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Straße von HormusStraßensperrung mit Folgewirkung

Der Krieg der USA und von Israel gegen Iran findet in einer der wichtigsten Ölregionen der Welt statt. Eine FAQ zu den möglichen Folgen.

Wichtiger Seeweg: Fischerboote vor Öltankern südlich der Straße von Hormus Foto: Kamran Jebreili/AP/dpa

Der Angriff der USA und von Israel auf Iran findet in einer der wichtigsten Ölregionen der Welt statt. Wird jetzt das Öl knapp?

Das lässt sich noch nicht sicher voraussagen. Bislang beträgt die globale Ölproduktion nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) 106,6 Millionen Barrel pro Tag (159 Liter je Barrel). Iran selbst produziert täglich etwa 3,3 Millionen Barrel Öl, wovon mehr als 2 Millionen Barrel in den Export gehen, wegen der westlichen Sanktionen vor allem nach China. Unklar ist, ob das angegriffene Land dazu weiterhin in der Lage sein wird.

Allerdings hat das Ölkartell Opec plus, dem Saudi-Arabien, Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman, Kasachstan, Algerien und Russland angehören, sich am Sonntag darauf verständigt, die Ölproduktion im April um 206.000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Allerdings gibt es Transportprobleme: Irans Revolutionsgarden haben am Samstag bekanntgegeben, dass die Straße von Hormus bis auf Weiteres für die internationale Schifffahrt gesperrt sei. Nach staatlichen Angaben Omans wurde bereits ein Öltanker angegriffen. Die Meerenge ist der einzige Weg zum Persischen Golf.

Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass der Ölpreis deutlich ansteigt. Schon vor dem Angriff auf Iran hatten alleine die Drohungen der USA zu einer Verteuerung geführt. So kostete am Freitag ein Barrel Brent Nordseeöl mit 72,48 US-Dollar bereits zehn Prozent mehr als zehn Tage zuvor. Laut der britischen Bank Barclays könnte der Preis Anfang dieser Woche auf bis zu 100 US-Dollar steigen.

Sollte die Straße von Hormus nicht zeitnah wieder passierbar sein, fürchten manche Ana­lys­t:in­nen auch einen noch höheren Anstieg, was zuletzt nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 der Fall war. „Schon der Wegfall weniger Prozent Öl auf dem Weltmarkt kann sehr preisbewegend sein“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Rohstoffexperte des Kiel Instituts für Weltwirtschaft.

Warum ist die Straße von Hormus so wichtig?

Die Straße von Hormus ist eine 55 Kilometer breite Meerenge zwischen Oman und Iran und war bereits in der Antike ein wichtiger Seeweg. Heutzutage verbindet sie wichtige Ölhäfen des Nahen Ostens mit den Weltmeeren. Nach Angaben von Rohstoffexperte Gern werden je 20 Prozent des globalen Handelsvolumens an Öl und Flüssiggas durch die Straße von Hormus transportiert, unter anderem aus Irak, aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait. Ein großer Teil des Öls geht nach Asien, vor allem nach China.

Zwar gibt es Alternativen zum Seetransport, etwa die Ost-West-Pipeline von Saudi-Arabien zum Roten Meer und die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline der Vereinigten Arabischen Emirate. Aber sie haben nur sehr begrenzte Kapazitäten.

Welche Folgen hätte eine Dauerblockade der Straße von Hormus?

Brechen 20 Prozent der globalen Ölproduktion über einen längeren Zeitraum weg, kann das nicht ausgeglichen werden. Es würde zu Engpässen kommen. Zwar gibt es sogenannte Reservekapazitäten in Form nicht voll ausgelasteter Förderstätten – aber die liegen auch in der Region und müssen über die Straße von Hormus transportiert werden.

Bei einer langen Sperrung würden die Preise weit über 150 Dollar pro Barrel steigen, erwartet Rohstoffexperte Gern. Das würde die Inflation anheizen, denn alle Produkte, für deren Herstellung Öl benötigt wird, würden teurer, Transporte ebenso. Je länger die Blockade andauern würde, desto größer wären die Probleme. Unternehmen könnten etwa die Herstellung ölintensiver Produkte einstellen, Staaten schlimmstenfalls Öl rationieren.

