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Iran-KriegWie Washington und Jerusalem Irans Führung angreifen

Mit Angriffen auf den obersten Führer, die Revolutionsgarden und den Expertenrat nehmen USA und Israel das iranische Regime ins Visier.

Beschädigte Gebäude in der offiziellen Residenz von Ajatollah Ali Chamenei in Teheran, Iran Foto: Satellite image ©2026 Vantor/AP

Welche Ziele bestimmen das Vorgehen des US-amerikanischen und israelischen Militärs gegen die Islamische Republik Iran? Die Reihenfolge, in der sie bislang angegriffen haben, gibt Aufschluss. Der Krieg beginnt am Samstagmorgen. Und nach Angriffen auf Raketenabschussrampen und andere Verteidigungsstrukturen Irans – zur Sicherung der Luftüberlegenheit – ist eines der ersten Opfer der Oberste Führer Ali Chamenei.

Die erste Überraschung für die iranische Führungsriege ist wohl, dass der Krieg nicht in der Nacht – wie sonst so oft – sondern am Morgen beginnt. Die zweite, dass Israel und die USA, im Gegensatz zum vergangenen Jahr, bei der Wurzel der Islamischen Republik beginnen. Fast alle Verkehrskameras in Teheran seien seit Jahren von Israel angezapft gewesen, berichten US-Medien, Chamenei zu verfolgen, daher eine Standardübung.

Der oberste Führer Irans, der dafür bekannt war, seine Macht weitreichend einzusetzen und der die Ausrichtung der Islamischen Republik stark prägte, wird getötet. Außer ihm mehrere wichtige Köpfe des Regimes: Der enge Berater und Sekretär des Verteidigungsrats Ali Shamkhani; der Stabschef der Sicherheitskräfte Abdolrahim Mousavi; Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh; der Kommandeur der Islamischen Revolutionsgarden Mohammad Pakpour und weitere führende Köpfe des Sicherheitssystems.

Die Macht in der Islamischen Republik ruht auf drei Säulen: Oberster Führer, Revolutionsgarden, Regierung. Es zeigt sich: Die USA und Israel gehen bislang vor allem gegen zwei Säulen – die Revolutionsgarden und den obersten Führer samt seinem inneren Zirkel – vor.

Angriff auf Expertenrat

Ein Angriff am Dienstagnachmittag geht in dieselbe Richtung: Das israelische und das US-Militär griffen am Dienstag den Sitz des sogenannten Expertenrats in der Stadt Qom an. Ein Gebäude des Rats in Teheran wurde wohl bereits zuvor attackiert. Nach einem Bericht des Telegram-Kanals Zed TV fand dort gerade eine Sitzung statt – zur Wahl des neuen obersten Führers der Islamischen Republik.

Wie viele der 88 Mitglieder des Rates zum Angriffszeitpunkt im Gebäude waren, ist unklar. Es sollen aber mehrere Mitglieder verwundet worden seien. Laut dem Portal Axios, das sich auf einen israelischen Beamten bezieht, habe man „die Wahl eines neuen Supreme Leaders verhindern“ wollen.

Dazu passt auch, dass der US-Präsident Donald Trump am Dienstag öffentlich erklärte: Es sei nun für Verhandlungen – die Iran angefragt habe – „zu spät“.

Iran hatte nach dem Tod Chameneis mit heftigen Gegenangriffen auf Israel und auf die arabischen Golfstaaten reagiert. Das Emirat Dubai wurde mehrfach getroffen, auch zivile Einrichtungen, etwa das berühmte Burj Al Arab Hotel. Teheran verwendet für diese Attacken Drohnen und Raketen, teils ballistisch.

Wie gehen die USA und Israel gegen Atomanlagen vor?

Strategisch gelten deshalb viele weitere Angriffe in Iran der Angriffsfähigkeit des Mullah-Regimes. So wurde etwa die Drohnenbasis Choka Balk-e in Westiran beschossen, außerdem verschiedene Raketenbasen, etwa in der zentralen Provinz Yazd oder bei Bandar Abbas an der Meerenge von Hormus. Auch Einrichtungen der Verteidigungsindustrie wurden getroffen.

Am Montag wurde außerdem ein Angriff auf den Nuklearstandort Natanz bestätigt. Der US-amerikanische Thinktank Institute for the Study of War berichtete, dass dabei mindestens drei Gebäude schwer beschädigt wurden. Die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA bestätigte Schäden an den Eingangsgebäuden der unterirdischen Atomanreicherungsanlage. Weitere Details sind dazu bislang nicht bekannt. Es werde keine erhöhte Strahlung oder eine sonstige damit im Zusammenhang stehende Gefahr erwartet, so die IAEA.

Im Zwölf-Tage-Krieg 2025 hatten sich Israel und die USA auf die Atomanlagen Irans fokussiert. Auch damals wurde Natanz angegriffen, zudem die Anlage Fordow und das Isfahan Atomtechnologie-Zentrum. Das Ergebnis, so der Konsens von Analysten: Ein Teil des bis dato angereicherten Urans konnte Iran wohl vor den Angriffen retten – allerdings wurde seine Fähigkeit, erneut anzureichern, deutlich beschränkt. An allen drei Anlagen wurde nach den Angriffen nur noch wenig Aktivität festgestellt.

Sorge bereitete vielen aber die Anlage Pickaxe Mountaint, südlich von Natanz. Dort wurden weiter Bauarbeiten beobachtet, die bereits vor dem Krieg begonnen wurden. Laut dem Insitute for Science and International Security, das die Anlage nach eigenen Angaben seit 2020 beobachtet, gilt sie aber nicht als einsatzbereit.

Nach eigenen Angaben haben Israel und die USA bislang insgesamt mindestens 1.000 Ziele angegriffen. Am späteren Dienstag gab das israelische Militär Warnungen für Industriezonen in Teheran sowie den Flughafen Payam heraus. Es ist gut möglich, dass auch diese Angriffe dem Verteidigungssystem Irans gelten werden.

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