piwik no script img

Europa und der Iran-KriegSchrödingers Völkerrecht

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Der Krieg der USA gegen Iran verstößt gegen internationales Recht. Merz & Co weigern sich das Offensichtliche auszusprechen. Und schaden sich selbst.

Interessieren sich für Völkerrecht, wenn es ihnen in den Kram passt: Keir Starmer, Friedrich Merz und Emmanuel Macron Foto: Thomas Kienzle

D er Angriffskrieg der USA gegen Iran ist ein rüder Bruch des Völkerrechts. Rechtlich existiert kein nennenswerter Unterschied zu Putins Überfall auf die Ukraine. Dass Trump und Netanjahu behaupten, dass sie einem iranischen Angriff nur zuvorkommen, ist die übliche Kriegspropaganda. Das iranische Regime hält seine Herrschaft nach innen mit extrem brachialer Gewalt aufrecht. Außenpolitisch ist Teheran nach dem Zwölftagekrieg 2025 und dem Fall des syrischen Diktators Bshar Al-Assads Ende 2024 so schwach wie seit Jahrzehnten nicht.

Was sagen eigentlich die Bundesregierung und Europa zu diesem Krieg? Friedrich Merz, Keir Starmer und Emmanuel Macron „verurteilen die Angriffe auf das Schärfste“ – allerdings nicht die Bomben auf Teheran, sondern die laut Völkerrecht legitimen iranischen Gegenangriffe auf US-Basen und Israel. Der deutsche Außenminister kann derzeit nicht beurteilen, ob Trumps Krieg dem Völkerrecht widersprechen könnte. Dazu fehlten ihm Informationen. Welche könnten das sein?

Die Wahrheit ist in Kriegen eine Frage des Zeitpunkts. Ob das iranische Regime kollabiert oder noch blutiger regieren wird, ob Iran zu einem zweiten Irak wird oder ob Trump an diesem neoimperialen Spuk in den Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie bald die Lust verliert – wir wissen es nicht.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Aber dass Europa (mit löblicher Ausnahme Spaniens) nicht in der Lage ist das Offenkundige auszusprechen, ist mehr als moralisches Versagen. Europa degradiert in Zeiten, in denen internationale Regelsysteme zerstört werden, das Völkerrecht zu nice to have. Das Völkerrecht à la Merz gilt in der Ukraine, aber nicht für unsere Gegner. So ruinieren die EU und Deutschland ihre Soft Power. Wie sollen Merz oder Macron in Indien, China, Brasilien oder Südafrika Solidarität mit der Ukraine einfordern, wenn ihre Doppelmoral offenkundig dokumentiert ist?

Europa schadet sich mit dieser Feigheit vor dem Freund im Weißen Haus (der übrigens, schnell vergessen, keiner mehr ist). In der entstehenden brutalen, anarchischen Weltordnung muss Europa ein Interesse an Regeln haben. Es ist unklug, sie eigenhändig zu untergraben.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
Mehr zum Thema

0 Kommentare