Tourismusmesse ITB: Die drei Top-Klimakiller im Urlaub
Die Reisebranche trifft sich zu ihrer jährlichen Messe in Berlin. Um ihre Klimawirkung kümmert sie sich dabei laut Experten nicht genug.
Ohne eine Prise Nachhaltigkeit geht es nicht: Als „natürlichste Art zu reisen“ bewirbt die Internationale Tourismus-Börse Berlin (ITB) Abenteuer- und Sportreisen. Die jährliche Messe der Tourismusbranche in der deutschen Hauptstadt hat am Dienstag begonnen. Auf einer Tour über das Gelände konnten sich die Fachbesucher*innen etwa auch darüber informieren, wie sich touristische Ziele weltweit auf die Folgen des Klimawandels einstellen.
Ist die Reisebranche ökologisch auf der Höhe der Zeit? Obwohl Nachhaltigkeit im dreitägigen Programm der Messe hier und da auftaucht, sieht der Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung das klimafreundliche Reisen auf der ITB nicht ausreichend repräsentiert.
Knie findet: Deutschland müsse bei dem Thema Vorbild sein. Urlaub und Reisen seien weiterhin sehr schädlich für das Klima. In der Bundesrepublik sei der Verkehr immerhin für ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich, etwa die Hälfte davon entfalle auf das Reisen.
Die Klimawirkung eines Urlaubs hänge wiederum stark von der Art der Reise ab, erklärt Jakob Graichen, Energie- und Klimaforscher am Öko-Institut. Klar: Ein Langstreckenflug mit Übernachtung in einem großen Hotel verursacht mehr Treibhausgas als eine Fahrradtour mit Zeltnächten. Den größten Unterschied mache, ob geflogen werde oder nicht, so Graichen. „Urlaub ist höchst individuell, weshalb auch die Klimawirkung höchst individuell ist.“
Die größten Klimakiller beim Urlaub
„Fliegen ist mit ganz großem Abstand Klimakiller Nummer eins“, betont auch Andreas Knie. Das Fliegen verursacht immense CO2-Emissionen durch die Verbrennung des Flugkraftstoffs Kerosin und etwa auch die Kondensstreifen.
Trotzdem sei Deutschland derzeit wieder bei 85 Prozent des Flugverkehrs der Vor-Corona-Zeit angelangt, erklärt der Verkehrsforscher. Geschäftsflüge gingen zwar deutlich zurück – die Anzahl der Flüge im Tourismusbereich sei jedoch um über 100 Prozent gestiegen. Hinzu komme, dass nur 10 Prozent der Deutschen regelmäßig fliegen, sagt Knie weiter – die hohe Klimawirkung der Flugreisen geht also auf das Konto eines kleinen, verhältnismäßig reichen Teils der Bevölkerung.
Die Lösung: Flüge müssten zurückgeschraubt werden. „Jeder vermiedene Flug ist gut für das Klima“, sagt auch Jakob Graichen.
Weit entfernte Reiseziele sind jedoch nur in Ausnahmen ohne Flugzeug erreichbar, klimafreundliche Langstreckenreisen seien schwierig, sagt Graichen. Das Umweltbundesamt rät daher, Reiseorte zu hinterfragen – auch in Europa gebe es schöne Ziele, Bus und Bahn seien hier die klimafreundlichere Alternative.
Klimakiller Nummer zwei: Kreuzfahrtschiffe
Auf Platz zwei der klimaschädlichsten Reisemittel stehen Kreuzfahrtschiffe. In der EU müssen Schiffe ab einer gewissen Größe ihre Emissionen an die Behörden melden – seit 2024 neben CO2 auch Methan und Lachgas. Je nach Reederei würden sich die Treibhausgasintensitäten jedoch erheblich unterscheiden, erklärt Raija Koch, Verkehrsreferentin beim Naturschutzbund Nabu. Für eine siebentägige Kreuzfahrt im Mittelmeer zum Beispiel lägen die CO2-Emissionen pro Passagier*in und Kreuzfahrt zwischen 400 und 2.000 Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalenten, je nach Effizienz der Schiffe.