Die Ölkrisen der Jahre 1973 und 1979/80 führten in den Industrieländern zu schweren Wirtschaftskrisen. Die Ölkrise 1973 wurde durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelöst, der mit dem Überfall arabischer Staaten auf Israel begann. Arabische Staaten drosselten gezielt ihre Ölförderung, um die westlichen Länder dazu zu bringen, Israel nicht mehr zu unterstützen.

Die Krise 1979/80 folgte auf die Islamische Revolution in Iran und den anschließenden Angriff Iraks auf das Land, den Ersten Golfkrieg. Auch der Zweite Golfkrieg 1990 und der Irakkrieg 2005 führten zu vorübergehenden Preisspitzen. Eine Lehre aus den Ölschocks: Länder und Unternehmen haben große Lagerbestände an Öl aufgebaut, die für die Überbrückung einiger Wochen reichen.

Wie wahrscheinlich ist eine Dauerblockade?

Das ist schwer zu sagen. Iran braucht die Straße von Hormus für eigene Ex- und Importe. Andererseits könnten Irans Machthaber zum Äußersten entschlossen sein, wenn es um die Existenz ihrer Islamischen Republik geht – und es ist noch völlig offen, wie lange sie sich an der Macht halten können. Für eine Sperrung wäre keine physische Blockade nötig, die Androhung von Attacken reicht.

Betroffen davon würden auch die USA sein, die zwar einerseits inzwischen zum größten Produzenten von Öl und Gas geworden sind, andererseits aber nach wie vor einen Anteil von 40 Prozent des Rohöls und anderer Petroleumarten importieren. Ein Grund dafür ist, dass einige US-Raffinerien eine bestimmte Sorte Öl benötigen, die in den USA selbst nicht produziert wird.

Wer profitiert von steigenden Ölpreisen?

Ein großer Profiteur wäre Russland. Das Land exportiert trotz westlicher Sanktionen weiterhin viel Öl, wenn auch unter Weltmarktpreisen. Im Februar waren es 2,8 Millionen Barrel. Hauptabnehmer sind Indien und China. Steigen die Preise, spült das mehr Geld in Putins Kriegskasse.

Welche Folgen haben hohe Ölpreise für Verbraucherinnen und Verbraucher?

Energiekonzerne geben steigende Preise rasch weiter. Sprit würde schnell teurer werden, für viele Menschen auch das Heizen. Denn 17 Prozent der Wohnungen in Deutschland haben noch immer Ölheizungen. Und: Hohe Energiekosten heizen die Inflation insgesamt an. Das Leben würde teurer.

Die deutsche Wirtschaft hat den Energiepreisschock nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine noch nicht weggesteckt. Was würde ein stark steigender Ölpreis für sie bedeuten?

Nichts Gutes. Deutschland befindet sich nach wie vor in einer schlechten Wirtschaftslage. Hohe Ölpreise würden die schwierige Lage noch verschärfen. Die Energiekosten machen vielen Unternehmen schon jetzt schwer zu schaffen. Vor allem, wenn Preise sprunghaft steigen, ist das ein Problem. Dann können Unternehmen sich nicht darauf einstellen.

Nach wie vor ist die Abhängigkeit von Öl in Deutschland hoch. Von den Energieimporten im Wert von 83 Milliarden Euro im Jahr 2023 entfielen nach Angaben des Öko-Instituts 49 Milliarden auf Öl. Allerdings: Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, dann soll kein Öl mehr zur Energieerzeugung importiert werden. Denn das ist extrem klimaschädlich. „Die Abkehr vom Öl leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Resilienz der deutschen Wirtschaft“, sagt Philipp Godron, Programmleiter Strom beim Thinktank Agora Energiewende. Der Ausbau etwa von Wind- und Sonnenkraft trägt langfristig dazu bei, die Energiepreise zu senken, betont er.

Wären stark steigende Preise des Öls nicht auch eine Chance für einen schnelleren Abschied von diesem Klimakiller?

Nicht unbedingt. „Es braucht einen politischen Rahmen, der darauf abzielt, den Umstieg auf klimafreundliche Alternativen attraktiv zu machen“, sagt Godron. Ein Beispiel: Steigen die Spritkosten um 20 Cent je Liter, ist das kein direkter Impuls zur Anschaffung eines E-Autos. Denn die Anschaffungskosten spielen für potenzielle Käu­fe­r:in­nen die zentrale Rolle. Gibt es aber einen Zuschuss vom Staat, könnte beides zusammen ein Anstoß werden.

