Horrormusical „The Bride“: Die Braut der Botschaft
Zwischen Frankenstein-Mythos und feministischer Programmatik widmet sich Maggie Gyllenhaal in „The Bride!“ der Gefährtin von Mary Shelleys Monster.
Die österreichische Satirikerin „Toxische Pommes“, die vor allem durch Tiktok bekannt wurde, sezierte in einem präzisen Clip mit chirurgischer Komik, was das Kino bisweilen als „starke weibliche Hauptrolle“ verkauft. Unter dieser Überschrift jagt sie durch ein Arsenal vermeintlicher Tiefgründigkeit: erst wahnhaftes Schreien, dann ein wilder Tanz mit irrem Blick, gefolgt von mehr Geschrei und einem entschlossenen „Ich will f…!“.
Einen schnellen Schnitt später trägt sie sich unter Tränen zitternd Lippenstift auf. Mit clownesk verschmiertem Mund und bebender Empörung schleudert sie schließlich den Satz in die Kamera: „Du hast keine Ahnung, was es bedeutet, eine Frau zu sein!“
Es ist durchaus bemerkenswert, wie nah Maggie Gyllenhaals neuer Film dieser Dramaturgie kommt. Auch „The Bride!“ sitzt dem Irrtum auf, den der Zusammenschnitt in kaum zwanzig Sekunden karikiert: dass es für eine feministische Figur genüge, sie mit maximalen, bis ins Manische gesteigerten Gefühlswallungen auszustatten. Ida (Jessie Buckley), die später zur titelgebenden „Braut“ wird, durchläuft während der lose auf „Frankensteins Braut“ (1935) anspielenden Handlung sogar exakt die emotionalen Extreme, die im Clip vorkommen.
„The Bride! – Es lebe die Braut“. Regie: Maggie Gyllenhaal. Mit Jake Gyllenhaal, Christian Bale u. a. USA 2026, 126 Min.
Schon die Eröffnung gibt den Ton vor. „The Bride!“ beginnt in Schwarz-Weiß, und noch bevor Ida erscheint, ergreift die literarische Schöpferin Frankensteins selbst das Wort: Mary Shelley richtet den Blick auf die junge Frau und deutet an, sich ihrer bemächtigen zu wollen. Ob Ida tatsächlich von der Autorin besessen ist oder sie diese Verbindung nur fantasiert, bleibt in der Schwebe. Kurz darauf gerät Ida jedenfalls in einer eleganten Bar – zwischen Tischlämpchen, Cocktails und selbstzufriedenen Sexwitzchen männlicher Gäste – in Rage und hält ihnen mit zornigem Witz ihren Chauvinismus vor.
Wenig später ist sie tot, ermordet von der Mafia – schließlich spielt der Film im Chicago der 1930er Jahre. Doch Ida hat Glück im Unglück: Gleichzeitig wandelt das Geschöpf Frankensteins (Christian Bale), das sich selbst nur „Frank“ nennt, wie ein Gentlemangespenst durch die Schatten der Stadt. Inzwischen über ein Jahrhundert alt, gebildet, kultiviert, aber von existenzieller Einsamkeit, sucht er die Wissenschaftlerin Dr. Euphornius (Annette Bening) auf. Da die Menschen ihn wegen der Narben seiner Kreation fürchten, soll sie ihm eine Gefährtin schaffen, die genau so ist wie er: von den Toten erweckt.
Die Wiederauferstehung einer leidlich Widerspenstigen
Die Wahl fällt schließlich auf die in einem Armengrab bestattete Ida, die so zu neuem Leben gelangt. Ihre ersten Minuten gehören zu den stärkeren Momenten von „The Bride!“. Denn Ida zeigt anfangs wenig Interesse daran, die ihr zugedachte Rolle zu erfüllen: Sie verweigert sich sowohl ihrer Schöpferin als auch ihrem Möchtegernbräutigam mit dem berühmten Satz aus der Erzählung „Bartleby, der Schreiber“: „I would prefer not to.“ Wie bei Herman Melvilles stoischem Bürorebellen wird diese Formel zur höflichen, aber unerschütterlichen Absage an die Erwartungen, die an sie herangetragen werden.
Doch die durchdachte Vielschichtigkeit, die Maggie Gyllenhaal hier zeigt, hält nicht lange vor. Frank überzeugt Ida davon, sie habe einen Unfall erlitten und deshalb ihr früheres Leben vergessen – ein Leben, in dem sie angeblich bereits mit ihm verlobt gewesen sei. Und schon ihr erster gemeinsamer Ausflug führt sie in einen Nachtclub, wo Ida beinahe Opfer eines sexuellen Übergriffs wird. Frank tötet die Angreifer, woraufhin für die beiden nur die Flucht bleibt.
Aufwendig inszenierter Thesenfilm
Mit Versatzstücken einer „Bonnie und Clyde“-artigen Romanze, Comedyeinschüben und Musicaltanznummern setzt „The Bride!“ die Reihe sexualisierter Grenzüberschreitungen fort, denen Ida immer wieder ausgesetzt ist. Maggie Gyllenhaals erzählerische Absicht, ein wütendes feministisches Gleichnis zu formen, ist offenkundig gut gemeint – doch die penetrante Plakativität, mit der ihr Film seine Botschaften platziert und eine glaubhafte Entwicklung wiederholt dem argumentativen Punkt opfert, lässt ihn bald zu einem schalen, wenn auch aufwendig inszenierten Thesenfilm werden.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „The Bride“
Selbst Nebenfiguren wie das Ermittlerduo, das Ida und Frank auf den Fersen ist, sind dazu verdammt, das Argument zu illustrieren: Der eigentliche analytische Kopf ist Myrna Mallow (Penélope Cruz), doch ihre Einfälle werden lange von ihrem männlichen Vorgesetzten (Peter Sarsgaard) ignoriert, schlicht weil sie eine Frau ist.
Und schließlich setzt „The Bride!“ auch in der Erscheinung der titelgebenden Figur auf eine Optik, die wenig Spielraum für reizvolle Ambivalenz lässt. Ida trägt nach ihrer Wiederbelebung einen an ein „Glasgow Smile“ erinnernden Tintenklecks um den Mund, der zusammen mit der wasserstoffblonden Mähne unweigerlich an „Harley Quinn“ erinnert. Abseits sprachlicher Raffinessen wirkt Ida auch kaum komplexer als die Comic-Antiheldin in ihren jüngsten Filmauftritten.
Angereichert ist dieses grell aufgeladene Szenario übrigens mit Musik von Fever Ray, die im Film selbst für einen kurzen Moment auftaucht. Gerade lange genug, um sich gewahr zu werden, dass die von ihr geschaffene Kunstfigur mit den ebenfalls wasserstoffblonden Haaren ungleich mutiger wirkt und jene queerfeministische Dekonstruktion von patriarchalen Strukturen verkörpert, die „The Bride!“ eben auch hätte sein können.
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