piwik no script img

US-israelischer Angriff auf den IranDie Büchse der Pandora ist geöffnet

Karim El-Gawhary

Kommentar von

Karim El-Gawhary

Der völkerrechtswidrige Angriff auf den Iran wird das Mullah-Regime kaum zu Fall bringen. Zwei andere Szenarien sind jetzt wahrscheinlicher.

Die USA und Israel griffen am Samstag den Iran an – was die Militäroffensive bezwecken soll, bleibt unklar Foto: Pleiades Neo (c) Airbus

M ilitärs brauchen deutlich formulierte Kriegsziele. Was die USA und Israel mit ihrem Angriff auf den Iran bezwecken, ist jedoch alles andere als klar kommuniziert. US-Präsident Donald Trump wollte uns noch letzten Sommer davon überzeugen, dass das iranische Atomprogramm beim letzten US-Angriff auf den Iran praktisch „ausradiert“ worden sei. Sein Nahost-Gesandter Steve Witkoff argumentierte aber vor ein paar Tagen, dass der Iran eine Woche vor dem Bau der Atombombe stehe.

Dann redet Trump davon, dass die iranischen Raketen demnächst die USA erreichen könnten. Und nicht zuletzt spricht er vom Regimewechsel in Teheran und dass die Iraner sich nun selbst befreien könnten. Derartig breit angelegte Kriegsziele tragen das Rezept des Scheiterns schon in sich.

Es ist unwahrscheinlich, dass die heterogene iranische Protestbewegung in den nächsten Tagen in Teheran die Macht übernimmt. Zwei andere Szenarien sind als Ausgang wahrscheinlicher.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Das iranische Regime kommt im Doppelpack daher: mit der Macht der Mullahs, aber auch mit den Revolutionsgarden, die im Grunde eine klassische Militärdiktatur darstellen. Gut möglich, dass die Mullahs beseitigt werden und die Militärdiktatur oder einer ihrer Offiziere versucht, einen Alleingang zu starten. Das Land wäre dadurch stabilisiert – das ist nur nicht das, was die Protestbewegung im Sinn hat.

Chaos und Bürgerkrieg

Das zweite Szenario wäre das von Chaos und Bürgerkrieg. Denn die Protestbewegung ist zwar stark und laut, aber das Regime hat trotzdem noch genug Unterstützer und Profiteure. Diesen Fortgang der Ereignisse fürchten die arabischen Nachbarn und die Golfstaaten, die keine Freunde des iranischen Regimes sind. Sie haben vor diesem Angriff auf den Iran gewarnt, genau mit dem Argument, dass eine ohnehin fragile Region so in noch mehr Instabilität gestürzt würde.

Die Interessen von Trump und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu sind hinsichtlich der weiteren Entwicklung nicht immer deckungsgleich. Trump hofft wahrscheinlich auf irgendeine Art von Putsch aus den Reihen der Revolutionsgarden und auf einen neuen starken Mann, der die Lage stabilisiert und eine freundliche Politik gegenüber den USA und Israel betreibt. Seine Verbündeten am Golf dürften dementsprechend Druck machen, damit die Situation nicht völlig außer Kontrolle gerät.

Netanjahu wiederum hätte dagegen keinerlei Probleme mit einem auf Dauer instabilen Iran und mit arabischen Nachbarn, die dann damit beschäftigt wären, dass die Situation nicht zu ihnen überschwappt. Instabilität bedeutet Schwäche. Es wäre ein Weg, die israelische Hegemonie in der Region zu zementieren.

Aber eines ist schon jetzt klar: Mit dem erneuten Angriff auf den Iran wurde eine Pandora-Box geöffnet. Und in Wirklichkeit hat derzeit niemand die Kontrolle darüber, wie es weitergehen wird.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Karim El-Gawhary
Auslandskorrespondent Ägypten
Karim El-Gawhary arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über den Arabischen Frühling, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildug.. 2024 bekam er das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich verliehen. Er hat fünf Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015) Repression und Rebellion (Wien 2020)
Mehr zum Thema

0 Kommentare