Irans getötetes Oberhaupt Ali Chamenei: Der rachsüchtige Unterschätzte mit Wahnvorstellungen
Der oberste Führer der Islamischen Republik Iran herrschte 37 Jahre lang und trieb sein Land in die Isolation und in den Ruin. Wie er es an die Spitze schaffte.
Irans obersten Führer Ali Chamenei wurde oft unterschätzt. Viele zahlten dafür einen sehr hohen Preis, viele von ihnen kostete es das Leben.
Nach der Verfassung hätte er gar nicht Führer der Islamischen Republik gewesen sein dürfen. Er war ein zweitrangiger Geistlicher, kein Gelehrter, wodurch ihm der Weg an die Spitze des Systems, das sich „Herrschaft der Gelehrten“ (وﻻﯾﺖﻓﻘﯿﮫ) nennt, verwehrt gewesen wäre.
Vor 37 Jahren war der damalige Parlamentssprecher Ali Akbar Haschemi Rafsandschani die Schlüsselfigur im „Expertenrat“ und damit der mächtigste Mann des Systems: Mit Tricks und Lügen hievte er Ali Chamenei auf den obersten Platz. Der „Expertenrat“ wählte Chamenei zunächst nur zum provisorischen Führer. Er wurde aber zu einem dauerhaften Diktator, herrschte fast vier Dekaden.
Zu jener Zeit, kurz vor seiner Wahl, zeigte er sich devot und zutiefst demütig. Seine Selbsterniedrigung gipfelte in dem Satz, man müsse das Land beweinen, das jemanden wie ihn zum Führer wähle. Er wusste, dass er unterschätzt wird. Das war wahrscheinlich eines der wenigen wahren Worte, die er je verlauten ließ. Er war rachsüchtig und nachtragend.
Seine Illusion, er könne mit seiner sogenannten „Strategischen Tiefe“ Israel vernichten, zeigte hingegen seine Selbstüberschätzung. Sein krankhafter Israel-Hass resultierte sicherlich aus seiner islamistischen Ideologie, der er zeit seines Lebens treu blieb.
Aufgewachsen in armen Verhältnissen
Er stammte aus einer Familie, die in einem Armenviertel der Stadt Maschhad im Nordosten Irans sehr bescheiden leben musste. Mit einem gewissen Stolz erzählte er oft, wie seine siebenköpfige Familie gedrängt in zwei kleinen Zimmern hauste.
Sein Vater war ein strenger, rückständiger Prediger, der als Vorbeter in einer kleinen Moschee von den Gaben der Gläubigen lebte. Er war in der Stadt fremd. Weil er gegen die Verfassungsrevolution gewesen war, musste er Anfang des vergangenen Jahrhunderts seine Heimat in der iranischen Provinz Aserbaidschan im Nordwesten des Landes verlassen. Er siedelte nach Maschhad um, weil die Stadt zwar religiös, aber im Gegensatz zu seiner Heimatstadt nicht revolutionär war.
Dort schottete er seine Familie von allem ab, was nach Moderne oder westlich aussah. Seine drei Söhne mussten schon als Heranwachsende Mullah-Kleidung tragen. In der Familie wurde nur Aseri-Türkisch gesprochen, da der Vater des Persischen nicht mächtig war. Sein Sohn Ali Chamenei hielt sich dennoch für einen Poesieexperten, einen Kenner der persischen Literatur. In seiner Residenz ließ er alljährlich seine Hofdichter vortragen – er bewertete, lobte, kritisierte.
Das Atomprogramm und seine Konsequenzen
Chamenei herrschte 37 Jahre lang wie in einer Wahnvorstellung. Sein kostspieliges Atomprogramm zerstörte die iranische Wirtschaft und die Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Zum Ergebnis hatte es weder Strom noch eine Atombombe, sondern seinen Tod.
Denn es war Chameneis Atomprogramm, das US-Präsident Donald Trump und seinen israelischen Amtskollegen Benjamin Netanjahu das Hauptargument für die Luftschläge lieferte. Ali Chamenei starb während der Angriffe, gescheitert und verhasst, und hinterließ ein armes, isoliertes Land, dessen Zukunft vollkommen unklar ist.
Warum er dieses, potenziell sehr reiche und hochgebildete Land an den Rand des Ruins trieb, hatte er im Mai 2015 ganz offen gesagt: „Wenn ich den göttlichen Willen nicht ausführen will, warum bin ich dann hier, an der Spitze dieses Systems? Nicht für den wirtschaftlichen Wohlstand des Volkes, sondern für die Stärkung seines Glaubens an die Herrschaft des Gelehrten „Velayete Faghih“ sitze ich, sitzen wir alle hier, sonst gäbe es für uns keinen Grund, da zu sein.“
Gewaltsamer Verhinderer von Reformversuchen
Als er diese Worte äußerte, saßen ihm der ehemalige Präsident Hassan Rohani und ein Dutzend weitere wichtige Personen gegenüber. Gerade hatte Rohani mit den Amerikanern im Atomkonflikt ein Abkommen erzielt. Chamenei wollte klarstellen, mit ihm werde es nie eine Öffnung nach innen und außen geben, des Atomabkommens zum Trotz, das letztlich doch scheiterte.
Er verhinderte gewaltsam alle Reformversuche seines Systems und verlor so Legitimität und Akzeptanz, innerhalb seines Landes und in der internationalen Politik. Vier große, landesweite Massenproteste schlug er brutal nieder. Zuletzt starben Anfang Januar in nur zwei Nächten zigtausende junge Demonstranten.
Nun ist Iran mit Tod seines Diktators an einem wichtigen Wendepunkt seiner Geschichte angelangt. Etwas, worauf die Iraner seit Generationen warten. Und wofür Tausende zum Jahresanfang ihr Leben ließen.
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