„Schon durch eine einzelne Reise mit einer Länge von einer Woche kann somit das gesamte mögliche Jahresbudget an CO2-Emissionen für eine Person überschritten werden“, betont Koch. Die Kreuzfahrt-Branche prognostiziert sogar einen Anstieg an Passagier*innen. Laut dem internationalen Kreuzfahrtverband CLIA waren es 2024 knapp 35 Millionen – 2028 werden rund 42 Millionen erwartet.
Koch betont, dass die Kreuzfahrtschiffe nicht nur das Klima, sondern auch den Rest der Umwelt belasten. Viele Schiffe würden noch immer mit schädlichem, aber kostengünstigem Schweröl fahren. Schwefeloxide, Stickoxide und Feinstaub aus den Verbrennungsmotoren würden die Luft verschmutzen und Gewässer versauern. Das gefährde auch die menschliche Gesundheit – besonders bei Küstenbewohner*innen.
Ein weiterer Klimakiller im Tourismus: der Skiurlaub. Für WWF Deutschland steht fest: „Wirklich umweltfreundliches Skifahren gibt es nicht.“ Der Bau und Betrieb von Skigebieten schade Natur und Umwelt. Große Waldgebiete müssten gerodet und planiert werden.
Skitourist*innen leiden unter Klimakrise – und befeuern sie
„Für Skigebiete und die dazugehörige Infrastruktur sind gigantische Flächen notwendig“, erklärt Martina von Münchhausen, Tourismus-Expertin beim WWF Deutschland. Lebensräume der dort beheimateten Tiere würden zerstört. Die Folge: Das Risiko für Lawinen, Erdrutsche und Überschwemmungen würde steigen.
Bereits jetzt hat der Klimawandel zur Folge, dass nicht genügend Schnee für die Pisten da ist. Skiurlauber*innen „leiden“ also selbst unter der Krise, die sie befeuern, sagt von Münchhausen. In den vergangenen 100 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in den Alpen laut WWF um 2 Grad gestiegen. Deshalb müssten immer mehr Skipisten künstlich beschneit werden – das frisst wiederum immer Wasser, Energie und Geld.
Hauptproblem aber sei die An- und Abreise der Skitourist*innen. Fast alle würden mit dem Auto in die Skigebiete kommen, erklärt die Tourismus-Expertin. Die Alpen würden geradezu von „Autolawinen“ überrollt. Von etwa 50 Millionen Besucher*innen kämen nur 5 Prozent mit der Bahn.
Irankrieg überschattet Tourismus
Luftfahrtunternehmen, Kreuzfahrtanbieter und Unternehmen aus dem Skitourismus sind prominent auf der ITB vertreten. Die Messe wird allerdings ohnehin auch von geopolitische Fragen überschattet, die etliche ihrer Teilnehmer*innen betreffen: Vor dem Hintergrund des Angriffs der USA und Israels auf Iran steht die ITB laut eigener Aussage in engem Austausch mit ihren internationalen Partner*innen und Aussteller*innen.
Tourist*innen spüren derweil die Auswirkungen des Kriegsgeschehens. Kreuzfahrtschiffe des deutschen Unternehmens TUI Cruises sitzen in den Häfen der Region fest. Es gelte noch zu klären, ob und wann Rückflüge möglich seien, heißt es auf deren Website. Rund 30.000 deutsche Tourist*innen seien aktuell gestrandet, meldete der Deutsche Reiseverband am Sonntag – entweder in der Golfregion oder an Orten, von wo aus Flüge über dortige Flughäfen führen. Erfasst sind dabei nur die Pauschalreisenden. Wie viele Personen betroffen sind, die individuell gebucht haben, ist unbekannt.
Viele Flüge sind seit Samstag gecancelt worden. Am Dienstagmorgen ist das erste Flugzeug der emiratischen Airline Emirates von Dubai nach Frankfurt am Main gestartet. Die Vereinigten Arabischen Emirate bieten Sonderflüge für die gestrandeten Passagier*innen an.
Eine Vorhersage darüber, welche Folgen der Krieg in den nächsten Monaten auf den internationalen Tourismus haben werde, könne zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht getroffen werden, erklärte Albin Loidl, Präsident des Deutschen Reiseverbands, im Vorfeld der Messe am Montag.
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