Gibt es Länder, die weniger unter einem steigenden Ölpreis leiden würden, weil sie aus vorherigen Energiekrisen gelernt haben?

Ein Beispiel dafür ist Dänemark. Die Ölkrise 1973 hat das Land hart getroffen. Als Konsequenz stellte es die Wärmeversorgung um. So verpflichtete Dänemark bereits 1979 die Kommunen, eine Wärmeplanung vorzunehmen – womit Deutschland erst Jahrzehnte später begonnen hat. 2013 wurde in Dänemark der Einbau von Öl- und Gasheizungen in Neubauten verboten, Fernwärme spielt dort eine große Rolle. Viele Anbieter sind genossenschaftlich organisiert und schütten Gewinne nicht an Anteilseigner aus, sondern investieren sie.

Auch das damalige Westdeutschland hat auf den Ölschock 1973 reagiert. Es hat als Konsequenz unter anderem den Ausbau der Atomkraft forciert. Der Staat hat Unsummen in diese Hochrisikotechnologie gesteckt. Bis heute ist die Frage nicht beantwortet, wie der nach dem Ausstieg übrig gebliebene radioaktive Müll sicher gelagert werden kann.

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6 Kommentare

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  • 5% es europäischen Öls geht die Strasse von Hormus...

    Das alles dient nur zu Gewinnmaximierung er Ölindustrie und des Steuerabzockens durch den Staat.



    Mögen denen alle der Champangner nicht mehr schmecken!

  • Da hat jetzt aber jemand eine großen Tankerstau verursacht. Einen wunderschönen, großen Stau. Einen wirklich großen. Wahrscheinlich den größten Tankerstau in der Geschichte der Vereinigten Staaten. In der Geschichte der Menschheit vielleicht sogar. Er ist wirklich sehr sehr groß.

  • Jetzt nochmal eindeutiger:



    Fr. Reiche ist die mit Abstand ungeeignetste Wirtschaftsministerin in dieser Situation.



    Herzlichen Dank nochmals an alle Merz (und auch spd!)- WählerInnen.

    • @So,so:

      Ich kann jetzt gerade nicht den Zusammenhang zwischen diesem Text, Frau Reiche, Herrn Merz und den SPD-Wählern herstellen: ?

  • Brent-Öl hat binnen 24 Stunden 6,2 Prozent verloren, wird bei US-$ 78,91 gehandelt. Bei einer Verknappung hätte der Preis auch anziehen können, was aber noch passieren kann. Ich weiß nicht, wie stark die Wirkung dieser Sperrung auf Dauer sein kann. Das BIP in Deutschland soll dieses Jahr um ca. 1 Prozent steigen, ob das durch so eine Sperrung in Gefahr gerät? ich vermute nicht.



    Für die Volkswirtschaft des Irans sehe ich große Probleme, da das Land doch stärker unter den Sanktionen leidet und China/Russland nicht wirklich in die Bresche springen. Noch vor Kurzem hat Iran ziemlich verzweifelt versucht, sein Öl loszuwerden.



    Ich halte es nicht für unmöglich, dass die USA diese Sperrung noch knacken. Momentan geht es ja um die iranische Führung, das Atomprogramm und die Rakten bzw. Rüstungsindustrie.

  • Das Regime im Iran war zuletzt fragil, schwach, jedoch hoch aggressiv und ließ Zehntausende Menschen töten.

    Die Folgen der Militäraktion der USA/Israels werden weltweit Menschen tragen, die viel zu verlieren haben, Menschen die wenig an dieser geostrategischen Lage ausrichten können, Menschen die eh schon wenig haben und die Belastungen direkt oder indirekt ausgesetzt sein werden:



    -Getötete Zivilist:innen im Iran, Libanon



    -Hunderttausende, die auf der Flucht sind/sein werden



    -Menschen in Europa/Amerika/Nahost, die in diesem Jahr mehr finanziellen/materiellen Belastungen für Energie, Wohnen, Mobilität und durch Preisanstiege ausgesetzt sind...

    Politisch lässt sich alles "argumentieren".



    Millionen Menschen werden die Folgen dieser kriegerischen/militärischen Eskalation jedoch spüren ohne sich davor schützen zu können. Die "Weltpolitik" in den Händen von 50 Menschen - immer stärker abgekoppelt von internationalen Regelwerken. Keine gute Aussicht.