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Dirk Knipphals
Ressortleiter Kultur
Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, von 1994 bis 1996 bei der taz.hamburg, seit 1999 in Berlin.
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6 Kommentare

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  • Dass von Herrn Habermas zum Ukrainekrieg nichts hilfreiches gekommen sei, sehe ich nicht so, im Gegenteil.



    Wenn man seine Stellungnahme in der SZ sorgfältig gelesen hat, dann findet man darin sehr wichtige Denkansätze, die im öffentlichen Diskurs, der zudem unter dem Kriegseindruck steht, bislang überhaupt nicht diskutiert wurden.



    Darin waren genau das Dilemma vorausgesagt, unter dem Deutschland nun leidet, nämlich die sich gegenseitig verstärkende Dialektik bzw. gegenseitige Verstärkung zwischen verbaler, militärischer Unterstützung Deutschlands und die dadurch laufende Verfestigung der deutschen Abhängigkeit von ukrainischen Entscheidungen. Diese werden wiederum von der deutschen Beteuerung verstärkt, dass die Unterstützung unendlich sein würde.



    Dies ist ein sich gegenseitig verstärkender Mechanismus, mit dem sich die deutsche Position vollständig abhängig macht von der ukrainischen Position, ohne dann noch die Möglichkeit zu haben, die ureigenste deutsche Position wahrzunehmen, wozu sich die deutschen Politiker eigentlich per Eid verpflichtet haben.



    In dieser Richtung hat sich Erich Vad auch geäußert, leider wurden solche abweichenden Meinungen von den Medien kaum beachtet.

  • Über kurz oder lang wird sich zeigen, was das Vermächtnis dieses großen Intellektuellen m. Reichweite u. Eindringtiefe in die Gesellschaft ist u. bleibt.



    Dann wird auch der Eindruck der letzten Stellungnahmen etwas verwischt werden und die Bewertung des Gesamtwerkes offenbar werden.



    2019 bei deutschlandfunkkultur.de



    "Mit 90 Jahren legt Jürgen Habermas eine monumentale Philosophiegeschichte vor. Im Zentrum stehen der Konflikt zwischen Glauben und Wissen und das abendländische Denken: Nicht-westliche und feministische Philosophie bleiben außen vor."



    /



    "Wo Habermas irrt.



    In der deutschen Debatte um Russlands Krieg in der Ukraine blüht die Naivität (...)



    In seinem neuesten Beitrag zum Krieg gegen die Ukraine reihte sich Jürgen Habermas ein weiteres mal in die Gruppe jener deutscher Intellektuellen ein, die Verhandlungen mit Russland fordern, ohne die osteuropäischen Zusammenhänge und den Kriegskontext hinreichend reflektiert zu haben."



    salonkolumnisten.de 2023



    Weiter als Schluss:



    "Dies ignoriert in erschreckender Weise die bis heute vorhandene russische Absicht, die Ukraine als Staat zu vernichten."



    Von:



    Andrea Gawrich, Professorin Gießen



    Anna V. Wendland, Technikhistorikerin Marburg

  • "Das ist er, so war er. Die Strukturen der Öffentlichkeit müssen von Machtimperativen befreit werden, und ihre Teilnehmer müssen argumentieren lernen."

    Von diesen Fähigkeiten entfernen sich die modernen Gesellschaften immer mehr. Die Macht des durchdachten Argumentes wird durch schnöde Behauptung ersetzt. Jeder darf, kaum einer kann. Und nun lassen wir bestensfalls den Job von einer programmierten KI erledigen.

    Somit wird der Mensch immer mehr programmiert...

  • Habermas skizzierte eine optimistische und doch realistische Perspektive. Mündlich kaum verständlich und schriftlich schon zum langsamen Lesen zwingend (und manchmal hätte er dasselbe auch wirklich klarer ausdrücken können), doch aus dem Vollen schöpfend und kritisch. Ein gutes Beispiel gelungener Selbst-Ent-HJ-isierung.

  • Und wir werden jetzt mit Salonschwätzern wie Precht alleingelassen.

    • @FraMa:

      Habermas kam bekanntlich nur bis Hilden (und nicht Solingen).